Es geht ein paar Treppenstufen hinab, durch eine kleine Tür hindurch, vorbei an der jungen Frau, die einem einen dicken dunkelblauen Stempel auf die Hand drückt; hinein in den dunstigen, warmen Kellerraum mit der tiefen Decke und den Betonpfeilern. Und vorbei an dem Flügel, dem Schlagzeug, dem Kontrabass, dem Saxofon auf der Bühne.

Der Tenorsaxofonist – dunkelblonder Scheitel, weißes Hemd, dunkle Hose, schicke Slipper – bläst die Backen auf, er leckt das Mundstück seines Instruments an, der Schweiß rinnt ihm die Stirn hinab und bis in die hinteren Reihen erklingt das schwere, tiefe Seufzen des Saxofons. Man glaubt, den Atemdruck zu hören, der sich durch das Instrument arbeitet, bis es immer leiser wird und nur ein sanfter, leiser Hauch bleibt. Ch-ch-ch.

Sebastian Gille, so heißt der Saxofonist, setzt nun das Instrument ab. Schlagzeuger Jim Black blickt zu ihm herüber. Er rührt mit den Jazzbesen über die Snare Drum. Sch-sch-sch. Bis es völlig still ist.

Es ist der dritte und letzte Abend des Kimfests, eines Festivals, bei dem sich die Szene der improvisierten Musik trifft. Künstler aus Berlin und von außerhalb treten hier auf. „Kim“ steht für „Kollektiv für Improvisierte und komponierte Musik“, dahinter steckt ein junges, international zusammengewürfeltes Berliner Netzwerk für freie Musik.

Die „Jazzkeller“ von einst sind interdisziplinär geworden

Im Kellerraum der Neuköllner Werkstatt der Kulturen sitzen und stehen an diesem lauen Aprilabend rund 80 Besucherinnen und Besucher. Alte, Junge. Dunkelhäutige, Weiße. Frauen, Männer. Manche im schicken Anzug, manche leger. Sie alle sind mucksmäuschenstill. In Erwartung, was da nun kommen mag. Ein knarrender Kontrabass? Ein flirrender Flügel?

Der experimentelle Sound, den man in ausgewählten, kleinen Clubs der Stadt derzeit sehen und hören kann, scheint die Musik der Stunde in Berlin zu sein. Sicher, improvisierte Musik und Free Jazz waren in Berlin schon immer stark, ob zu Vorwendezeiten in Ost und West oder nach der Wende, als sich die Szene die Freiräume nahm, die sie brauchte. Heute aber ist diese Szene internationaler, weiblicher, grenzenloser.

Und aus den „Jazzkellern“ von einst sind interdisziplinäre Experimentier- und Probierräume geworden. Die Musik ist wendungsreich, schräg, unkalkulierbar. „Das Publikum ist bei einem Schaffensprozess dabei“, wird Klaus Kürvers, Kontrabassist und Urgestein der Szene, später im Gespräch sagen, „was kann es denn Spannenderes geben? Dabei zuzuhören und zuzusehen, wie Musik entsteht, ist mindestens so aufregend wie ein Fußballspiel.“

Free Jazz ist heute überholt

Ein paar Tage nach dem Kimfest sitzen Dora Osterloh, Liz Kosack und Brad Henkel im Café Prachtwerk in Neukölln. Sie sind zwischen 30 und 35 Jahre alt, Osterloh stammt aus Köln, die beiden anderen aus New York. Sie sind Teil des Kim Collective, vor vier Jahren haben sie sich mit rund einem Dutzend anderer Musiker zusammengetan, um Konzerte und Sessions zu organisieren.

Wie sie ihre Musik nennen würden? „Das Kim Collective ist offen für verschiedene Musiken. Wir sind sehr ’mixed’, bei uns treffen Modern Jazz, Echtzeitmusik und Elektronik aufeinander“, sagt Trompeter Henkel.

Den Begriff „Echtzeitmusik“ gibt es seit den Neunzigern, damals haben ihn Experimentalmusiker unter anderem eingeführt, um sich vom ihres Erachtens zu dogmatischen Jazz und Free Jazz abzugrenzen.

