"Das ist ihr Leben“ hieß Ende der 70er-Jahre eine Fernsehshow, in der der Moderator Carlheinz Hollmann Prominente mit Normalmenschen aus ihrem früheren Leben konfrontierte. Rudi Dutschke traf dort auf Pastor Heinrich Albertz, und beide versicherten einander nachträgliche ihre persönliche Wertschätzung nach all den politischen Kämpfen.

Unvergessen ist auch Loriots Parodie auf die Sendung, in der er den abgehalfterten Schauspieler Braunkötter alias Ted Braun darstellte. Als zur unverhofften Begegnung sogleich eine ganze Fußballmannschaft anrückte, gestand der verwirrte Schauspieler, noch nie in seinem Leben Sport betrieben zu haben. Und der betagte Kapitän der Mannschaft sagte: Unser linker Verteidiger hieß Braunkipper, nicht Braunkötter. Those were the days.

Per Mausklick am Leben teilhaben

Das soziale Netzwerk Facebook hat sich nun vorgenommen, Ordnung in dieses biografische Durcheinander zu bringen (siehe Berliner Zeitung vom Dienstag). Das eigene Leben wird zur timeline, an der die anderen, wenn man will, per Mouseklick teilhaben können. Dass alle datenschutzrechtlichen Argumente gegen Facebook und seine Geschäftsgebaren nicht so recht verfangen, liegt weniger an der juristischen Umsicht des Netzgiganten oder dessen besonderer Aufmerksamkeit für gesellschaftspolitische Fragestellungen.

Verdacht: Schlechte Laune

Auf beharrliche Weise ist die Branche vielmehr dabei, eine sanfte Diktatur der Datenerhebung zu errichten. Timeline ist das Produkt einer radikalen Individualisierung, das auf die spielerischen Effekte des Biografismus setzt. Wer ernsthaft etwas gegen die populäre Freude an der eigenen Geschichte einzuwenden versucht, macht sich schlechter Laune verdächtig oder, schlimmer: ein Kulturkritiker zu sein.

Der amerikanische Soziologe Benjamin R. Barber ist so jemand. In seinem Buch „Consumed!“ hat er vor ein paar Jahren vor einer umfassenden Infantilisierung gewarnt. Erstmals glaube eine Gesellschaft, schreibt Barber, ihr wirtschaftliches Überleben verlange eine Art kontrollierter Regression, eine Kultur, die statt der Reifung die Kindlichkeit fördert.

Und eine Partei geht daraus hervor

Das ist bei Barber keine Kleinigkeit, sondern ein Indiz für eine allmähliche Untergrabung der Demokratie durch Verniedlichung. Dass aus dieser Art der Infantilisierung hierzulande sogar eine erfolgreiche politische Partei hervorzugehen scheint, würde Barber gewiss als Bestätigung seiner Überlegungen auffassen und nicht als Einwand.

Auf der aktuellen Spielwarenmesse macht man sich unterdessen Sorgen über einen Trend, dem zufolge Kinder immer früher älter werden und klassisches Spielzeug verschmähen. Aber auch das ist wohl nur eine vorübergehende Station auf der Timeline.