Eyal Weizman: „Rassismus und Antisemitismus werden künstlich getrennt“

Die Documenta 15 ist seit Monaten Streitthema. Dabei wird nicht nur indonesische Geschichte verkürzt, sondern auch das Verhältnis von Rassismus und Antisemitismus.

Vor dem abgebauten Kunstwerk des indonesischen Kollektivs Taring Padi am Friedrichsplatz in Kassel
Vor dem abgebauten Kunstwerk des indonesischen Kollektivs Taring Padi am Friedrichsplatz in KasselFoto: Hanno Hauenstein

Nichts schmerzt wie der Aufprall eines zurückfliegenden Bumerangs. Der Schmerz wird durch die Wut noch verstärkt, die mit der Erkenntnis einhergeht, dass der Aufprall selbst verschuldet war. Der Bumerang, der hier gemeint ist, bezieht sich auf die antisemitischen Bilder – einschließlich des Bildes eines orthodoxen Juden als Anzug tragendes, Zigarre kauendes Ungeheuer. Bilder, die von Europa ausgingen, über Kontinente und Generationen reisten und in veränderter Form mitten auf dem Friedrichsplatz landeten, im Zentrum der Documenta.

Antisemitismus gehörte zu den Mitbringseln des Kolonialismus. Ade Darmawan von Ruangrupa ging in seinem Vortrag im Bundestag Anfang Juli selbst näher darauf ein. Darmawan argumentierte, der Antisemitismus in Indonesien sei von niederländischen Kolonisatoren und deutschen Einwanderern absichtlich dorthin verfrachtet worden. In ein Land, das heute 275 Millionen Einwohner:innen und eine winzige jüdische Minderheit hat. Durch koloniale Gewalt seien nicht-weiße Menschen gegeneinander ausgespielt worden. Niederländische Kolonialbeamte förderten die Dämonisierung chinesischer Minderheiten und nutzten europäische, antisemitische Ideen und Bilder, um Chinesen so darzustellen, „wie Europäer Juden dargestellt haben“.

Kunsthistoriker:innen erklärten, wie diese Stereotype in Indonesien ihren Weg ins kulturelle Imaginäre fanden, indem sie sich mit lokalen Kunstformen mischten – insbesondere mit dem javanischen Schattenpuppentheater, auch „Wayang“ genannt. In Form schnabelnasiger Bösewichte und tanzender Grotesken fanden antisemitische Tropen Eingang in die indonesische Gesellschaft. Javanische Schattenpuppen beeinflussten auch die Kunst der Post-Suharto-Ära.

Hannah Arendt und Aimé Césaire prägten die Metapher des Bumerangs, um die Beziehung zwischen Antisemitismus und Kolonialismus zu erklären. Der europäische Faschismus, der NS-Totalitarismus und der Holocaust wären demnach auch als Heimkehr der rassistischen Gewalt zu verstehen, die europäische Imperien über die kolonialen Grenzen hinweg entfesselt hatten.

Der Bumerang, der die Documenta traf, hatte jedoch eine andere, eine sekundäre Flugbahn: Nachdem er über Kontinente und Generationen hinweg geflogen war, hatte es der europäische Antisemitismus – in veränderter Gestalt, als antikoloniales Kunstwerk – „nach Hause“ geschafft. Wollte man sich einer psychoanalytischen Übertreibung bedienen, könnte man sagen: hier hatte eine „Wiederkehr der Wiederkehr“ stattgefunden. Niemand kann Jüdinnen und Juden vorwerfen, entsetzt gewesen zu sein, als sie sich plötzlich am Schnittpunkt zwischen diesen beiden Bahnen wiederfanden.

Demonstration in Kassel, mit Figuren des indonesischen Kollektivs Taring Padi
Demonstration in Kassel, mit Figuren des indonesischen Kollektivs Taring PadiImago

In Kassel vermischten sich die Bilder mit dem deutschen Kontext

Nachdem sie in Kassel gelandet waren, begannen sich diese Bilder mit dem lokalen, deutschen Kontext und dessen eigenen Schattentheatern zu vermischen. In Deutschland gilt die Verteidigung Israels als „Staatsraison“. Antisemitismus wird in Deutschland in erster Linie als Opposition gegen Israel identifiziert, als ein mit Einwanderung – insbesondere aus muslimischen Ländern – importiertes Problem.