Sängerin und Komponistin Dora Osterloh meint, der Begriff Free Jazz sei für die heutige Szene überholt: „Free Jazz war in den Siebzigern dazu da, das Alte abzuschütteln. Inzwischen ist die Musik ja schon frei, wir müssen sie nicht mehr befreien. Heute ist das Motto einfach: ,Spiel, was immer du spielen willst.‘“

Hype um Neuköllner Club Donau115

Es ist nicht einfach mit der Frage nach dem Genre. Egal, wen man fragt, Musiker und Veranstalter, eine Antwort, die begrifflich zufriedenstellend wäre, ist nicht dabei. Vielleicht ein Zeichen, wie beweglich und fluid diese Musik ist. „Es gibt heute kein Genre mehr, das ist der Unterschied“, erklärt Osterloh.

Einen kleinen Hype erlebt dieser Post-Jazz-Zirkel schon. Der britische Guardian etwa zählte den Neuköllner Club Donau115 vor zwei Jahren zu den zehn besten Jazzclubs Europas. Doch ist es wohl ein Wesensmerkmal dieser Musik, dass sie im Untergrund, in den Kellern verharrt.

Wobei auch die nicht immer gefüllt sind: „Es wäre schön, wenn wir noch mehr Leute erreichen würden“, sagt Osterloh. „Unsere Musik ist nicht auf irgendetwas beschränkt. Ich glaube, viele Menschen mit offenen Ohren können etwas damit anfangen.“

Keiner kann davon leben

Leben kann von dieser Art von Musik so gut wie keiner. Vor drei Jahren hat der Trompeter und Komponist Tom Arthurs seine Doktorarbeit mit dem passenden Titel „The Secret Gardeners“ zu dieser Musikszene geschrieben. Er hat ausgewertet, wie viel die Musiker einnehmen.

Dabei kam heraus: Mehr als 10.000 bis 12.000 Euro pro Jahr verdienen selbst die besten und aktivsten Künstler nicht, und wenn sie noch so viel spielen. Der durchschnittliche Ertrag eines Konzertabends liegt in Berlin bei etwa 50 Euro pro Nase.

Der Eintritt beträgt fast immer weniger als 10 Euro. Manchmal geht auch einfach der Hut rum, dann sammeln die Veranstalter freiwillige Spenden von den Besuchern ein. Die meisten Musiker geben – wie Osterloh und Henkel – Unterricht, um über die Runden zu kommen.

Auch Fördergelder des Berliner Senats sorgen dafür, dass die Szene fortbestehen kann. Neben der Projektförderung Jazz, deren Mittel gerade von 205.000 auf 605.000 Euro pro Jahr aufgestockt wurden, und den Jazzstipendien – aktuell insgesamt 161.000 Euro pro Jahr – gibt es noch die Förderprogramme für sogenannte „Ernste Musik“, finanzielle Erleichterungen für Musiker, etwa durch Proberäume in stadteigenen Gebäuden, die Pop-Förderinstitution Musicboard sowie die sogenannte spartenübergreifende Förderung.

Vielgestaltige Szene

Weil die Szene so vielgestaltig ist, kann sie potenziell aus vielen dieser Töpfe schöpfen. Und inzwischen ist der brodelnde Untergrund auch in den wichtigsten Jazzinstitutionen angekommen: So wird das Kim Collective beim 55. Jazzfest Berlin Anfang November eine Bühne kuratieren.

Ein gutes Zeichen, das die neue künstlerische Leiterin Nadin Deventer da setzt. Denn manch anderer Vorstoß, etwa Till Brönners inzwischen einigermaßen tote Idee eines „House Of Jazz“ in der Alten Münze, ging völlig an dieser Szene vorbei.

Für viele Musikerinnen und Musiker aber sind Konzerteinnahmen, so gering sie sind, ein fester Bestandteil ihres Einkommens. Keyboarderin Liz Kosack, die in nicht weniger als 18 verschiedenen Projekten mitspielt, versucht einfach, sehr viel zu machen, um genug einzuspielen. „Es gibt in Berlin so viele Möglichkeiten, mit anderen Musikern zusammenzuarbeiten, und Nein sagen kann ich sowieso nicht besonders gut…“.

Orte, an denen sie auftreten kann, gibt es zahlreiche. Sie ballen sich vor allem in Neukölln, wo neben der Donau115 unter anderem die Clubs Sowieso, Spektrum, das Valentin Stüberl und das Peggy Guggenheim beheimatet sind. Auch in Mitte und Prenzlauer Berg halten sich beharrlich einige Bars.

Angst vor Gentrifizierung

Eine mehr als nur unterschwellige Angst, in den kommenden Jahren an den Stadtrand gentrifiziert zu werden, gibt es, wie in so vielen Kulturszenen, aber auch in dieser: Mehrere Künstler und Besucher sagen, die Veranstaltungsorte lägen bereits jetzt immer öfter in Außenbezirken.

