Die Vorwürfe gegen die Staatliche Ballettschule Berlin haben sich aus Sicht der Experten erhärtet.
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BerlinIn der Affäre um die Staatliche Ballettschule und Schule für Artistik (SBB) scheinen sich viele der Vorwürfe über Missstände an der Schule zu bestätigen. Die Kommission, die unter der Leitung von Klaus Brunswicker im Auftrag der Senatsschulverwaltung seit drei Monaten die Strukturen an der Staatlichen Ballettschule Berlin und Schule für Artistik  (SBB) untersucht, präsentiert am Montag gemeinsam mit Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) einen Zwischenbericht. Dessen Inhalt ist zum Teil bereits an die Öffentlichkeit gelangt – zunächst hatte der Tagessspiegel darüber berichtet. Der Leiter der Kommission Klaus Brunswicker bestätigte gegenüber der Berliner Zeitung die Authentizität der Zitate.

Ende Januar hatte der RBB zum ersten Mal Vorwürfe veröffentlicht, an der SBB würden käme es zu Bodyshaming, Mobbing sowie verbaler Gewalt gegen Schülerinnen und Schüler. Dass an der Schule ein „Klima der Angst“ herrsche, war in der Berichterstattung fast zum geflügelten Wort geworden. Die Kommission bestätigt diese Auffassung in ihrem Bericht, bezeichnet das „Klima der Angst“ als „prägend“ für die Schule und attestiert einen „problematischen Umgang mit Schülerinnen und Schülern durch herabwürdigende, beleidigende und übergriffige Äußerungen“. Diese erzeugten bei den Schülerinnen und Schülern Angst, „zumal wenn diese sich kaum wehren können“ – auch, weil sie befürchteten, sonst die Schule verlassen zu müssen.

In dem Bericht wird auch eine Stellungnahme der Clearing-Stelle für Einzelfälle zitiert – eine zusätzliche Stelle, besetzt von zwei Kinderschutzexperten, an die Angehörige der SBB-Schulgemeinschaft sich vertraulich wenden konnten. Darin heißt es unter anderem, Kindeswohlgefährdung lasse sich an der Schule „durch physische und psychische Misshandlung, emotionale Vernachlässigung, Vernachlässigung der Gesundheitsfürsorge sowie der Fürsorge- und Aufsichtspflicht“ erkennen. Lange Schul- und Arbeitstage hätten zu Überlastung der Schülerinnen und Schüler geführt. Kritiker seien „nicht gehört und unter Druck gesetzt“ worden und befürchteten „vorgeführt, angeschrien, beschimpft zu werden“.

Der Bericht der Kommission äußert sich auch kritisch zur Rolle des Landesjugendballetts für die Schule – das Ballett war 2017 von Scheeres mit dem vorrangigen Ziel gegründet worden, den Schülerinnen und Schülern der SBB Bühnenerfahrung zu verschaffen. Aus Sicht der Kommission sind Auftritte dort „einseitig auf die Anerkennung künstlerisch besonders leistungsstarker Schülerinnen und Schüler ausgerichtet“ und dienten vor allem der Reputation der Schule in der Ballettwelt – genau wie der Fokus der Schule an sich.

Infrage gestellt wird in dem Zusammenhang auch die Praxis, Schülerinnen und Schüler im Ausland zu rekrutieren – nach Kriterien, die für die Kommission „nicht nachvollziehbar“ seien. Der Bericht äußert Zweifel daran, ob es „Aufgabe des Berliner Schulwesens“ sein, diese Schülerinnen und Schüler zu Spitzenballetttänzern auszubilden, wenn andererseits „bisherige Schülerinnen und Schüler, deren Leistungen dieser Perspektive nicht völlig entsprechen, die Schule wieder verlassen müssen“. Eine Anfrage des Abgeordneten Paul Fresdorf (FDP) hatte ergeben, dass es in den vergangenen fünf Schuljahren höchstens 40 Prozent eines ursprünglichen SBB-Jahrgangs bis zum Abschluss der 10. Klasse geschafft hatte. 2016/2017 waren es sogar nur vier von ursprünglich 25 Schülerinnen und Schülern gewesen.

Trotz aller Kritik wird in dem Bericht auch der Eindruck betont, dass es „ein gemeinsames Interesse aller Beteiligten gibt, die Schule mit ihren besonderen Angeboten im Bereich der Ballett- und Artistikausbildung zu erhalten“. Das bestätigte auch Kommissionsleiter Brunswicker gegenüber der Berliner Zeitung: „Niemand, mit dem wir gesprochen haben, will die Schule beschädigen. Es gibt aber den Wunsch nach Veränderungen innerhalb der bestehenden Strukturen.“ Die Kommission habe 25 ausführliche Gespräche mit 45 Angehörigen der Schulgemeinschaft geführt, sagte Brunswicker – die meisten wegen des Coronavirus per Videochat. Unter ihnen, so Brunswicker, seien auch Schülerinnen und Schüler gewesen, die mit der Kritik an der Schule nicht einverstanden seien. Die Stimmung an der SBB in Bezug auf die Vorwürfe gilt als gespalten – auch wegen der Umstände, unter denen sie zustande kamen.

Der Abschlussbericht der Kommission wird im Herbst erwartet: „Basierend auf unseren Erkenntnissen wollen wir bis Ende September, Anfang Oktober Empfehlungen formulieren“, sagte Brunswicker. Ein Gespräch der Kommission mit dem Leiter der Schule Ralf Stabel und dem künstlerischen Leiter Gregor Seyffert, beide derzeit freigestellt, hat es bislang noch nicht gegeben – ein entsprechendes Angebot der Kommission sei aber für Mai angenommen worden, heißt es in dem Bericht. Stabel und Seyffert gehen beide rechtlich gegen ihre Freistellung vor. In einem überraschenden Schritt hatte Scheeres bereits Ende März die Stelle des Schulleiters und der Stellvertretung neu ausgeschrieben – obwohl Stabel offiziell noch im Amt ist.