Was auf der Documenta 15 folgte, war eine Implosion in Zeitlupe. Das Transparent „People’s Justice“ von Taring Padi wurde mit einem schwarzen Tuch verdeckt und kurz darauf vollständig entfernt. Die ersten Entschuldigungen wirkten unzureichend. Die Documenta-Leiterin Sabine Schormann trat zurück. In einer aufrichtigen Geste zog Hito Steyerl – seit langem für ihre antirassistische Arbeit bekannt – ihren Beitrag ab. Sie gab an, nicht nur die Bilder selbst nicht ertragen zu können, sondern auch die Weise, wie über das Thema diskutiert wurde. Ungläubig las ich, wie einige deutsche Medien eine „Niederlage des Postkolonialismus“ feierten, die gesamte Documenta 15 zur nationalen Peinlichkeit erklärten und ihre Schließung forderten. Selbst die AfD forderte die Absage der Documenta 15 und trieb die Mainstream-Reaktion weiter, indem sie forderte, Postkolonialismus dürfe nicht Maßstab von Erinnerungskultur werden – im Namen des Kampfes gegen Antisemitismus.

In ihrer Verurteilung des Banners zogen sich deutsche Mainstream-Politiker:innen in sichere Diskursräume zurück. Was folgte, war eine Farce. Jede Möglichkeit der Differenzierung ging verloren. Der tatsächliche Antisemitismus der Bilder wurde als Beweis dafür herangezogen, dass alle ursprünglichen Anschuldigungen richtig gewesen seien. Und diente als Freibrief für die Fortsetzung einer rassistischen Kampagne gegen Künstler:innen und Intellektuelle aus Palästina sowie des globalen Südens.

Eyal Weizman (2018)
Eyal Weizman (2018)Imago

Hessens rechte Gewalt spielte in der Debatte keine Rolle

Die Debatte drehte sich weder um das Erbe der Institution der Documenta – immerhin war ihr Mitbegründer Werner Haftmann ein Nazi-Kriegsverbrecher –, noch um die anhaltende Gewalt gegen jüdische Communitys in Deutschland. Auch der lokale Kontext Hessen wurde nicht berücksichtigt. Entgegen der Behauptung, die extreme Rechte beschränke sich auf die neuen Bundesländer, ist gerade das wohlhabende Hessen Dreh- und Angelpunkt für rechte Gewalt.

Im Jahr 2006 etwa fand etwa wenige Hundert Meter von einem der Documenta-Veranstaltungsorte der rassistische Mord an Halit Yozgat statt – im Beisein eines deutschen Geheimdienstmitarbeiters. Forensic Architecture schlüsselten den Fall im Kontext der Documenta 2017 detailliert auf. Der Mitarbeiter gab später an, er habe die Schüsse nicht hören, die Leiche nicht sehen und das Schießpulver nicht riechen können, als er nach dem Mord den Tatort verließ. Wir zeigten auf, dass es sich dabei um eine Falschaussage handelte.

Das vermeintliche Sinnesversagen, so interpretierten wir den Fall zusammen mit der Gesellschaft der Freund:innen von Halit, sei eine Metapher für institutionalisierte, deutsche Vergesslichkeit gegenüber staatlich gefördertem Rassismus. Ein weiterer rassistischer Terroranschlag in der Region ließ nicht lang auf sich warten: 2020 in Hanau. Ein Rechtsextremist ermordete neun Menschen mit Migrationshintergründen. Parallel handhabten 16 Mitglieder einer mit seiner Festnahme beauftragten Polizeieinheit, die selbst rechtsextremen Online-Chatgruppen angehörten, den Versuch, ihn festzunehmen, so schlecht, dass von institutionellem Versagen die Rede sein muss.

