Ana Moura: Fado mit Purple-Vibe

Ana Moura, weiblicher Superstar des Fado, kommt nach Berlin. Ihr neues Album ist auch eine Referenz an ihren verstorbenen Fan und Freund Prince

Ana Moura
Ana MouraInesmmariz/Wikimedia

Fado ist der Blues Portugals: melancholische, tieftraurige Lieder über Herzschmerz und  Verlassensein. Fado bedeutet übersetzt „Schicksal“, vom lateinischen „fatum“. Die Stars des Genres genießen höchstes Ansehen, auf ihren Schultern ruht die Last der Welt. Als der Fadosänger Carlos do Carmo vor zwei Jahren starb, verordnete die Regierung eine mehrtägige Staatstrauer. 

Und längst wehen die mollgetönten Klänge über die Grenzen Portugals hinaus. Ana Moura etwa hat weit mehr als eine Million Platten ihrer Fado-Alben verkauft. Sie ist mit den Rolling Stones aufgetreten und mit Prince. Sie hat „A Case Of You“ von Joni Mitchell gecovert, das Album „Desfado“ wurde von Larry Klein, dem früheren Ehemann Joni Mitchells, produziert.

Vor Weihnachten ist ihr neues Album „Casa Guilhermina“ erschienen. Radikaler denn je bricht Ana Moura mit den Vorgaben des Fado. Unter anderem hat Pedro da Linha mitgemischt, ein junger Elektronikproduzent aus Lissabons Musikszene; Effekte wie Autotunes klingen an, der Beat ist straffer und wummiger denn je. Ein Album mit Verzögerung. Denn der Autor traf die Portugiesin schon vor mehr als einem Jahr zum Gespräch in Berlin: Eine baldige Veröffentlichung des Albums war angekündigt, erste Singles waren draußen. Es war der Tag, an dem Charlie Watts starb; er hatte in der Vergangenheit Songs für die Stones und Ana Moura arrangiert. Dann passierte lange nichts. Jetzt, kurz vor Ana Mouras Konzert in Berlin am 18. Januar im Festsaal Kreuzberg, konnte dieses Gespräch fortgesetzt und beendet werden.

Was ist passiert? Vor mehr als einem Jahr gaben Sie ein kleines Showcase-Konzert in Berlin in den Räumen Ihrer Plattenfirma. Das neue Album sollte bald erscheinen. Jetzt kommt es mehr als ein Jahr später erst heraus. Sie sind Mutter geworden. War das der Grund?

 Ja, das hat viel durcheinandergeworfen. Ich war nicht darauf vorbereitet, Mutter einer Tochter zu werden. Aber der erste Grund für die Verspätung ist ein Konflikt mit meiner Plattenfirma. Ich musste für meine Unabhängigkeit kämpfen.

Schon auf dem Album „Desfado“ vor gut zehn Jahren haben Sie experimentiert, Joni-Mitchell-Songs gecovert. Sie haben das klassische Terrain des Fado weit überschritten. Auf dem neuen Album „Casa Guilhermina“ passiert das noch stärker. Würden Sie sich überhaupt noch als Fadista bezeichnen?

Ich fühle mich immer als Fadosängerin, sogar wenn ich in einer anderen Sprache singe. Gleichzeitig sehe ich mich als Künstlerin, die immer nach neuen Wegen sucht, sich auszudrücken. Es gibt so viele musikalische Stile, denen ich mich eng verbunden fühle und mit denen ich aufgewachsen bin. Zum Beispiel angolanische Musik. Meine Mutter ist Angolanerin. Mein Vater ging von Portugal nach Angola, als er noch sehr jung war. Da traf er später meine Mutter, sie heirateten und gingen 1974, während der Zeit der Nelkenrevolution, nach Portugal. Meine Mutter arbeitete da als Lehrerin. Dadurch ist sie viel im Land herumgereist. So habe ich die verschiedenen Musikstile Portugals als Kind kennengelernt. 

Da haben Sie also Kindheitseindrücke vertont aus der Plattensammlung Ihrer Eltern.

Mein Vater hat diese angolanischen Musiker gehört, Ikonen wie Bonga und Paulo Flores. Er hat für uns angolanische Semba-Musik vorgespielt und gesungen. Ich gehöre zur Hälfte in eine Welt, zur anderen in eine andere. Wenn ich Semba höre, fühle ich, dass ich tanzen will, genau wie Fado eine starke emotionale Reaktion in mir hervorruft.

