Bar aus DDR-Zeiten auf dem Gelände der Fahrbereitschaft in Berlin-Lichtenberg.
Foto: Markus Wächter/Berliner Zeitung

BerlinAxel Haubrok sagt, er mag den Ausstellungstitel: „Out of order“. Man kann das schlicht mit „außer Betrieb“ übersetzen oder, anspielungsreicher, mit: vom Normalen weggerückt; nicht so, wie man vermuten würde. Letzteres passt zu der Kunst, die er sammelt und in der oft Alltagsgegenstände vorkommen, irritierend und humorvoll verfremdet. Es passt aber auch zu dem, was ihm und seiner Kunst in Berlin passiert ist – und was am Ende dazu geführt hat, dass Axel Haubrok nun, an einem Donnerstagmorgen Ende Oktober, eine Gruppe Journalisten durch einen hellen, saalartigen Raum im Nürnberger „Neuen Museum“ führt. Ein Presserundgang, einen Tag bevor „Out of Order. Werke aus der Sammlung Haubrok, Teil 1“ für das Publikum geöffnet wird.

Der flüchtige Blick nimmt eine Ansammlung vertrauter Dinge wahr, da steht ein Auto, ein Klavier, Stühle, Teller, ein riesiger Blumenstrauß. Erst beim genauen Hinsehen trennen sich die Gegenstände, zeigen, was sie über das Alltägliche hinaushebt, geben sich als Kunst zu erkennen. Axel Haubrok, Ende 60, vergnügter Blick hinter einer Brille mit dickem schwarzen Rand, geht von Werk zu Werk, er erklärt seine Kunst gern und findet auch, dass man das tun soll: sie verständlich machen, Berührungsängste nehmen. Er greift sich ein Sofakissen, das mit scharf geschlagener Kante auf einer Stele steht. Das sei ja ganz schön teuer für ein Sofakissen, habe er zu dem Künstler Hans-Peter Feldmann gesagt. Aber er mag es, wie Feldmann mit normalen Dingen arbeitet, die kulturelle Bedeutung offenlegt, die wir ihnen geben. Die Kante zum Beispiel: ein sehr deutscher Umgang mit Kissen.

Axel Haubrok in seiner Fahrbereitschaft.
Foto: Markus Wächter/Berliner Zeitung

Barbara Haubrok lächelt. Sie lässt ihren Mann reden, dem es spürbar Freude macht, über die Kunst hier zu sprechen. Man merkt aber, dass sie mit den Werken hier genauso vertraut ist wie er. Jedes einzelne dieser Stücke und noch hunderte mehr haben sie zusammen entdeckt und gekauft, in Galerien, auf Kunstmessen, direkt bei den Künstlern. Es ist ihr gemeinsames Projekt. Seit 30 Jahren sammeln sie Konzeptkunst, die jüngste, wegweisendste und auch sperrigste, die es gibt, und zeigen sie auch. Seitdem Axel Haubrok seine Firma für Finanzkommunikation verkauft hat und beide vor elf Jahren aus Düsseldorf nach Berlin gezogen sind, bestimmt Kunst noch mehr ihr Leben.

Kunst versus Gewerbeordnung

Wäre alles gelaufen wie geplant, hätte die Ausstellung auch ungefähr zu diesem Zeitpunkt eröffnet – nur nicht in Nürnberg, sondern in Berlin-Lichtenberg. Am Rande eines knapp 20.000 Quadratmeter großen Gewerbehofs in der Herzbergstraße, den Axel Haubrok und seine Frau 2013 gekauft haben, stünde jetzt ein transparenter Kubus, erbaut vom Architekten Arno Brandlhuber, und im Inneren dieser Ausstellungshalle wäre die Auswahl aus der Sammlung zu sehen. Die Schau in der Fahrbereitschaft, einem geschichtsträchtigen Gelände, auf dem die DDR-Regierung ihren Fuhrpark und Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski seine Geschäfte betrieb, wäre eines der Kunstereignisse der Saison gewesen.

