Eine Mutter telefoniert am Küchentisch mit dem Hologramm ihres Sohnes und schneidet sich dabei: Ihr Blut tropft schwarz. Die Frau ist schon drei Jahre zuvor gestorben. Sie „lebt“ aber weiter als digitales Wesen im Programm „Infinitalk“, das Linus (Friedrich Mücke) und seine drei Kompagnons entwickelt haben und nun einem japanischen Investor präsentieren. Linden Li (David Tse) besitzt ein Monopol auf Hologramm-Technologien. Mit der Kombination könnte jeder ein ewiges digitales Leben simulieren.

Ein Science-Fiction-Thriller im Hauptabendprogramm – wann hat es das zuletzt gegeben? „Exit“ spielt 2047 in Tokio. Der Thriller ist der Auftakt einer „Near-Future“-Reihe. Die Sender SWR und NDR haben bei elf Autoren Kurzgeschichten in Auftrag gegeben und unter dem Titel „2029 – Geschichten für morgen“ im Suhrkamp-Verlag veröffentlicht. Gerade hat Maria Schrader die Komödie „Ich bin Dein Mensch“ von Emma Braslavsky abgedreht. Hier verliebt sich eine Wissenschaftlerin in einen Partnerschafts-Roboter. Aktiv ist auch das ZDF, wo das Genre im Kleinen Fernsehspiel immer mal vorkam, aber eben nach Mitternacht. Derzeit wird eine Doku-Fiction über Künstliche Intelligenz in Berlin gedreht.

Für die Verfilmung der Kurzgeschichte „Nachspiel“ von Simon Urban dürfte es im deutschen Fernsehen kaum bessere Kreative geben als Erol Yesilkaya (Buch) und Sebastian Marka (Regie und Schnitt). Das eingespielte Duo hatte 2018 mit dem Berliner „Tatort“ „Meta“ bewiesen, dass es das Spiel mit mehreren Ebenen beherrscht. „Exit“ kommt zunächst spartanischer daher. Die Handlung bleibt in einem Hotel in Tokio – das 2047 kaum anders aussieht als heute. Ein diabolischer Investor interessiert sich für Infinitalk. Zwei Mitstreiter, der Programmierer Bahl (Aram Tafreshian) und der Finanzchef Malik (Jan Krauter), wollen die Drei–Milliarden-Offerte unbedingt annehmen, Designerin Luca (Laura de Boes), Ex-Freundin von Linus, ist dagegen. Der schwankende Linus wiederum weiß bald nicht mehr: Sind wir in der Simulation oder echt? Zur Prüfung der Echtheit dient das Blut: Digitale Kopien bluten schwarz.

Yesilkaya und Marka warten mit originellen optischen Einfällen auf. So wird das Hacken eines Rechners nicht, wie gewohnt, mit Tippen auf der Tastatur oder Wischen auf dem Display vorgeführt, sondern im „haptischen Modus“: Bahl greift zu Brecheisen oder Akku-Bohrer, um einen Briefkasten oder eine Blechkassette zu knacken, wo Emails und verborgene Dateien lagern. „Exit“ verliert sich nicht in technischen Details, sondern lädt zum Philosophieren ein: Will ich als digitale Kopie ewig weiterleben, will ich wirklich mit Toten weiter kommunizieren? Der Film verdammt die künftige Technik nicht einfach, sondern zeigt auch den Reiz solcher Experimente, die vielleicht gar nicht so weit entfernt sind.

Exit – Mi, 28.10., 20.15 Uhr, ARD