Die Ermittler Felix Voss (Fabian Hinrichs) und Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) 
Foto: BR/Hager Moss Film/Hendrik Heide

BerlinKommissar Felix Voss (Fabian Hinrichs) steht vor einem Rätsel: Eine erstochene Frau war in ihrer Immobilien-Firma dank ihrer Großzügigkeit und Zuvorkommenheit allseits beliebt – doch keiner wusste etwas über das Privatleben der attraktiven Kollegin.

„Die Frau hat sich keine Missverständnisse erlaubt“, erklärt Firmenchef (Götz Schubert) – und kurz darauf starren alle Mitarbeiter des Kommissariat mit offenem Mündern darauf, wie perfekt sich die Ermordete auf diversen Datingportalen im Netz präsentiert hatte. Wie sie sich halbnackt auf einer Bank ausstreckt, in der Hand eine Rose, wie sie mit offener Bluse vor der Kamera tanzt, das wirkt wie ein professionelles Werbevideo. Dazu passend ertönt der Klassiker von Nina Simone: „Don't Let Me Be Misunderstood“.

Codes und Gefühle entschlüsseln

Das ist überhaupt das Generalthema dieses Nürnberger Kriminalfalls: Welche Signale, welche Zeichen funktionieren noch in den Beziehungen, die übers Netz angebahnt werden, wo manche die große Liebe suchen und andere die schier unbegrenzte Anzahl an Sexpartnern nutzen? Stellvertretend für den Zuschauer muss Felix Voss nicht nur den Fall klären, sondern zuvor die neuen Codes entschlüsseln.

Der Anfang zeigt ihn als klassischen Romantiker: Er flirtet auf dem Markt mit einer adretten Honigverkäuferin, verabredet sich zum Kinobesuch für einen Rossellini-Klassiker und schwärmt der erfahrenen Kollegin Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) noch auf dem Weg zum Tatort von seinen Gefühlen vor. „Doch was heißt eigentlich Freiheit und Unabhängigkeit in den Beziehungen zwischen M und F?“ muss er später die jüngere Kollegin Wanda (Eli Wasserscheid) fragen und erfährt, die bedeute mehr Distanz, weniger Gefühl – und die Möglichkeit, eine Beziehung ohne Widerspruch sofort zu beenden.

Das digitale An-Aus-Prinzip

Motto: Bitte missversteh mich nicht! Regisseur Max Färberböck erzählt in dem „Tatort“ aus Franken ein im Grunde klassisches Liebesdrama. Um die Krimikonvention zu wahren, verrät er zwar nicht gleich, mit wem die Tote so alles zusammen war, schiebt aber immer wieder Splitter ein, die zumindest die Wucht, die hohe Amplitude ihrer Beziehungen andeuten.

Vor allem lebt „Die Nacht gehört Dir“ von der Atmosphäre. Färberböck und sein Kameramann Willy Dettmeyer finden immer wieder Bilder, die das Vage, das Flirrende, das Schwebende betonen, als wollten sie einen optischen Gegenpol schaffen zum Prinzip An oder Aus, Null oder Eins in der digitalen Liebeswelt. Auch die klugen und knappen Dialoge zwischen Voss und Ringelhahn kreisen nicht nur um die kriminaltechnischen Details, sondern gehen in die Tiefe, fragen danach, was wir vom Leben eigentlich wollen – wie Dagmar Manzel und Fabian Hinrichs diese leisen Szenen umsetzen, das ist viel eindrücklicher als der obligatorische SEK-Einsatz zum Finale.

Tatort: Die Nacht gehört Dir – So, 1.3., ARD