Doch es ist nicht gelaufen wie geplant. Den Bau der Kunsthalle hat Birgit Monteiro, die Baustadträtin von Lichtenberg, untersagt sowie im April 2018 überhaupt Ausstellungen auf dem Areal, unter Androhung einer Strafe von einer halben Million Euro. Sie berief sich auf die Gewerbeordnung. Kunstausstellungen wären der erste Schritt zur Verdrängung des ansässigen Gewerbes, das war ihre Haltung, an der weder runde Tische noch Vermittlungsversuche der Senatsverwaltung etwas änderten. Am Ende war es, als kämpfe Birgit Monteiro allein gegen alle: Axel Haubrok, den Lichtenberger Bürgermeister, den Berliner Bürgermeister, die Kunstwelt.

Nicht Berlin, sondern Nürnberg schmückt sich jetzt mit einer „der wichtigsten Sammlungen der Gegenwartskunst“, wie es im Ausstellungsheft des Museums heißt. Isa Genzken, Judith Hopf, Franz West, Karin Sander, Gregor Schneider, Olafur Eliasson – von allen befinden sich Werke in der Ausstellung. Statt in der ruppigen Lichtenberger Herzbergstraße ist sie im „Staatlichen Museum für Kunst und Design“ zu besichtigen, ein eleganter Bau im Zentrum der beschaulichen fränkischen Stadt, zwischen der traditionsreichen Gaststätte Bratwurstglöcklein und den Lebkuchenständen der Altstadt.

Museumsdirektorin Eva Kraus selbst hatte die Idee. Als sie mal in Berlin war und Axel Haubrok ihr die Pläne für die nicht genehmigte Kunsthalle zeigte, sagte sie, einen Raum von exakt dieser Größe, 25 mal 25 Meter, könne sie ihm auch anbieten.

Der größte Schaden ist das Unverständnis

Über die Vorgeschichte schweigt das Begleitheft, Nürnberg soll sich nicht als zweite Wahl fühlen. Aber beim Ausstellungsrundgang ist der Konflikt in Berlin immer wieder Thema. Ein Ausstellungsstück ist ein überlebensgroßer, sehr realistischer Tentakel eines Oktopus, ein Werk des weltweit gefragten peruanischen Künstlers David Zink Yi. Weich und elastisch sieht der rosafarbene Tintenfisch-Arm aus, tatsächlich ist er steinhart, aus Keramik. David Zink Yi interessiert der Kontrast zwischen der Beweglichkeit des Meeresbewohners und der Starre seines bevorzugten Arbeitsmaterials: Keramik. Er hat sein Atelier auf dem Gewerbehof der Fahrbereitschaft, dort steht auch der meterhohe Keramikofen, in dem er den Oktopus gebrannt hat. „Den dürfte ich auf dem Gelände zeigen, der wurde nämlich dort gemacht“, sagt Haubrok. „Aber sonst nichts.“

Kopfschütteln bei den Journalisten und Museumsmitarbeitern. Komisches Berlin. „Grotesk“, sagt jemand leise.

Das ist vielleicht der größte Schaden, der entstanden ist: dass nur Unverständnis bleibt, dass ein eigentlich richtiger Impuls nur noch als Verweigerungshaltung wahrgenommen wird – und dass zu unversöhnlichen Fronten wurde, was eigentlich gar nicht so weit auseinander liegt.

Vor allem bleibt das Gefühl, dass eine Chance vertan wurde. Und zwar nicht in erster Linie die auf einen weiteren Kunstort in einer an Kunstorten nicht armen Stadt. Sondern die, eine der größten Herausforderungen, denen Berlin sich gegenübersieht, an einem konkreten Ort vielleicht wegweisend anzugehen: die Frage, wie die Räume, aus denen die Stadt besteht, die sie ausmachen, für möglichst viele Menschen zugänglich und bezahlbar bleiben. Wie man einem Mechanismus etwas entgegensetzen kann, den der Soziologe Richard Florida vor knapp 20 Jahren als „Gentrifizierung“ beschrieben hat – ein Wort, das inzwischen jeder kennt, der in Berlin schon einmal eine Wohnung gesucht hat.