Welcher Song auf dem Album reflektiert am stärksten Ihre angolanische Seite?

Ich singe zwei Lieder auf dem Album in der angolanischen Sprache Kimbundu. Aber ich würde sagen „Mázia“, obwohl ich da portugiesisch singe. Es ist für meine Cousine geschrieben, mit der ich groß wurde. Wir haben zusammen zu angolanischer Musik getanzt, die uns unsere Großeltern vorspielten. Ich schrieb den Text, dann hatte ich die Idee einer Melodie und für den Rhythmus. Es war wie ein Traum, denn die Melodie fiel mir ein, als ich gerade aufwachte, und ich habe die Skizze auf meinem Handy aufgenommen. Ich habe das dann zuerst mit einem traditionellen angolanischen Musiker aufgenommen. Erst später kamen die Produzenten dazu und brachten die elektronischen Klänge und Effekte dazu.

Sie haben mit den Rolling Stones gearbeitet. Und Sie waren mit Prince befreundet. Wie haben Sie ihn getroffen?

Für ihn fing es so an, dass er sich in Los Angeles ein Haus gekauft hatte, wo er ganz bewusst neue Musik hören wollte. So hörte er eben auch meine Lieder. Später kam er dann zu einem meiner Konzerte in Paris im La Cigale. Seitdem waren wir Freunde, hatten uns öfter besucht, ich habe einige Zeit in seinem Paisley Park Studio verbracht. Manchmal haben wir haben uns bei seinen Konzerten in Europa getroffen.

Sie waren mehrfach zusammen auf der Bühne. Prince schrieb den Song „Dream Of Fire“ für Ihr Album „Desfado“. Auf dem neuen gibt es einen Song, den Sie Prince gewidmet haben.

Der Song heißt „Jacarandá“. Prince sagte mir immer, dass er meine Musik liebe, aber eines Tages würde er sie gerne hören mit einem richtigen Beat. Als ich jetzt anfing, dieses Lied zu schreiben, hatte ich spontan das Gefühl, der angolanische Kizomba-Rhythmus wäre perfekt als Begleitung für „Jacarandá“. Ich glaube, der Song würde ihm gefallen. Der Text ist eine Hommage an die gemeinsamen Zeiten, die wir hatten. Ich wollte, dass der Song einen richtigen Prince-Vibe trägt. Daher habe ich Mike Scott aus seiner ehemaligen Band eingeladen, er spielt Gitarre auf „Jacarandá“. Es klingt, als würde Prince mitspielen.

Ana Moura 2021 in Porto
Ana Moura 2021 in PortoRita Franca/imago

Das Album bewegt sich von Fado weg, aber die Themen Einsamkeit und Liebesschmerz, typisch für die Melancholie dieser Musik, bleiben hörbar.

Mein Leben war zu einer gewissen Zeit sehr einsam. Auf Tour bist du zwar umgeben von Menschen, aber du endest trotzdem allein im Hotelzimmer. Und dann bist du zu Hause, aber keiner meldet sich, weil alle denken, du bist nicht da, und du kriegst keine Einladungen. Einsamkeit war oft Teil meines Lebens in den vergangenen Jahren, und darüber habe ich eben geschrieben.

Das Album entstand während der Corona-Pandemie. Wie schauen Sie darauf zurück?

Es ist ein sehr spezielles Album, weil ich mich zum ersten Mal frei und unabhängig entfalten konnte.  Als ich ins Studio ging, hatte ich schon einige Songs als Vorlage, aber keiner war von mir. Das fühlte sich nicht mehr richtig an. Dann kamen diese beiden Produzenten dazu, Pedro da Linha und Pedro Mafama. Mit denen habe ich in meinem Haus im Studio gearbeitet, wir haben uns Zeit gelassen und experimentiert. Bis dahin hatte ich Texte und Musik stets von anderen schreiben lassen, das ist hier anders und das unterscheidet „Casa Guilhermina“ von allen meinen Alben zuvor.

Pedro Mafama ist auch Ihr Lebensgefährte und Vater Ihrer Tochter. Gibt es schon Anzeichen für eine musikalische Laufbahn Ihrer Tochter?

Ich denke schon. Aber sie ist gerade neun Monate alt geworden. Manchmal kommen aus ihr so lange Sounds, so Klänge, die klingen etwas wie Fado. Ich glaube, sie hat schon mit dem Singen begonnen.

Danke für das Gespräch.


Festsaal Kreuzberg Am Flutgraben 2, 18. Januar, 19 Uhr, VVK 31 Euro