Hanau warf kein gutes Licht auf Hessen

Der ehemalige hessische Ministerpräsident Volker Bouffier kommentierte, die Tatsache, dass die Polizeibeamten politisch seien, bedeute nicht, dass sie ihre Arbeit nicht richtig machten. Dass sie ihre Arbeit, gelinde gesagt, unsauber machten, legte Forensic Architecture jüngst in einer Ausstellung im Frankfurter Kunstverein dar.

Nichts davon wurde in den deutschen Debatten zur Documenta behandelt. Die Diskussion im Vorfeld drehte sich ausschließlich um die politischen Haltungen palästinensischer Künstler:innen. Das begann mit Blogbeiträgen von Ende letzten und Anfang dieses Jahres, die von einer bis dahin unbekannten, offen islamfeindlichen Organisation stammten: dem „Bündnis gegen Antisemitismus Kassel“. Die Einträge richteten sich gegen die eingeladenen Künstler:innen. Die Beschwerden wurden bald von der überregionalen Presse wie Zeit und Welt aufgegriffen. Es wurde der Eindruck erweckt, die Documenta 15 sei vorsätzlich antisemitisch.

Ein besonders merkwürdiges Angriffsziel des Bündnisses waren die palästinensischen Intellektuellen Lara Khaldi und Yazan Khalili, die Führungspositionen im Khalil al-Sakakini-Kulturzentrum in Ramallah innehaben. Der Namensgeber Sakakini – ein palästinensischer Dichter, Politiker und Pädagoge, der 1953 starb – sei Sympathisant der Nazis gewesen, hieß es in der Polemik gegen die beiden. Wie der Historiker Jens Hanssen zeigte, beruht die Vorstellung, dass Sakakini Nazi-Sympathisant war, auf einer groben Vereinfachung. Ja, zur Zeit des antikolonialen Kampfes gegen das britische Mandat sah Sakakini in Deutschland zwar einen Verbündeten. Er pflegte aber auch freundschaftlichen Austausch mit zionistischen und jüdischen Intellektuellen.

Während der Nakba beschlagnahmten israelische Streitkräfte Sakakinis Bücher. Letztere landeten als „herrenloses Eigentum“ im sogenannten orientalischen Lesesaal der israelischen Nationalbibliothek, die sich bis heute weigert, sie zurückzugeben. Ich selbst habe im Sakakini Zentrum Vorträge gehalten und ausgestellt. Ich kann bestätigen, dass es ein robuster Ort für kritische Debatten ist. So sehr, dass die Palästinensische Autonomiebehörde, die von der Kritik einer neuen Generation palästinensischer Wissenschaftler:innen und Künstler:innen nicht verschont blieb, drohte, das Zentrum zu schließen.

Demonstration in Kassel, mit Figuren des indonesischen Kollektivs Taring Padi
Demonstration in Kassel, mit Figuren des indonesischen Kollektivs Taring PadiImago

Die Documenta 15 verspottet Regularien des Kunstmarkts

Das andere Paradox der Angelegenheit ist, dass die Documenta 15 zu den bislang besten Documenta-Versionen zählt. Als ich die Documenta 15 kurz nach Eröffnung besuchte, herrschte eine entspannte Atmosphäre. Ich sah im Werden begriffene Werke, verstreute Zelte und Baustrukturen, wo Videos gezeigt wurden, Live-Performances, eine Art Kunstwohnheim, eine Gemeinschaftsküche, einen experimentellen Gewächshausgarten und Räume für politische Debatten zum Erbe des europäischen Kolonialismus.

Die von Ruangrupa kuratierte Documenta 15 ist als Schneeballsystem konzipiert: Teilnehmende wurden ermutigt, andere Kollektive einzuladen, die ihrerseits ihre Einladung weitergaben. Daher weiß niemand so genau, wie viele Leute genau zu der Ausstellung beitrugen – vermutlich um die 1500. Dieses Arrangement wirkte, in seiner, die Regularien des Kunstbetriebs ehrfurchtslos und unhierarchisch angehenden Haltung, wie ein lang erwartetes Korrektiv zum starren Stil früherer Documentas. Eine Kunstwelt, die auf Unternehmens-Sponsoring und kommerzielle Messen angewiesen ist, wird von der Documenta 15 regelrecht verspottet.