Lichtenbergs Baustadträtin Birtig Monteiro.
Foto: Markus Wächter/Berliner Zeitung

Birgit Monteiro, die Lichtenberger Stadträtin, zögert lange, ob sie sich zur Fahrbereitschaft noch mal äußern will. Sie sagt eine Interviewanfrage erst zu, dann ab. „Ich möchte das nicht mehr“ schreibt sie, und es ist nicht klar, ob sie das Interview meint oder fürchtet, einmal mehr als sture Verhinderin dargestellt zu werden. Am Ende bietet sie an, Fragen per Mail zu beantworten.

Die rechtliche Grundlage des Ausstellungsverbots war schon in dem Schreiben formuliert, das Axel Haubrok 2018 erhielt und das nun, meterhoch großkopiert, an der Zufahrt zu seinem Grundstück steht: Eine Kunstausstellung auf dem Gelände der Fahrbereitschaft stelle eine „Nutzungsänderung“ dar, die hier nicht genehmigt werden könne. Es handele sich um ein Gewerbegebiet, ein Bußgeld von 500.000 Euro drohe.

Ein unerwarteter Rückschlag für Berlins Kunstszene

Für Haubrok war das Schreiben wie ein Schlag in die Magengrube, das Gallery Weekend stand kurz bevor, er war als Teilnehmer angekündigt. In den Jahren zuvor hatte es auf dem Gelände immer wieder Ausstellungen gegeben.

Es war nicht der Verweis auf die Rechtslage, die ihn und alle, die in den kommenden Monaten Zeugen des Konflikts wurden, so erstaunte. Es war die Kompromisslosigkeit, mit der Birgit Monteiro von nun an auf dieser Rechtslage beharrte. Sie stieß damit nicht nur Axel Haubrok vor den Kopf, sondern eigentlich ganz Berlin, bis hin zum Regierenden Bürgermeister Müller und dem Kultursenat. Die Politik hatte Haubrok Versprechungen gemacht, ihm das Gefühl gegeben, dass man ihn und seine Ausstellungen unbedingt haben wolle in Berlin-Lichtenberg und auch der Bau einer Kunsthalle kein Problem sein würde. Niemand hatte damit gerechnet, dass eine SPD-Stadträtin die Ankunft der Galerieszene mit ihrem imagefördernden Nimbus von Geschmack, Kunstsinn, aber auch Geld, im kulturell bislang blassen Stadtteil Lichtenberg nicht gutheißen könnte. Berlin ist schließlich stolz darauf, sich zur Kunstmetropole entwickelt zu haben. In der Stadt leben 30.000 Künstler aller Couleur, es gibt hunderte Galerien und Events wie das Gallery Weekend und die Art Week, die Kunstinteressierte aus aller Welt anziehen.

Einmal trug Birgit Monteiro bei einer Podiumsdiskussion zur Fahrbereitschaft eine Latzhose, vorne waren die Worte „Produzierendes Gewerbe“ aufgedruckt. Sie ergriff nicht oft das Wort, saß nur da in dem Blaumann. Als ob damit schon alles gesagt wäre, die Front klar.

Produzierendes Gewerbe, das sind die Unternehmen, die sich laut dem Stadtentwicklungsplan des Senats in der Herzbergstraße ansiedeln sollen, die im 19. Jahrhundert nördlich des Dorfes Lichtenberg als Standort für Fabriken angelegt wurde. Inzwischen ist sie längst Stadtgebiet. Will man sie von Berlin-Mitte aus erreichen, fährt man durch Straßen, die zu breit und deren Wohnblöcke zu lang und monoton sind, um einladend zu wirken. Lichtenberg grenzt an die Ortsteile Prenzlauer Berg und Friedrichshain, hat von deren Beliebtheit aber lange nichts abbekommen. Inzwischen wird viel gebaut, junge Familien ziehen her.