Bei Klaus Kürvers zu Hause, nahe des Gleisdreieckparks, herrscht das geordnete Chaos. Kürvers, gebürtiger Essener und seit den Siebzigern in Berlin, ist leidenschaftlicher Fan von freier Musik, seit mehr als 50 Jahren. Er selbst spielt Kontrabass. In der Altbauwohnung fällt zunächst die Jazz- und Free-Jazz-Schallplattensammlung auf. Ein ganzes Zimmer voll, Scheibe für Scheibe in Holzregale einsortiert. Dazu kommen viele Rundfunkaufnahmen, sorgsam in Schubladen verstaut.

Der 68-Jährige – graue Haare, grauer Schnurrbart – strahlt eine buddhaartige Ruhe aus, während er im Wintergarten darüber spricht, welchen Punkt er gerade musikgeschichtlich erreicht sieht: „Es ist heute eine Spielweise global verfügbar, die es ermöglicht, dass man musikalisch schnell zueinander findet.

Also nicht nur auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner kommt, sondern aus einem Reichtum der Musikgeschichte schöpft. Und das bei einer Musik, bei der die Musiker selbst die Schaffenden sind und kein Komponist etwas vorgibt.“

Improvisation als Lebensprinzip 

Mehrmals pro Woche trifft sich Kürvers zu Sessions – mit Musikern von hier oder mit Kolleginnen und Kollegen, die zu Besuch sind. Der Mann mit dem Kontrabass glaubt, dass Berlin neben Tokio der derzeit spannendste Ort auf der Welt für diesen Sound ist.

Wobei eine Reihe großer Improv-Musiker bereits in den Neunziger- und Nullerjahren herkam: Saxofonist Tobias Delius aus Amsterdam. Schlagzeuger Tony Buck aus Australien, Vibraphonistin Els Vandeweyer aus Belgien, Trompeterin Liz Allbee aus den USA. Und das sind noch lange nicht alle.

Improvisierte Musik ist für Kürvers mehr als ein ästhetisches Vergnügen. Sie sei Modell für den Alltag: „Du kannst beim Musikmachen lernen, mit unbekannten und neuen Situationen umzugehen.“

Der britische Musiker und Musiktheoretiker David Toop hat Improvisation mal als „Grundrauschen allen Lebens“ beschrieben, als etwas, das unser alltägliches Dasein bestimmt – Improvisation als Lebensprinzip sozusagen. Kürvers formuliert es ähnlich. Immer gehe es um das Zusammenspiel des Ichs mit dem Kollektiv: „Sei du selbst und mach das, was du für richtig hältst. Aber zusammen mit anderen, als Teil eines Ganzen.“

Mehr Frauen als früher

Die heutige Szene, sagt Kürvers, sei mit jener der frühen Free-Jazz-Tage kaum mehr zu vergleichen. Weil sie durchmischter ist. Weil mehr Frauen dazugekommen sind. „Man hört aufeinander, man akzeptiert die Unterschiedlichkeit, man ist bereit, sich auf alles Mögliche einzulassen. Das gehört zu dieser Musik dazu.“ Auch für das Publikum gelte das: „Beim Hören entstehen oft Filme im Kopf. Eigentlich geht es also darum, mit den Ohren zu sehen. Diese Fähigkeit, stelle ich fest, verbreitet sich immer mehr.“

Die Szene, wie man sie heute in Berlin vorfindet, ist über die Jahre organisch gewachsen. Einen wichtigen Ausgangspunkt hat sie in den Neunzigern, als in den zu Clubs umfunktionierten Baracken des Post-Wende-Berlin nicht nur Techno getanzt, sondern auch Klang- und Geräuschkunst gemacht wurde. Damals gab es Orte wie das „Anorak“, aus dem später das „ausland“ im Helmholtzkiez wurde, bis heute einer der wichtigsten Orte für diese Szene.

Zu dieser Zeit formierte sich die Szene, Mitte der Neunziger war das von Butch Morris initiierte Projekt „Berlin Skyscraper“ im Rahmen des Total Music Meeting ein markantes Ereignis. Der große Jazz- und Improvmusiker Morris gilt als Erfinder der Conduction und der sogenannten dirigierten Improvisation.

Terminkalender von „Echtzeitmusik“

Etwa zu der Zeit sprach man auch erstmals von „Echtzeitmusik“. Bis heute gibt es eine Website dieses Namens, unter der man eine Übersicht über die Konzerte in Berlin findet. Oft sind es mehr als 20 pro Woche. „Diese kleinen Orte, die überhaupt nicht publik waren, fandest du in keinem Stadtmagazin“, erinnert sich Kürvers – und im Prinzip ist das bis heute so.