Bei „People’s Justice“, dem Transparent, das auf dem Kassler Friedrichsplatz aufgehängt worden war, handelte es sich um ein monumentales Agitprop-Kunstwerk, eine cartoonartige Version eines Diego-Rivera-Wandgemäldes, auf dem Täter und Opfer des Suharto-Regimes gezeigt wurden, beginnend mit der Völkermord-Kampagne von 1965/66 gegen tatsächliche und imaginäre Mitglieder der Kommunistischen Partei Indonesiens – sowie gegen Linke und Personen mit chinesischem Hintergrund.

„People’s Justice“ bezog sich auf Suhartos Diktatur in Indonesien

Das von allen Mitgliedern Taring Padis gemeinsam gemalte Bild protestiert dagegen, dass diese Verbrechen weiterhin geleugnet werden, auch von westlichen Ländern wie den USA, Australien und dem Vereinigten Königreich, die sie mit ermöglichten und Suharto unterstützten. Man muss wissen: Suhartos Diktatur hätte sich nicht drei Jahrzehnte lang halten können, wäre nicht die diplomatische, finanzielle und taktische Unterstützung westlicher Regierungen und deren Geheimdienste gewesen. Kürzlich freigegebene Dokumente zeigen, dass die CIA die indonesische Armee mit Listen verfolgter Personen versorgte. Das britische Außenministerium wiederum schürte antikommunistische Stimmungen, indem es etwa gefälschte „Emigranten“-Rundbriefe verteilte.

Wie aus Sitzungsprotokollen hervorgeht, billigten Gerald Ford und Henry Kissinger Suhartos Invasion in Osttimor 1975. Mehr als 100.000 Menschen kamen dabei, durch den Einsatz von US-Waffen, ums Leben. Für viele Kunstschaffende in Indonesien, wie auch an anderen Orten im globalen Süden, ist die Brutalität autoritärer Regierungen im eigenen Land mit der Unterstützung aus dem Ausland eng verwoben. Im Gegensatz zu den Gewalt ausübenden Kräften im Inland, die Namen und Gesichter haben, operieren diese unbekannten Kräfte im Schatten – was eine Vorstellungswelt begünstigte, in welcher sie grob und monströs erschienen.

In der Mitte des Bildes, unter einem Gremium von Richtern, ist eine Schwarz-Weiß-Darstellung der Massenmorde zu sehen. Auf der rechten Seite steht das Volk, Dorfbewohner:innen, Arbeiter:innen. Auf der linken Seite ist das Böse zu sehen: Täter und ihre Hintermänner. Ausländische Geheimdienste wie der australische ASIO, der britische MI5, die CIA und sogar eine Figur mit der Aufschrift 007 sind als Hunde, Schweine, Skelette und Ratten dargestellt.

Demonstration in Kassel, mit Figuren des indonesischen Kollektivs Taring Padi
Demonstration in Kassel, mit Figuren des indonesischen Kollektivs Taring PadiImago

Suharto wurde nach einem Volksaufstand gestürzt

Suhartos Regime, das als „Neue Ordnung“ bekannt ist, wurde 1998 nach einem Volksaufstand und blutigen Straßenkämpfen gestürzt, an denen die Mitglieder von Taring Padi, die damals als Studierende protestierten, nach eigenen Angaben teilgenommen und dabei auch Freund:innen verloren hatten. Die Gruppe wurde im selben Jahr gegründet. Das Banner wurde vier Jahre später gemalt und seitdem lokal und international ausgestellt, ohne dass es zu Kontroversen kam.