In der Herzbergstraße ist die Großindustrie schon lange weg, seit dem Mauerfall bemüht man sich, sie wiederzubeleben mit Gewerbe, das „laut ist, Lärm macht, Abgase und riesige Lieferverkehre zu allen möglichen Tages- und Nachtzeiten verursacht“. So schreibt es Birgit Monteiro, die selbst mal Landmaschinen- und Traktorenschlosserin gelernt hat, in ihrer Mail. Und: „Ist es laut und dreckig, sind die Gewerbe hier willkommen. (...) Hier wird gesägt, gehämmert, geschweißt, und so soll es auch bleiben“, ausdrücklich bezieht sie hier auch die „produzierende Kreativwirtschaft“, also Künstler, ein.

Sorge vor Gentrifizierung

In der Formulierung steckt aber schon der Kontrast zu dem, was sie eben nicht willkommen heißt: das „Präsentieren von Kunst“, das, mitsamt seinem Publikum und dessen Ansprüchen auf Parkplätze und Gastronomie, zu „nachbarschaftlichen Konflikten“ führen könne, vor allem aber: zu einem „Imagewandel des Gebietes“ hin zu einem „hippen Kunststandort, der weitere Immobilienspekulanten darauf aufmerksam macht. In der Summe: Gefahr der Verdrängung des produzierenden Gewerbes“.

Da möchte man erst mal gar nicht widersprechen, das sind die Mechanismen, die auch der Soziologe Florida beschreibt: in ein nicht besonders begehrtes Viertel, in dem die Mieten darum niedrig sind, ziehen Menschen, die nicht viel zahlen können, aber kreativ sind, Künstler vor allem. Das Viertel kommt dadurch ins Gespräch, noch mehr Künstler lassen sich nieder, Investoren werben mit der besonderen Atmosphäre des Stadtteils, und am Ende ist er für die, die ihn interessant haben werden lassen, unbezahlbar.

Gentrifizierung betrifft nicht nur Wohngebiete, und auch für das Gewerbe ist es in den vergangenen Jahren in Berlin immer schwieriger geworden, noch bezahlbare Räume zu finden. Es ist nur so, dass in diesem konkreten Fall vieles dafür spricht, dass es anders hätte kommen können; dass Gentrifizierung hätte verhindert statt befördert werden können. Es gibt den Stadtentwicklungsplan, der die Herzbergstraße als „produktionsgeprägten Bereich“ definiert, und einen neuen Rahmenplan, der Ausstellungen auf einem Streifen zur Straße hin theoretisch erlaubt, nach komplizierten Genehmigungsverfahren. Und es gibt die Haubroks, die in den vergangenen sechs Jahren bewiesen haben, dass ein gleichberechtigtes Miteinander von Gewerbe, Künstlern und Kunstbetrieb beständig sein kann. Von den 70 Mietern sind etwa ein Drittel Künstler, es gibt eine Autolackiererei, eine Kfz-Werkstatt, einen Fräser, einen Bootsbauer, einen Bilderrahmenbauer, einen Standort der Arbeiterwohlfahrt, Bühnenbildner. Die Miete ist moderat, 6,50 bis 7,50 Euro der Quadratmeter. Axel Haubrok hat mehr als vier Millionen Euro investiert, es gibt hier 150 Arbeitsplätze.

Die Starken kommen auch ohne Schutz ans Ziel

Birgit Monteiro, Baustadträtin von Lichtenberg

Birgit Monteiro geht es aber um Grundsätzlicheres. Es sei eine Errungenschaft des Rechtsstaates, Regeln zu haben, die die Schwachen schützten, schreibt sie. „Denn die Starken kommen natürlich auch ohne diesen Schutz ans Ziel.“ Sie bezieht den Satz nicht explizit auf den Konflikt in Haubroks Fahrbereitschaft, aber es ist klar, dass man das könnte: Die Schwachen, das sind die, die hämmern, schweißen, Krach machen, wie schon seit mehr als 100 Jahren in der Ostberliner Herzbergstraße. Die Starken, das sind Menschen wie Axel Haubrok, der aus Düsseldorf zugezogene Kunstsammler, der ein kosmopolitisches Publikum in die Herzbergstraße zog, wie man es sonst eher auf Vernissagen in Mitte oder Charlottenburg trifft.

