Es gab sogar Public Viewing. Der Andrang wegen der Causa Haubrok war so groß und der Saal mit dem Podium so voll, dass Dienstagabend im Liebermann-Haus, in dem die Stiftung Brandenburger Tor sitzt, ein zweiter Raum mit Übertragungstechnik ausgestattet werden musste. Das Stück, das da lief, müsste eigentlich „Die Malaise der Berliner Politik“ heißen. Eben weil es genau zu diesen Verteilungskämpfen kommen konnte: Kunst kontra Gewerbe. Künstler gegen Handwerker. Gleiche gegen Gleiche. Es geht um knapp werdenden Atelier- wie auch Gewerberaum, um bezahlbare Mieten, um befürchtete Verdrängung. Des einen Recht wird des anderen Unrecht.

Der Streit dreht sich um ein Lichtenberger Gewerbegebiet, in dem seit fünf Jahren das Sammlerpaar Haubrok ein Künstlerareal entwickelt, argwöhnisch beobachtet von angrenzenden Kleinunternehmern.

Sichtbar werden an diesem hitzigen Debatten-Abend bis in die Nachtstunden ein veritabler Interessenkonflikt und dazu eine Gesetzeslage, die der rasanten Stadtentwicklung nicht mehr standhält.

Mieten 6 bis 7,50 Euro kalt

Das Gute an dem Streitgespräch mit allen Zwischenrufen und empörtem Über-den-Mund-Fahren: Es ist – trotz allem – noch eine Streitkultur vorhanden. Eingeladen hatte die Stiftung Brandenburger Tor zwei unversöhnlich scheinende Kontrahenten: die Lichtenberger Baustadträtin Birgit Monteiro (SPD) und das Sammlerpaar Barbara und Axel Haubrok, die der Gentrifizierung verdächtigt werden, weil sie auf ihrem Gelände an der Lichtenberger Herzbergstraße Ausstellungen zeigen wollen, mit der eigenen Sammlung.

Und auch die dort beheimateten Künstler wollen ausstellen. Nicht bei kommerziellem Betrieb, sondern im Stile offener Ateliers. Haubrok schildert, weshalb er eine Neubauhalle plante, die aber von Monteiro abgelehnt wurde. Zumindest mehrmals im Jahr, zum Gallery Weekend, zur Art Week oder bei besonderen Anlässen sollen die Besucher der „Fahrbereitschaft“ in der Herzbergstraße 40–43 Kunst sehen können, bei freiem Eintritt.

„Kunst ist schließlich die Seele des Projekts, in das die Haubroks Geld und Energie steckten“, ruft jemand aus dem Publikum. Seit fünf Jahren betreibt, saniert das Paar die schon 2013 vom Stadtbezirk erworbene „Fahrbereitschaft“ – mit 25 Künstlerwerkstätten, Gewerbebetrieben wie Autolackiererei, Reifenhandel, Schreinerei, Tischlerei, Bilderrahmung, Architektenbüros, Bootsbau und den Räumen des Arbeitersamariterbundes. 155 Leute, erfährt das Publikum, arbeiten auf dem sanierten Gelände, die Mieten von 6 bis 7,50 Euro kalt.

Stadträtin untersagte Ausstellungen

Es ist ein geschichtsträchtiges, auch illustres Areal. Denn auf dem 18.000 Quadratmeter umfassenden Gelände agierte bis 1989 der Fahrdienst des DDR-Ministerrates – unter dieser betriebsamen Tarnung gingen einst auch dubiose Figuren wie Alexander Schalck-Golodkowski ein und aus und regelten Devisen-Geschäfte für die SED.

Nun, das ist deutsche Geschichte und die Haubroks haben selbige aufwendig recherchiert und publiziert. Darum geht es aber auch gar nicht in der jetzigen Debatte. Es geht um die Vision des Sammlerpaares – ein Areal für Kunst und Gewerbe zu schaffen, im Miteinander, nicht Gegeneinander. Das schien die ersten Jahre auch zu klappen. Die „Fahrbereitschaft“, das bestätigt ein Vertreter des Senats, wurde gleichsam „zur Blaupause“ für die Belebung von halbverlassenen Industriegebieten am Stadtrand. Politiker aus dem Stadtbezirk und dem Senat gingen ein und aus in dem Vorzeigeprojekt, das auch Kunstfreunde aus aller Welt besuchten. Allein – der Stadtbezirk Lichtenberg gestattete seither lediglich eine mündliche Duldung, ab und an Ausstellungen zu veranstalten. Eine schriftliche Genehmigung gab es nicht, beklagt Axel Haubrok.