Im Werk „People’s Justice“ befand sich ein zweites Bild, das antisemitisches Vokabular verwendete: ein Schwein, das einen Davidstern und einen Helm mit der Aufschrift „Mossad“ trägt. Taring Padi stellten in einer öffentlichen Erklärung klar, dass die Schweine nicht als Verunglimpfung von Jüdinnen oder Juden gedacht waren, sondern als traditionelle, javanische Symbole für Korruption. Und dass der Mossad so bezeichnet wurde, weil er an der Unterstützung von Suharto beteiligt war.

In der Tat spielte der Mossad neben anderen Geheimdiensten eine eher kleine Rolle. Die Schweinefigur wurde auch an anderer Stelle auf dem Banner und in anderen Werken des Kollektivs verwendet. Doch in Deutschland, wo antijüdische Gravuren der „Judensau“ noch immer Kathedralen schmücken, wurde diese Figur nicht auf eine Weise verstanden, dass sie Israel behandelt, als Teil eines Bündnisses westlicher Staaten. Sondern so, dass sie die Juden ausgrenzte. Obwohl sie fraglos entfernt werden müsste, bleiben die „Judensau“-Reliefs mindestens so lang bestehen wie das Taring-Padi-Banner. Offenbar ist der deutsche Mainstream, der gleichzeitig kein Problem damit hat, Marx- und Lenin-Statuen aus dem öffentlichen Raum entfernen zu lassen, der Auffassung, dass jenes Bild als „Kulturerbe“ erhalten bleiben muss.

Glücklicherweise versuchten Taring Padi nicht, das antisemitische Bild des orthodoxen Juden mit SS-Mütze zu verteidigen. Er war im Hintergrund positioniert, hinter einer ebenso rassistischen Darstellung eines schwarzen GI, der mit seinem Penis in der Hand ejakuliert. Insgesamt kein sehr subtiles Kunstwerk.

Die Debatte fühlte sich sehr persönlich an

In ihrem ersten Versuch einer Entschuldigung schrieben die Künstler:innen, dass das Banner die komplexen Machtverhältnisse aufzeigen wolle. Doch antisemitische Darstellungen, wie sie in antiimperialistischen Kreisen leider allzu oft auftauchen, deuten auf eine Unfähigkeit oder auf einen Unwillen, Abstraktionen oder komplexe Prozesse zu begreifen. Sie tauchen überall dort auf, wo wirtschaftliche, soziale oder politische Prozesse unverständlich, geheimnisvoll erscheinen. Die Figur des Zigarre kauenden Juden steht für die Personifizierung vermeintlich fremder, immaterieller Kräfte, die traditionelle Gemeinschaften zerstören. Es war also nicht nur die monströse Darstellung des orthodoxen Juden, sondern die Platzierung der Figur innerhalb des Banners – hinter Sicherheitskräften, in Opposition zur ehrlichen Gesellschaft auf der gegenüberliegenden Seite des Bildes –, die den Kreis des klassischen Antisemitismus schloss.

Als das Banner enthüllt wurde, wurde das Versäumnis der Documenta von einigen von uns besonders stark empfunden. Immerhin standen wir in den vorangegangenen Monaten den Kurator:innen und Organisator:innen zur Seite, als sie wiederholten Angriffen ausgesetzt waren, die auf ungerechtfertigten Antisemitismusvorwürfen beruhten. Freund:innen von Forensic Architecture waren unter den fälschlich Beschuldigten. Eine Mitarbeiterin unseres Berliner Büros von Forensic Architecture, Emily Dische-Becker, die auch an der Einweisung von Documenta-Guides beteiligt war, wurde von einer vermeintlich seriösen Zeitung, die sich wie das letzte Boulevardblatt benahm, als Hisbollah-Sympathisantin bezeichnet.

Das Haus der Kulturen der Welt wurde von rechter Presse in Deutschland als „Haus der Schande“ bezeichnet. Warum? Weil es einer Gruppe linker Jüdinnen und Juden eine Plattform geboten hatte, die sich beklagten, wie der Kampf gegen Antisemitismus von der Rechten und extremen Rechten gekapert wurde – was diese Kontroverse wiederum bestätigte. 

