"Exit Marrakech": Klischees vom Vater und Sohn

Warum kleben die aktuell besten deutschen Kinoerzähler, Hans-Christian Schmid und Caroline Link, nur derart zäh an der Coming-of-age-Thematik? Schmid begann mit „Nach 5 im Urwald“, legte „23“ und „Crazy“ nach, unternahm mit „Sturm“ einen Ausflug in politische Gefilde, um sich in „Was bleibt“ doch wieder einer Generation zuzuwenden, die nicht erwachsen wird. Auch Caroline Link erzählte in „Jenseits der Stille“ von der Abnabelung vom Elternhaus; sie schien indes mit dem Oscar-prämierten „Nirgendwo in Afrika“ in der Erwachsenenwelt angekommen und befasste sich in „Im Winter ein Jahr“ und nun in „Exit Marrakech“ doch wieder mit Jugendlichen an der Schwelle.

Es sei zugestanden, dass sich Familiendramen wie „Was bleibt“ oder „Im Winter ein Jahr“ nicht zwanglos dem Coming-of-age-Genre zuschlagen lassen. Dennoch zeugen sie vom sonderbar beharrlichen Interesse am Generationenverhältnis, am immer tieferen Bohren in den Gründen des Privaten. Was diese Entwicklungsgeschichten an Komplexität zulegen, geht ihnen indes an formaler Stringenz und erzählerischer Frische ab. Und selbst die kaum sonderlich komplexe Erzählung von „Exit Marrakech“ wirkt im Ganzen ausgelaugt – es ist der mit Abstand schwächste Film, den Caroline Link bislang gedreht hat.

Die Ausflüge werden gefährlicher

Folgende Geschichte erzählt Link: Ben (Samuel Schneider), 17 Jahre alt, muss in den Sommerferien nach Marokko fahren. Seine Mutter unternimmt eine Konzertreise und kann nicht wie gewohnt die Glucke für den jungen Diabetiker spielen; diesen Job will sie ihrem Ex-Mann Heinrich (Ulrich Tukur) überlassen, der in Marrakech eine Theaterinszenierung präsentiert. Wie es das Klischee über Scheidungsväter will, schafft es Heinrich noch nicht einmal, Ben vom Flughafen abzuholen. Den Sohn aber bringt diese einsame Taxifahrt durch die fremde Stadt auf den Geschmack. Während ihn der Hotelaufenthalt mit seinem fremden, exaltierten Vater abwechselnd nervt und langweilt, werden seine Ausflüge immer gefährlicher.

Schließlich freundet sich Ben mit der Prostituierten Karima an und folgt ihr in ihr Heimatdorf, wo sie das in Marrakech verdiente Geld abliefert. Für Karimas Familie ist der junge Deutsche keineswegs der Wunschschwiegersohn, sondern im Gegenteil eine Bedrohung von Ehre und Einkommen zugleich. So landet Ben in der Wüste, und Heinrich fährt mit dem Auto durch das Land, um seinen Sohn wiederzufinden.

Man kennt diese Personenkonstellation zur Genüge; man weiß um Eltern, die ihren Kindern zwar Fürsorge, aber wenig konstruktive Unterstützung angedeihen lassen; man weiß um die Formlosigkeit des Aufwachsens, die Jugendliche zwar älter, aber nie erwachsen werden lässt, auch nicht, wenn sie selbst Kinder kriegen. Insofern erzählt Caroline Link hier wahrlich nichts Neues. Was nicht schlimm wäre, wenn sie in den Klischees ihres Stoffs etwas Neues entdecken würde – doch da ist ringsum nichts zu finden.

Tukur hält sich zurück

„Exit Marrakech“ ist in der Handlungsführung seltsam ungelenk und zufällig, die Wüste wirkt wie eine Metapher für das Versanden diverser Handlungsfäden. Karima verschwindet unverhofft aus dem Film, während Bens Mutter immer wieder telefonierend auftaucht, ohne irgendeine Bedeutung für das Ganze zu gewinnen. Vermutlich sollen wir Zuschauer nur immer wieder daran erinnert werden, dass es noch eine mahnende Instanz gibt – dabei ist Bens Abhängigkeit vom Insulin von Anfang an so inszeniert, dass man weiß: Das wird mal zum Problem werden.

Heinrich findet Ben dann tatsächlich wieder. Aber damit ist der Film nicht etwa vorbei, sondern endlich bei seinem Thema angelangt, denn nun gehen die Probleme erst los: Eingeschlossen im Auto können sich Vater und Sohn auf der Rückfahrt nicht mehr ausweichen, sondern müssen sich kennenlernen – und dabei viel unerquicklichen Dialog absolvieren. Man merkt sich davon wenig, auch weil sich Ulrich Tukur als Vater zugunsten seines mal impulsiven, mal verstockten Mitspielers Samuel Schneider sehr zurückhält. Das ist kollegial, bringt das endlose Gerede aber vermutlich auch um zahlreiche Pointen.

Im letzten Drittel von „Exit Marrakech“ wird nicht mehr gehandelt, aber damit enthüllt sich, warum dieser Film, der in seinen Themen, innerlichen Qualen und Verklemmtheiten so urdeutsch ist, in Marokko spielen muss: Ohne exotische Landschaften, ohne die gesteigerte Dramatik der Fremde und einer Wüste, in der man dann noch zwanglos das Action-Highlight eines sich überschlagenden Autos einbauen konnte, wäre „Exit Marrakech“ wirklich unerträglich langweilig geworden.