Illustration: Martin Z. Schröder

BerlinAus Tischgesprächen soll die Arbeit nicht ausgeschlossen werden. Zwar ist zu vermeiden das Klagen über Kollegen und Vorgesetzte, die man besser selbst ersetze – dieses langweilt als Weinerlichkeit der Zukurzgekommenen. Es gilt, interessante Themen auszuführen, die einem selbst Arbeitsfreude bereiten.

Historiker können das sehr fein machen, weil es ohnehin ihr Beruf ist, Geschichten zu erfinden. Sie klauben eine Scherbe und einen Zahn aus dem Boden und lassen vor dem geistigen Auge die Ehe krachen und in einen multiplen Scherbenhaufen münden; sie finden den Grund für den Streit und führen seine Provenienzforschung so weit in die große Politik hinein, bis sie einen Schinken mit größten Namen darüber schreiben können: Tacitus, Napoleon, Kohl.

Es gibt auch Berufe, in denen das Feine an sich die Arbeit ist. Lehrer für Manieren, beispielsweise, oder Kammerdiener, die mit heiteren Anekdoten auf Kosten tölpelhafter Abwesender – bitte aufpassen! – die ganze Tafel sittlich zu heben und zu unterhalten vermögen.

Wenn nun gewisse Berufsinhaber zusammensitzen, kann das interessante Tischgespräch in ein Manierenproblem führen, das ich nun für Sie detailerläuternd löse. Die Scheinkollision zwischen Arbeitsthema und Manieren wird erst durch einen kleinen falschen Kommentar in ein Sittenproblem verwandelt. Dieser kleine Kommentar ist schrecklich.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: ein Kammerjäger, ein Veterinär und ein Kanalisateur ventilieren einen interessanten Arbeitsgegenstand und berühren dabei Exkremente, gesprächsweise natürlich. Dieses Gespräch kann nach den Detailerörterungen von selbst wieder fortführen in ein musischeres Thema, aber es kann auch eskalieren: Ein herber Manierenkonflikt entsteht jetzt, da eben eine weitere Tischperson, nicht vom Fach, nicht wissbegierig, halb grinsend, halb ehrlich empört ihren von Speisebrei noch nicht leergeschluckten Mund öffnet und ruft: „Ich esse!“ Erst durch diesen Zwischenruf fangen die Exkremente, die bis eben als gewissermaßen Skizzen erörtert wurden, zu stinken an. An welcher Tischgesprächsstelle ist das Moment der Unappetitlichkeit, der Bruch mit den Manieren also entstanden?

Oder wenn ein, wie heißen die, na, ein Proktologe?, nein, höher im Leib, kein Urologe, eher mehr schrägsteil nach oben, ein Baucharzt, wie heißen die Darmspiegler, die Hafenrundfahrer, genau, danke, da haben wir es, dies in der Mitte so schwer aussprechbare Wort, nein, nicht der Epidemiologe, jetzt hab ich’s: ein Gastroenterologe, also wenn ein solcher im Tischgespräch mitteilt: „Die Verdauung beginnt im Mund“, und ein anderer Gast daraufhin die Kauzeit ausdehnt, als wolle er gewisse Prozesse umkehren, so vollzieht erst dieser Kauer den Sittenverstoß.

Das Erwähnen und sogar das Beschreiben der Exkremente, der diversen Vorgänge der Exkretion und speziell der von Leibwinden begleiteten Defäkation sind zulässig für feinste Tischgespräche, solange niemand eine Verbindung zwischen dem Gespräch und dem Vorgang der Nahrungsaufnahme herstellt durch den wenig geistesblitzenden Zwischenruf: „Ich esse!“ Es kommt auf den Stil an, der jedes Thema gesprächsgenießbar macht.