Antisemitismusvorwürfe wurden auch gegen Teilnehmende der Documenta 15 erhoben, die einen offenen Brief unterzeichnet hatten, in dem sie die BDS-Resolution des Bundestages von 2019 kritisierten. Jene rechtlich nicht bindende Resolution verpflichtet den Staat, Personen und Organisationen, die dem Aufruf der palästinensischen Zivilgesellschaft folgen, unbewaffnetem Protest in Form eines Boykotts israelischer staatlicher Einrichtungen Plattformen nachzugehen, öffentliche Plattformen zu verweigern und finanzielle Unterstützung zu entziehen.

Der BDS-Antrag des Bundestages führte letztlich zum Ausschluss von Palästinenser:innen und ihren Unterstützer:innen von öffentlichen Plattformen in Deutschland. Palästinensische Journalist:innen wurden 2021 von Medien wie der Deutschen Welle stark unter Druck gesetzt und vom WDR sogar entlassen. Häufig vermeiden deutsche Institutionen präventiv, arabische Intellektuelle und Künstler:innen aus dem globalen Süden einzuladen, aus Angst, jemand könnte etwas ausgraben.

Entfernung des Banners People's Justice des indonesischen Kollektivs Taring Padi auf dem Friedrichsplatz
Entfernung des Banners People's Justice des indonesischen Kollektivs Taring Padi auf dem Friedrichsplatzdpa

Mit traditionellem Antisemitismus hat Deutschland weniger Probleme

Inzwischen erleben jüdische Personen in Deutschland in Teilen dieselbe Diffamierung, die palästinensische Aktivist:innen erdulden müssen. So verwies ein Direktor eines der führenden deutschen Kunstinstitute etwa auf meine Unterstützung der BDS-Kampagne, als er eine Einladung zur Ausstellung einer Arbeit, an der ich beteiligt war, vorerst zurückstellte. In der Ausstellung ging es nicht um Palästina, sondern um den deutschen kolonialen Völkermord in Namibia. In an alte Verschwörungsfantasien erinnernden Worten behauptete er, „mächtige Kräfte“ seien „hinter uns her“. Letztlich ließ er die Ausstellung schlichtweg absagen.

In Deutschland wird traditioneller Antisemitismus noch immer toleriert. Ich konnte es kaum glauben, als ich vor ein paar Jahren einen der wichtigsten deutschen Architekturpreise ablehnen musste: den Schelling-Preis. Der Preis ist nicht etwa nach dem Philosophen benannt, sondern nach Erich Schelling, einem Architekten und frühem Mitglied der SA, der später Gebäude in den von den Nazis kolonisierten Gebieten entwarf. Der Preis wurde letztlich an jemand anderes vergeben. Und der Ausschuss machte meine Verweigerung nicht öffentlich.

Im Monat vor Eröffnung der Documenta schienen sich die Ereignisse weiter zu überschlagen. Um den Sturm zu beruhigen, bereitete die Documenta eine Reihe Podiumsdiskussionen vor, die sich mit der Frage des Antisemitismus befassen sollten. Ende April beschwerte sich der Zentralrat der Juden in Deutschland, dass er nicht eingeladen worden war und dass die Aufnahme eines Podiums zum Thema „antimuslimischer und antipalästinensischer Rassismus“ mit Antisemitismus zu kokettieren schien.

Kurz darauf sagte die Documenta die Veranstaltungsreihe ab. Die offiziellen Vertreter:innen der jüdischen Gemeinschaft haben natürlich das Recht zu definieren, was sie als vorurteilsbehaftet und verletzend empfinden, und ja, sie hätten eingebunden werden müssen. Wenn Antisemitismus als Verhältnis zu Israel definiert wird, müssen aber auch Palästinenser:innen eingebunden und gefragt werden, was sie unter antipalästinensischem Rassismus verstehen.

