Alleinsein, Einsamkeit, Abstandhalten, Meinungsvorsicht, Zweifel, Freude am Fragen, Schweigen, das sind die ersten Voraussetzungen, um zu schreiben“, sagte Friedrich Christian Delius 2011 in seiner Dankesrede zur Verleihung des Büchner-Preises. Dabei war der Abstand des spät Geehrten nicht ganz freiwillig gewählt. Eher zufällig, so schildert es Delius, war er als Teilnehmer der legendären Demonstration vor dem Amerika-Haus 1966 in Berlin in die Zuschauerrolle geraten.

„Als ich, der vorher mitdemonstriert hatte und nun vor weiteren Schritten zurückschreckte, stehenblieb und durch Aktionismus alles verraten sah und mich dabei ertappte, ein Zuschauer, nur ein Zuschauer zu sein, da kam mir, noch ehe schlechtes Gewissen sich breitmachen konnte, der befreiende Gedanke: Hier stehst du richtig, einer muss das beobachten, einer muss das vielleicht sogar aufschreiben irgendwann, und wer, wenn nicht du, der Prügeleien meidet, Gefahren ausweicht, kein Blut sehen kann.“

Es kann nicht überraschen, dass Delius sein poetologisches Programm, das er über 50 Jahre beharrlich ausgearbeitet hat, aus einer Ur-Szene der so genannten 68er Bewegung ableitete. Er gehörte dazu, und war doch alles andere als ein Lautsprecher jener bundesrepublikanischen Generation, die von einer starken Akteursfiktion getrieben war.

Bei Treffen der Gruppe 47 war Delius dabei, aber schien doch nicht von dem Impuls beseelt, aufzufallen, wie der junge Peter Handke. Während seiner langsamen literarischen Reifung, ein Band mit Gedichten war bereits 1965 erschienen, arbeitete Delius als Lektor im Wagenbach Verlag und betreute so einschlägig politische Autoren wie Erich Fried und Wolf Biermann. Im Rotbuch Verlag, den er 1973 nach schweren Auseinandersetzungen im Wagenbach Verlag mitbegründet hatte, kamen Autoren wie Thomas Brasch, Yaak Karsunke und Heiner Müller hinzu.

Quälende Befreiung vom Vater

Da aber hatte Delius als Autor bereits selbst politische Wirkung erzielt. 1972 war sein Buch „Unsere Siemens-Welt“ erschienen, ein als Denkschrift getarntes Enthüllungsbuch über den historisch belasteten Welt-Konzern aus Berlin. Das brachte ihm nicht nur literarische Aufmerksamkeit ein, sondern auch eine Reihe von juristischen Auseinandersetzungen mit dem Konzern, aus denen ihm vor alle weitere Aufmerksamkeit erwuchs. Obwohl Delius als typischer 68er bezeichnet werden kann, lobte Sibylle Lewitscharoff in ihrer Büchner-Preis-Laudatio auf Delius, habe er doch die Klugheit besessen, sich parteilich davon nicht auffressen zu lassen. „Die Freiheit des Literarischen bleibt nicht auf der Strecke“, so Lewitscharoff.

Diese Freiheit war für den im Hessischen aufwachsenden Delius mit einer quälenden Befreiung vom Vater verbunden, die er in dem Roman „Der Tag an dem ich Weltmeister wurde“ eindringlich beschrieb. Aus der Sicht eines elfjährigen Pfarrerssohnes schildert er darin jenen 4. Juli 1954, an dem Helmut Rahn, Fritz Walter und Co. aus einem Sporterfolg einen bundesrepublikanischen Gründungsmythos hervorgehen ließen. Für den Sohn stellt das 3:2 von 1954 vor allem ein erstes Entkommen aus der bedrückenden Welt des Vaters dar. Fußball als eine Art Entfernungswissen und -gefühl. Im pathetischen Klang des Radioreporters Herbert Zimmermann findet der Junge einen öffentlichen Raum, zu dem der Vater keinen Zugang hat.

Obwohl Delius schon früh eine prägende Figur der literarischen Öffentlichkeit war, blieb sein tatsächlicher Rang vielen verborgen. Das mag auch an der Verkennung von Zeitromanen liegen, mit denen Delius wiederholt sehr schnell auf gesellschaftliche Ereignisse reagierte. „Ein Held der inneren Sicherheit“ hieß der Roman von 1981, in dem der historische Bezug zur Schleyer-Entführung kaum zu übersehen war. Ereignisse der Zeitgeschichte seien der Ausgangspunkt gewesen, schreibt Delius in einer Notiz, „sind jedoch nicht Gegenstand dieses Romans.“ Tatsächlich ist der Protagonist eine eher blasse Nebenfigur der zugespitzten Konfliktlage seiner Zeit. Es sei die Absicht des Autors gewesen, vermutet der Kritiker Heinrich Vormweg, ein Phantombild herzustellen, „in dem exemplarisch ein schwer durchschaubares gesellschaftliches Ganzes sich spiegelt und greifbar wird.“ „Ein Held der inneren Sicherheit“ war zugleich der Auftakt einer Trilogie zum Deutschen Herbst, einer Auseinandersetzung mit dem RAF-Terrorismus, den Delius mit „Mogadischu, Fensterplatz“ (1987) und „Himmelfahrt eines Staatsfeindes“ (1992) fortsetzte. Darin erscheine der Staat, so ein Vorwurf der Kritik, „als gesichtslose Phalanx aus Funktionären, als Moloch und anonyme Unterdrückungsmaschine.“

Aus der Opferperspektive genähert

Hatte Delius 1978 mit dem Projekt begonnen, um sich selbst ein paar Fragen über die Geschehnisse des Herbstes 1977 zu beantworten, so habe er im dritten Teil versucht, so Delius in einem Interview, den Endpunkt des RAF-Terrorismus als große Versöhnung, als die große bestandene Reifeprüfung des Staates zu beschreiben. „Ich erzähle Geschichten von Menschen vor einem politischen Hintergrund. Und mich interessiert, was in diesen historischen Augenblicken eigentlich mit dem einzelnen passiert.“

In „Mogadischu Fensterplatz“ führt er die Qualen von Passagieren vor, die in einem entführten Flugzeug eingesperrt sind, und es entging der durchwachsenen Kritik, dass Delius über die chronistische Lesart hinaus lange der einzige war, der sich dem RAF-Terrorismus aus der Opferperspektive näherte. Trotz der Anerkennung, die ihm spätestens seit der Verleihung des Büchner-Preises zuteilwurde, sind die zahlreichen Bücher des heute 70-Jährigen immer noch zu entdecken.