Der Friedrichstadt-Palast feiert in dieser Saison sein hundertjähriges Bestehen und hat dazu den Regisseur und Autor René Pollesch eingeladen. Mit Fabian Hinrichs und 28 Tänzerinnen und Tänzern wird er die Uraufführung seines Stücks „Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt“ inszenieren. Fabian Hinrichs wurde an der Volksbühne und später an der Seite von Dagmar Manzel als „Tatort“-Kommissar bekannt. Er ist 45 Jahre alt, hat sich aber die Frische eines kernigen Landburschen bewahrt. Doch wo steckt er? Der Kaffee droht kalt zu werden, als er endlich die Treppe im Foyer des Friedrichstadt-Palasts zu unserem Gespräch heraufhetzt.

Lieber Herr Hinrichs, hallo und schön, dass Sie nun da sind!

Es tut mir leid, dass ich mich so verspätet habe, ich wollte Ihnen nicht die Zeit rauben. Aber gerade gibt es Bauarbeiten an der S-Bahn und am Regionalexpress nach Potsdam. Deshalb habe ich das Auto genommen und stand natürlich ewig im Stau.

Sie sind verheiratet, haben zwei kleine Kinder und sind vor vier Jahren aus Kreuzberg nach Potsdam gezogen. Bereuen Sie das manchmal?

Überhaupt nicht! Denn wenn der öffentliche Personennahverkehr funktioniert, bin ich in 35 Minuten am S-Bahnhof Friedrichstraße. Da braucht man für räumlich kürzere Wege in Berlin oft zeitlich länger. Außerdem ist Potsdam für mich einer der schönsten Orte in Deutschland, eine richtig gestaltete, durchkomponierte Stadt, ein heller Ort, Arkadien.

Ist Potsdam aber nicht auch die Stadt, in der sich die Ost- und die West-Bewohner aus dem Weg gehen? Wo es auf der einen Seite die reichen Zugezogenen aus dem Westen gibt und auf der anderen Seite die abgehängten Einheimischen?

Mein Eindruck von der Stadt ist anders. Die Bereiche, in denen ich mich als Bürger bewege, sind durchaus gemischt, im Kindergarten, im Supermarkt, im Einwohnermeldeamt, in der Straßenbahn. Ich glaube, die Teilung erfolgt hier eher nach Einkommensverhältnissen. Es gibt immer noch den Handwerker, dem eine – wenn auch unrenovierte – Villa gehört, und daneben den reichen Werbeagenten, der für seine renovierte Villa sechs Millionen Euro auf den Tisch legte. Dieser leise Anschein einer konkreten Utopie wird leider wohl bald verschwinden. Trotzdem muss man ein Auge darauf haben, dass Potsdam nicht ein deutsches Beverly Hills wird.

Klingt fast wie ein Satz aus einem Stück von René Pollesch, der sich oft mit Eigentumsverhältnissen und sozialen Entwicklungen beschäftigt. Worum wird es in dem neuen Stück „Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt“ gehen?

Wir arbeiten nie nach Themen und geben auch keine Inhaltsangaben heraus, nach denen die Zuschauer dann prüfen können, ob auch alle Stichworte wirklich in der Inszenierung auftauchen. Pollesch und ich haben Begegnungen und daraus entstehen unsere Theaterabende. Wäre ich ein Romancier, würde ich meine Romane auch nicht erklären wollen. Man müsste sie lesen und dann könnte die Abteilung Hermeneutik übernehmen.

Erklären müssen Sie’s ja nicht, aber Sie können doch kurz sagen, was das Thema der Produktion sein wird. Der Titel gibt doch eine Richtung vor.

Man kann ihn verschieden lesen, neomarxistisch, philosophisch, viel-leicht sogar theologisch. Übrigens stehen die Titel bei uns auch manch-mal einfach für sich, wir verordnen uns da kein Programm. Es wäre für die Zuschauer doch eine Möglichkeit, in die Aufführung wie in ein Konzert zu gehen und danach selbst zu entscheiden, was man gesehen und gehört – und was man gespürt hat. Das ist ja fast das Wichtigste im Theater, finde ich: Spüren, nicht nur denken.

In den Friedrichstadt-Palast passen knapp 2000 Zuschauer. Wie wollen Sie die alle erreichen?

Ich möchte auf jeden Fall größtenteils ohne Mikrofon arbeiten. Das Theater ist ja ein kultischer Raum. Eine natürliche Stimme in einem solchen Raum ist etwas sehr Schönes. Diese Erfahrung kann man mit den Zuschauern teilen. Ich will auf der Bühne nicht dank Mikroport wie am Küchentisch oder wie im kleinen Fernsehspiel sprechen. Das ist inzwischen so verbreitet, furchtbar! Selbst in hutschachtelgroßen Winzräumen haben die Schauspieler Mikroports und einen Tonmeister im Hintergrund, der alles aussteuert, darunter blubbert irgendeine Ambient-Klangfläche.

In „Kill your Darlings!“ sind Sie 2012 mit 15 jungen Turnern in der Volksbühne aufgetreten. Diesmal spielen sie mit 28 Tänzerinnen und Tänzern.

Wir haben uns sozusagen beim Tanzensemble des Friedrichstadt-Palastes beworben. René und ich haben uns vorgestellt, haben erzählt, wie wir arbeiten, ich habe ein paar Texte gesprochen. Wer wollte, konnte dann bei uns mitmachen. Das war rund die Hälfte des Ensembles. Und wir haben gesagt, wer später merkt, dass es ihm nicht gefällt, kann ohne jedes Drama wieder aussteigen. Wir wollten nicht so einen Ausbeutungsmythos begründen, dass wir machen können, was wir wollen, wenn sie erst einmal zugesagt haben. Wir wollten die Leute, die sich wirklich für uns entschieden haben, und wir haben sie aufgefordert, auch Dinge zu machen, die sie in den großen Shows nicht zeigen. Sie können sich einbringen und nicht nur Ornament sein.