An seinem Schreibtisch in der ehemaligen Tankstelle der Fahrbereitschaft sitzt Torsten Oelscher und sagt, was ihn am meisten aufrege an der Sache, sei, wie Kunst und Gewerbe gegeneinander ausgespielt würden. Oelscher ist mit seiner Firma black flamingo, die unter anderem zwischen Künstlern und Auftraggebern vermittelt, seit 2013 Mieter in der Fahrbereitschaft.

Die alte Tankstelle auf dem Gelände der Fahrbereitschaft.
Foto: Markus Wächter/Berliner Zeitung

Er sagt, er habe gleich die „Vibes“ gespürt, als er zum ersten Mal in die „Fahrbereitschaft“ kam, zu DDR-Zeiten Hochsicherheitszone. Die Geschichte weht durch das Gelände, an der Tankstelle mit ihren verklinkerten Säulen fuhren früher die Limousinen vor, auf den Fassaden liegt noch der alte unverwüstliche Graupelputz, und im Verwaltungsgebäude öffnen sich Türen in die Vergangenheit: zu einer Bowling-Bahn und einer Bar, früher nur privilegierten Genossen zugänglich, die aussehen, als sei hier gestern Abend noch gespielt und gefeiert worden.

Oelscher sagt, er finde die Theorie falsch, dass Künstler Beschleuniger von Gentrifizierung seien. Die komme sowieso, und dann seien Künstler, denen dringend benötigter günstiger Atelierraum abhanden kommt, ebenso ihre Opfer wie Mieter oder eben Gewerbetreibende. Es sei wichtig, in einem Umfeld zu arbeiten, in dem auch Kunstinteressierte und potenzielle Galeristen vorbeikämen. So wie es in der Fahrbereitschaft war, als da noch ausgestellt werden durfte.

Wie viele sagt Torsten Oelscher, er verstehe Birgit Monteiro nicht, zumal sie gegen die Ausstellungen zunächst nichts zu haben schien. 2016 organisierte Oelscher eine zu zeitgenössischer vietnamesischer Lackkunst, Birgit Monteiro kam. Er habe sie toll gefunden, sagt er, engagiert. Sie fragte ihn, ob er sich nicht in der Lichtenberger Kulturpolitik engagieren wolle. Oelscher wurde Mitglied im Kulturbeirat.

Ein geschützter und geschätzer Raum für Künstler

Er vermutet, wie andere, hinter dem strikten Verbot auch Parteipolitik. Als sie die Ausstellung besuchte, war Birgit Monteiro Bezirksbürgermeisterin, seit Dezember 2016 ist es Michael Grunst von den Linken. Grunst sähe es gern, wenn die Fahrbereitschaft zum Ausstellungsort würde. Aber er ist gegenüber seiner Stadträtin nicht weisungsbefugt.

Das hier sei ein geschützter Raum, ein gutes Miteinander, etwas Besonderes, hört man, wenn man durch die Werkstätten auf dem Gelände geht. Von Werner Kühne zum Beispiel, der schon Anfang der 90er-Jahre mit seiner Autowerkstatt aus Reinickendorf hierherzog. Er ist 75, sein Sohn hat die Firma übernommen, aber er kommt noch jeden Tag und arbeitet. Er vermisse die Ausstellungen, sagt er, den Trubel auf dem Hof, zumal er so auch neue Kunden bekam: „Auch die Kunstszene fährt Auto.“

