Liebe auf Lunge: Höppner (Damian Hardung) und Vera (Luna Wedler)
Foto:  Warner Bros./Tom Trambow

BerlinWas bitteschön ist ein „trockener Selbstmörder“? Für Frieder ist es ein Witz, auf eigene Kosten. Im Auerhaus, wo sie auf ihn aufpassen sollen, ist er überhaupt der Lustigste. Nur dass keiner lacht, wenn er wieder Pillen nimmt und sich totstellt, um die anderen ins Bockshorn zu jagen. Wie lebt man mit einem, der nicht mehr leben will? Der es schon einmal versucht hat und meint, er könne es jederzeit wieder tun? Über diese trostlose Spannung hat der Berliner Lesebühnenautor Bov Bjerg ein wunderbares Buch geschrieben, 2015 veröffentlicht und mittlerweile Schulstoff.

Mit viel Zärtlichkeit und vermutlich auch ein bisschen autobiografisch schilderte er eine Jugend auf dem schwäbischen Land zu Anfang der Achtzigerjahre. In der als spießig empfundenen Provinz wird die Schüler-WG im Auerhaus für vier junge Leute zum Experimentierfeld fürs Leben. Der Schuldisco-Hit „Our House“ der britischen Band Madness lieferte den Namen. Witzige Formulierungen wie „dumm wie ein Meter Feldweg“ brannten sich ein. Neben dem dräuenden Thema Depression ging es auch viel um die Liebe und die Frage, ob sie weniger oder mehr wird, wenn man sie teilt. Ob sie also etwas anderes sei als ein Kuchen.

Wilde Partys

Der Erzähler Höppner, der noch nicht mal einen Vornamen hat, ist sich da sehr unsicher. In Neele Leana Vollmars Verfilmung sind sie nun alle wieder da: Frieder, Höppner, dessen irritierend experimentierfreudige Freundin Vera und das Reichentöchterchen Cäcilia, zuständig für den Abwasch, bis sie ihre Rolle hinterfragt. Zwischen Zaziki-Frühstück und wilden Partys gerät ohnehin einiges ins Wanken, auch durch zwei Neuzugänge: die Pyromanin Pauline, von Frieder in der Psychiatrie aufgegabelt, und der teilzeitschwule Harry, der schon mehr vom Leben weiß als alle anderen Mitbewohner zusammen. Daneben haben es auch viele von Bjergs Dialogen in den Film geschafft. Die Sache mit dem Kuchen, natürlich. Vor allem aber jene endlosen, schmerzhaften Diskussionen um den Sinn des Lebens, über die sie im Nachhinein schmunzeln würden, ginge es dabei nicht um Leben und Tod.

Der Trailer zu „Auerhaus“

Quelle: Youtube

 Allein der größere Handlungsrahmen ist irgendwie verloren gegangen. Achtzigerjahre? Schwäbische Provinz? Mit nostalgischen Referenzen und Lokalkolorit wird auffällig gespart, zudem fällt kein Wort Dialekt. Und es stimmt ja auch: „Auerhaus“ könnte jederzeit und überall spielen, auch in Nordrhein-Westfalen oder Hessen, wo tatsächlich gedreht wurde – nur nicht in Berlin. Denn dieses winzige Detail ist dann doch nicht so unwesentlich: Höppner plant die Flucht vor der Bundeswehr, deren Musterungsbescheid schon im Kühlschrank liegt. Klapse oder Knast wären die Alternativen. Wobei Harry meint, Berlin sei ja irgendwie beides. Neele Leana Vollmar wird schon wissen, was sie tut. Mit Erfolgen wie „Rico, Oscar und die Tieferschatten“ und erst jüngst „Mein Lotta-Leben“ zählt sie zu den Koryphäen des deutschen Kinder- und Jugendfilms.

Foto: Warner Bros./Tom Trambow
Auerhaus

Deutschland 2019. Regie: Neele Leana Vollmar, Drehbuch: Neele Leana Vollmar, Lars Hubrich, Darsteller: Damian Hardung, Max von der Groeben, Luna Wedler, Milan Peschel u.a.; 107 Min., Farbe. FSK ab 12. Ab Donnerstag im Kino

Auch hier richtet sie sich an ein junges Publikum, das nicht geplagt werden soll mit Erinnerungen an ein Land vor unserer Zeit. Westdeutsche Besonderheiten wie die Berliner Sektorenpolitik vor 1990 oder ein RAF-Fahndungsplakat in der WG-Küche bekommen nicht mehr Platz, als es braucht. Es wird auch nicht politisiert, wie es weniger unbestimmte Achtziger-Filme wie „Sie haben Knut“ oder „Wackersdorf“ vorgemacht haben – durchaus erfolgreich, aber eben gerichtet an die „Babyboomer“. Der Roman des hier offenbar unbeteiligten Bjerg gäbe das auch gar nicht her. Mit einigem Recht also setzt Vollmar, die hier erstmals ihr eigenes Drehbuch schrieb, ganz auf die Wiedererkennung im Hier und Jetzt. Dafür sorgt sie mit einem sensiblen Blick auf die spezifischen Nöte junger Heranwachsender, aber auch durch die Besetzung.

Der Spinner aus „Fack ju Göthe“

Der aus den Adaptionen von „Club der roten Bänder“ bekannte Damian Hardung gibt einen formidabel unsicheren Höppner. Und Max von der Groeben, der Spinner aus den „Fack ju Göthe“-Filmen“, ist die denkbar beste Wahl für den labilen Frieder. „Danger“ war dort sein Name, und ähnlich umnachtet und zugleich hyperaufmerksam, wenn auch deutlich intelligenter, agiert er auch hier. Die Gefahr besteht, dass er das Ende des Films nicht mehr erlebt.