Die Bühnenbilder im Friedrichstadt-Palast sind berühmt für ihre Prächtigkeit. Wie wird das bei Ihnen sein?

Wir dürfen das Bühnenbild der aktuellen Show „Vivid“ benutzen, das ist eine Herausforderung, es ist ja kein skulpturales Bühnenbild wie früher oft bei Bert Neumann an der Volksbühne. In der Existenzphilosophie Heideggers, auch im Existentialismus Sartres gibt es das Wort „Geworfenheit“. Wir sind in diesem Sinne in dieses Bühnenbild geworfen und wollen etwas aus dem machen, was wir darin erfahren.

Studieren Sie an der Fernuniversität Hagen noch Kulturwissenschaften?

Ja, ich bin ein Langzeitstudent, weil ich viel arbeite und Familienvater bin. Ich mache das Studium ja für mich. Es ist mir eine Art von Zugang zur Welt, es vergrößert ihn. „Man sieht nur, was man weiß“, hat Goethe gesagt.

Im Theater sind Sie lange nicht aufgetreten. Werden Sie in der Intendanz von René Pollesch ab 2021 wieder an der Volksbühne spielen?

Auf jeden Fall! Das haben wir schon fest verabredet. Zwischendurch hatte ich immer mal Anfragen für sogenannte klassische Theaterarbeiten, die ich eher bürgerlich nennen würde. Das interessiert mich aber nicht, ich habe nach der Schauspielschule jahrelang meist glücklose und trübsinnige Erfahrungen im „normalen Theaterbetrieb“ gemacht. Für mich war das Unterforderung und Überforderung zugleich und überhaupt keine künstlerische Arbeit. Und dann diese Regisseure mit ihren Markenzeichen von Regie-Handschrift, die eine mehr oder minder intellektuelle, meist aktualisierende Interpretation verfolgen, die ich wahrscheinlich nicht teile … Ich sollte diese dann ausführen und fühlte mich wie eine Servicekraft, die in einem Dienstleistungsverhältnis zum Regisseur steht. Nein, das ist nichts für mich. Ich will weder Chef sein, noch möchte ich einen Chef haben. Ich will lieber etwas mit anderen zusammen machen und setze auf die Schwarmintelligenz.

Im Fernsehen fühlen Sie sich in dieser Hinsicht besser aufgehoben?

Schauspielerei vor der Kamera ist ein ganz anderer Beruf als im Theater. Regie spielt bei den meisten Fernsehfilmen keine große Rolle, den Autorenfilm gibt es da nicht, der ist weitgehend ausgestorben. Am wichtigsten ist das realistische Drehbuch mit psychologisch durchgezeichneten Figuren. Dann ist die Frage, wie man das glaubwürdig umsetzen kann. Das finde ich reizvoll. Ich selber gucke ja auch realistisch-psychologische Filme oder Serien. Und als Schauspieler versuche ich wie viele andere daran zu arbeiten, dass es in Deutschland zu einer Verbesserung in diesem kulturellen Bereich kommt.

Beim „normalen Theater“, klagen Sie, haben Schauspieler keinen Einfluss auf die Inszenierungen. Ist das im Fernsehen anders?

Manchmal bin ich an der Drehbuch-Entwicklung beteiligt, da kann ich Einfluss nehmen. Aber wenn da steht, „Liebeserklärung“, muss die auch stattfinden, nur wie und auf welche Weise, das ist der Unterschied. In den Grenzen des Drehbuchs ist die Freiheit des Schauspielers zu entdecken. Und in den Grenzen des Bildes natürlich, denn wenn ich den Rahmen verlasse, sieht man mich nicht mehr.

Ein Stücktext ist doch auch eine Art Drehbuch, oder nicht?

Aber im Theater bin ich dann dauernd mit einem interpretatorischen Befehl zur Aufführung konfrontiert, das reicht von der Regie bis zum Licht, zum Kostüm, zur Musik, und das ist für mich nicht interessant. Es gibt nicht viel starke Gegenwartsdramatik, also spielt man lieber die alten Stücke. Das ist ja in Ordnung, aber man muss schon genau schauen, wie man die Klassiker so herausbringen kann, dass sie uns heute noch etwas zu sagen haben. Da reicht es nicht, wenn der Regisseur und sein Dramaturg behaupten, die Stücke von Ibsen oder Strindberg zeigen genau die bürgerliche Gesellschaft von heute und der Schauspieler soll das im Anzug und mit Handy auf der schicken Sofalandschaft demonstrieren. Das ist kein Plädoyer meinerseits für sogenannte Werktreue, bloß unreflektierte Übertragungen helfen im Theater auch nicht weiter. Gerade kommen ja viele antike Stücke auf die Bühne, weil es darin Schlüsselworte wie „Flucht“ und Krieg“ gibt. Doch dass die Punischen Kriege mit den heutigen asymmetrischen Kriegen überhaupt nichts zu tun haben und ebensowenig die Fluchtursachen, wird gar nicht mehr bedacht.

Der Friedrichstadt-Palast ist viel größer als auch große Sprechtheater. Fürchten Sie sich ein wenig, wenn Sie an die Premiere denken?

Ich habe Angst im Leben, aber nicht auf der Bühne. Das habe ich irgendwann so beschlossen! Außerdem habe ich mir angewöhnt, kurz vor einer Vorstellung durch den Vorhang das Publikum zu betrachten. Dann sage ich mir: Sind ja alles Menschen! Und ich bin auch so ein Mensch. Dadurch verliere ich jede Angst und denke: Probiere ich das heute Abend einfach mal.