Manchmal versetzt man unwillentlich Menschen in schreckliche Peinlichkeiten. Etwa, indem man vor der Tür der unter Bibliothekaren weltberühmten Biblioteca di Girolamini in Neapel steht, einer der schönsten Bibliotheken Italiens und fragt, ob sie zu besichtigen sei. Der schamerfüllte Blick der Aufsichten weist zum Portal. Ein Siegelstreifen zeigt an: Die italienischen Steuer- und Zollbehörden haben die Tür für Besucher, Wissenschaftler und Mitarbeiter gesperrt.

Besonders für einen Mitarbeiter, den einstigen, 2011 unter dubiosen Umständen inthronisierten, 2012 verhafteten und im März 2013 zu sieben Jahren verurteilten Direktor Marino Massimo De Caro. Einer der vielen Amici Berlusconis. Ähnlich wie dieser den Staat, betrachtete De Caro die Bibliothek als seinen Privatbesitz, der vor allem seinem persönlichen Wohlstand dienen sollte. Und verkaufte also unter Mithilfe diverser Geistlicher und Antiquare – wieder einmal zeigte sich München als eine Drehscheibe des unkritischen Handels mit Objekten dubioser Herkunft – drei-, vier- oder noch mehr tausend kostbarste Werke.

Der Skandal droht das Renommee Bredekamps zu beschädigen

Einer der Seitenzweige dieses Raffgier-Skandals droht nun sogar das Renommee eines der wichtigsten deutschen Kunsthistoriker zu beschädigen. Horst Bredekamp nämlich, Professor für Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität Berlin, ist trotz intensiver natur- und kulturwissenschaftlicher Analysen einer von De Caro 2005 initiierten Fälschung aufgesessen, derjenigen des „Sidereus Nuncius“ von Galileo Galilei. Bredekamp war das von einem New Yorker Antiquar erworbene Werk Anlass für ein gewaltiges, hymnisch besprochenes Buch.

Darin belegte Bredekamp neuerlich seine inzwischen zum Standard der kulturwissenschaftlichen Forschung gewordene These, dass sich Naturerkenntnis und künstlerische Kreativität gegenseitig befruchten. Eine Zeichnung des Mondes von Galilei ist danach eben nicht nur schnöde Abbildung, sondern auch Nach- und Neuschöpfung der Naturerkenntnis.

So stolz der amerikanische Historiker Nick Wilding, der die Fälschung Ende 2011 aufdeckte, sein darf: Sein in der Wochenzeitung Die Zeit veröffentlichter Vorwurf, die Deutschen hätten zu langsam reagiert, ist kühn. Man muss prüfen dürfen. Genau so kühn ist die Behauptung, Bredekamps These vom Zusammenhang der Natur- und Kunstgeschichte sei nun obsolet. Nein, die Entlarvung von De Caros Siderus Nuncius – der als Monument erstklassiger Fälschung bald eigene Geschichte schreiben wird – zeigt vor allem, was wirkliche Forschung vor aller Guttenbergerei auszeichnet: Die Kraft, immer neu zu prüfen, selbst dann, wenn große Namen betroffen sind.