Der Online-Kalender ist das Szenemedium Nummer eins. Im vergangenen Jahr listete man dort 1468 Veranstaltungen an 248 Veranstaltungsorten mit insgesamt fast 6000 Musikerinnen und Musikern; die Künstler waren zu 70 Prozent männlich.

Eine Kontinuität zur Vorwendezeit gab es aber schon damals, und es gibt sie personell zum Teil bis heute. Im Osten existierte zuvor die berühmte Szene, die sich montags im Haus der jungen Talente zum Jazz traf, auch der heute noch bestehende Jazzkeller 69 war eine Anlaufstelle für junge Musikfans, die auf schräge Töne standen.

Im Westen gab es das legendäre Label Free Music Production, das auch das Total Music Meeting veranstaltete; daneben bildeten sich weitere vitale Künstlerzirkel. Die heutige Generation scheint nun auch von Krautrock, Ambient, Noise, Techno und Neuer Musik inspiriert, Einflüsse aus dem Postpunk und aus der Zeit der „Genialen Dilletanten“, die sich genauso schrieben, kann man ebenfalls ausmachen.

Genial dilettantisch wie das West Germany

Auch das West Germany, ein Club nahe des Kottbusser Tor, hat etwas genial Dilettantisches. Es ist ein Abrissschuppen, der schon mehrmals totgesagt wurde, aber zum Glück nicht totzukriegen ist. Die Wände sind zum Teil einfach eingerissen, Mauerreste ragen in den Raum, die Kabel sind lose an der Decke befestigt. Ein Club, so improvisiert wie die Musik, die hier an diesem Abend gespielt wird.

Vor der Bühne sitzen Besucherinnen und Besucher auf dem Boden, einige haben die Augen geschlossen. Wenn man das macht, hört man einen lang anhaltenden Grundton, hartnäckig verharrend, als geschehe minutenlang nichts, aber doch, man hört Nuancen, man hört Obertöne.

Lässt man die Augen zu, könnte man denken, es sei ein einziger Synthesizerton oder ein mit einem Soundprogramm erstellter Klang. Macht man die Augen aber auf, sieht man Kontrabass, Vibraphon, Klarinette und Orgel auf der Bühne. Mit den dazugehörigen Musikern.

The Pitch heißt die griechische Gruppe, die an diesem Abend auftritt. Die Musik dieses Quartetts klingt oft nach Drones, also jener Art von lang ausklingender Musik, wie sie Minimal-Musiker wie La Monte Young entwickelt haben. Alle spielen den gleichen Grundton. Diesen Ton dehnen und dehnen sie; sie dehnen und dehnen die Zeit.

Musikstil funktioniert nicht auf großen Bühnen

„Zeit ist ein wichtiger Faktor bei dieser Musik“, sagt Wolfgang Seidel beim Gespräch in einem Biergarten in Kreuzberg. „Diese Musik nimmt sich Zeit. Sie entzieht sich dem äußerlichen, angeblich alternativlosen Sachzwang.“ Seidel, einst Schlagzeuger der Ton Steine Scherben, heute unter anderem Musikautor, ist häufig auf den Szenekonzerten anzutreffen. Musikstile von Techno bis Rock bilden seines Erachtens fast wie ein Metronom den spätkapitalistischen Lebensrhythmus ab.

Die experimentellen Musiker von heute aber „holen sich die Kontrolle über die Zeit zurück, während in vielen aktuellen Musikstilen der immer gleiche Beat die Unterscheidung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auslöscht.“ Aber nicht nur die Zeit, auch der Ort der Aufführung sei entscheidend: „Auf großen Festivalbühnen wäre eine solche Musik undenkbar, sie braucht den kleinen Club zum Funktionieren.“

Das kann man derzeit allabendlich erleben in Berlin. Die neue Lust am Geräusch, sie findet an unwahrscheinlichen Orten Ausdruck, in Galerieräumen, alten Industriegebäuden, verrauchten Hinterzimmern.

Diese Musik, sie passt gut zum Berlin des Jahres 2018, das mit sich hadert, das sich ständig neu erfinden muss, das fast manisch auf der Suche nach neuen Erzählungen ist. Jeden Abend werden in diesen Clubs neue Geschichten erzählt. Jeder, der dabei ist, hört eine andere heraus; jeder erzählt sie mit, spinnt sie fort. Wie sie ausgehen wird, weiß man nicht.