Der Angriff auf „The Question of Funding“ war eine Zäsur

Am 28. Mai, dem bislang schwerwiegendsten Vorfall in dieser Sache, wurden die Räume, in denen Khalilis Kollektiv „The Question of Funding“ eine Ausstellung vorbereitete, von unbekannten Angreifern gestürmt und mit kryptischen Todesdrohungen verunstaltet – die Zahl 187, die in den USA bisweilen als Mord-Code verwendet wird, wurde an die Wand geschmiert. Die Polizei bot zwar gewissen Schutz, doch die Angriffe in deutschen Medien klangen auch im Anschluss nicht ab.

Wenige Wochen nach der Eröffnung sagte „The Question of Funding“ ihr öffentliches Programm ab und verließ die Stadt Kassel. Khalili erzählte mir, dass er und seine Familie sich dort nicht mehr sicher fühlen. Bei seiner Abreise verurteilte er die Bilder auf dem Taring-Padi-Transparent wie die Hetzkampagne gegen Kurator:innen und beteiligter Künstler:innen. Für ihn, wie für andere hier ausstellende Palästinenser:innen, die unter israelischer Besatzung leben, sind jüdische Israelis keine abstrakten Hassfiguren.

Die Kurator:innen übernahmen, wenn auch verspätet, Verantwortung dafür, dass sie die Bilder nicht bemerkt hatten, entschuldigten sich und versprachen dazuzulernen. Ihre Kritiker:innen in den deutschen Medien und in der Politik hingegen reflektierten ihren Rassismus kein Stück. Stattdessen nahmen sie die Kontroverse zum Anlass, Palästinenser:innen und kritischen, jüdischen Israelis sowie Künstler:innen aus dem globalen Süden die Botschaft zu vermitteln, dass sie in Deutschland kein Recht haben, sich frei zu äußern. Wie Antisemitismus in antiimperialistischen Kreisen führt auch die staatlich geförderte, offen islamfeindliche Verfolgung von Künstler:innen und Intellektuellen in Deutschland zu einer künstlichen Trennung der tief verwobenen Geschichte von Rassismus und Antisemitismus – sowie der Kämpfe dagegen.

All das macht sowohl Palästinenser:innen als auch jüdische Menschen in Deutschland noch verwundbarer. Es macht es jüdischen Israelis auch schwerer, sich mit den Palästinenser:innen zu solidarisieren. Jene kostbare, hoffnungsvolle, aber auch sehr zerbrechliche Solidarität ist auch ohne destruktive, deutsche „Hilfe“ von außen schwer zu verhandeln.

Nicht jede:r in Deutschland ist sich dieser diskursiven Konstruktion bewusst. Im Herbst 2019, an Jom Kippur, versuchte ein Neonazi, mit einer GoPro-Kamera in die letzte verbliebene Synagoge in Halle einzubrechen und dort ein Video von sich zu streamen, auf dem er Jüdinnen und Juden ermordet. Er warf der jüdischen Community vor, die Einwanderung von Muslimen arrangiert zu haben, was er als existenzielle Bedrohung der deutschen Gesellschaft ansah. Den Gottesdienstbesuchenden gelang es damals, die Tür rechtzeitig zu verriegeln. Nachdem der Einbruch gescheitert war, tötete der Mann eine Passantin und rannte in einen von Migranten besuchten Dönerladen, wo er einen Kunden tötete. Vor Gericht sagte er aus, er habe „keine Weißen töten wollen“.

Die Unfähigkeit, die Geschichte von Rassismus, Kolonialismus, Antisemitismus und Völkermord zusammen zu denken und im Kampf gegen sie Allianzen zu schmieden, ist ein Garant dafür, dass wir immer wieder von zurückfliegenden Bumerangs getroffen werden.

Übersetzung aus dem Englischen von Hanno Hauenstein. Eine kürzere Version dieses Textes erschien vor wenigen Wochen im London Review of Books.

Eyal Weizman ist Direktor des Forschungsinstituts Forensic Architecture und dessen Berliner Schwesterorganisation Forensis. Außerdem ist er Professor für Spatial and Visual Cultures an der Goldsmiths University of London.