Vor Tagen nun untersagte Bezirksstadträtin Monteiro dem Sammlerpaar bei Androhung einer hohen Geldstrafe (500.000 Euro) die Ausstellungen. Birgit Monteiro, die auf dem Podium demonstrativ eine Handwerker-Latzhose mit der Aufschrift „Gewerbe“ trägt, zeigt hier Courage, was man respektieren muss. Sie weiß (und bekommt es zu spüren), dass in der Runde fast alle Zuhörer nicht mit ihrem hartlinigen Vorgehen einverstanden sind. Sie rechtfertigt sich mit dem Paragrafen 34 des Gewerbebaurechts. Dass dieser auch Ausnahmen und Sondergenehmigungen vorsieht, ficht sie nicht an. Da könnte ja jeder kommen. Haubrok hat für seine Sammlung indes keine kommerzielle Absicht. Es wird nichts verkauft. Und wenn die Künstler ihre Ateliers öffnen, ist das nicht vergleichbar mit einem kommerziellen Betrieb.

Monteiro fühlt sich Gewerbetreibenden verpflichtet

Monteiro, in ihrer Haltung als Verteidigerin der von der Kunst bedrohten Gewerbetreibenden wie eine kommunale Jeanne ’d Arc auftretend, bewahrt erstaunliche Haltung, als zwei Juristen im Publikum sie überführen, den Ermessensraum anscheinend nicht zu kennen beziehungsweise zu ignorieren. Auch muss sie zugeben, dass sie keine Ahnung hat von dem ideellen und ästhetischen Wert der Konzeptkunst-Sammlung Haubrok, zu der die namhaftesten Künstler der jüngsten 30 Jahre zählen. Lichtenberg solle glücklich sein, ruft eine Kunstfrau in den Saal, diesen Sammler zu haben.

Als auf dem Podium ein Brief des Lichtenberger Bezirksbürgermeisters Michael Grunst verlesen wird, der ausdrücklich die unterstellten Gentrifizierungsabsichten Haubroks widerlegt, der den Wert der Allianz von Kunst und Handwerk betont und in Aussicht stellt, seinerseits beiden Seiten gerecht werden zu wollen, bricht beinahe Tumult los. Monteiro aber erwidert stoisch, sie fühle sich den Gewerbetreibenden verpflichtet, nicht der Kunst.

Die Ängste treffen den Falschen

Zwei ihrer Schützlinge melden sich zu Wort, aber ihre Argumente gegen die „Fahrbereitschaft“ klingen dünn: Von zu viel Publikumsverkehr ist die Rede, man fühle sich gestört. Nun, Popkonzerte (wie beim benachbarten Möbel-Höffner) oder laute Künstlerpartys gab es auf dem Haubrok-Areal nicht. Aber Gespräche mit Politikern wie dem Regierenden Bürgermeister, dem Kultursenator, mit Vertretern aus dem Bezirk, mit Museumsleuten. „Gut, was Ihr macht!“, hat Haubrok immer wieder gehört. Sein Projekt schmückt den Bezirk. Lichtenberg ist im Gespräch. Wohl zu sehr? Jetzt wo Raum immer knapper wird?

Die Ängste der Gewerbeleute sind verständlich. Aber sie treffen den Falschen. Haubrok gentrifiziert nicht, er schafft eher geschützten Raum. Was hier nicht konkret angesprochen wird, ist die reale Situation, die diese Ängste schürt: Immer mehr Investoren drängen in die Herzbergstraße, kaufen alte Gebäude, Areale. Ihre Nutzungspläne sind undurchsichtig. Der Bezirk also gegen eine verfehlte Stadtpolitik? Haubrok, der bedauert, „blauäugig“ gewesen zu sein, kriegt jetzt zu spüren, was fatalerweise versäumt wurde. Neue Rahmenbedingungen müssen her, Gewerbe wie Kultur in die Planung einbezogen werden. Künstler gehören auch zum produzierenden Gewerbe: zur Kreativwirtschaft.