Nebenan verlädt David Yi Zink, dessen Oktopus in der Nürnberger Ausstellung zu sehen ist, gerade einen noch größeren Tintenfisch-Arm. Er sagt, er habe zunächst gezögert, als Axel Haubrok ihm vorschlug, mit seinem Atelier hierherzukommen. Nach Lichtenberg? Inzwischen sei er begeistert, habe selten einen Ort gesehen, an dem so viel Kompetenz zusammenkomme. Der Bootsbauer Lutz Berger ist aus Neukölln hergezogen, in seiner großzügigen Werkstatt hängen schnittige Holzboote, Kanus, die aus Modellbausätzen zusammengebaut werden und die sich Käufer selbst zusammensetzen können. Er sagt, er habe zum ersten Mal das Gefühl, hier bei fairer Miete sicher und langfristig planen und arbeiten zu können. Gegenüber, in einer neuen Halle, arbeitet Bilderrahmenbauer Andreas Neumann. Er habe sich hier eine neue Existenz aufgebaut, sagt er. Zunächst lief alles gut, er arbeitete mit den Künstlern zusammen, bekam Zulauf durch kunstliebende Kundschaft, die bei ihm rahmen lässt. Aber seit dem Ausstellungsverbot geht das Geschäft mäßig, Neumann macht sich Sorgen um seinen Betrieb.

Draußen, vor der Einfahrt zur „Fahrbereitschaft“ zieht sich die Herzbergstraße schnurgerade durch den Bezirk, zweieinhalb Kilometer lang. Es gibt die Firma Pantrac, die Kohlebürsten herstellt, in Nachfolge des VEB Elektrokohle, der hier seinen Hauptsitz hatte. Es gibt die fünf riesigen Hallen des Dong-Xuan-Centers, des asiatischen Handelszentrums, in dem man von Kosmetikbehandlungsstühlen bis zur Handy-Panzerfolie alles kaufen kann. In einem Bürohaus mit bronzierten Glasscheiben wie am Palast der Republik sind jetzt Proberäume für Bands. Es gibt einen Recyclinghof, eine Abrissfirma, eine Firma für Pulverbeschichtungstechnik. Mehrere Backsteinbauten stehen leer, an einem Zaun weist ein Schild zur „Kulturbotschaft“, einem Projekt mehrerer Künstler, denen Ausstellungen und ein Bauvorhaben auch untersagt wurden.

Die Straße fühlt sich noch so unfertig an wie in den 90er-Jahren viele Teile der Stadt, mit ihrem Nebeneinander von Kunst und Industrie, das meistens nur ein vorübergehender Zustand ist; ein Zeichen dafür, dass eine Gegend sich verändert. In der Fahrbereitschaft indes hat man das Gefühl, dass es vielleicht doch gelingen könnte, dieses Nebeneinander zur Normalität zu machen.

Anfang November, eine Woche nach der Ausstellungseröffnung in Nürnberg, gibt Birgit Monteiro bekannt, dass sie im Frühling 2021 nicht mehr als Stadträtin kandidieren wird. Es ist wahrscheinlich, dass ihr Nachfolger oder ihre Nachfolgerin Ausstellungen auf dem Gelände der Fahrbereitschaft genehmigen würde. Sollte es entsprechende Signale aus dem Lichtenberger Rathaus geben, sagt Axel Haubrok, als er die Nachricht hört, würde er dort in Zukunft gerne wieder ausstellen, in den vorhandenen Räumen oder auch der geplanten Halle.

Auf ihrer Facebook-Seite schreibt Birgit Monteiro, die 50 Jahre alt und seit 1995 in der SPD ist, dass sie das Ruder übergeben wolle, an „Sozialdemokrat*innen, die aufgrund ihres starken Gestaltungswillens dem Begriff ,Erneuerung‘ die nötige Frische verleihen“. Sie verrät nicht, ob ihr Rückzug auch mit den Auseinandersetzungen um die Fahrbereitschaft zu tun hat. Und auch nicht, ob sie sich in einem Kampf, den sie gewonnen hat, am Ende vielleicht doch als Verliererin fühlt.