Stilvoll und hochpreisig: Die handgefertigten Fahrräder von Alex Singer können über 8000 Euro kosten
Foto: BLZ/Alex Singer

Levallois-PerretDer durchtrainierte junge Mann auf dem Foto in weißer Sport-Montur und auf einem schmal geschnittenen Rad, das war natürlich er selbst vor etwa 25 Jahren, sagt Olivier Csuka. „Sieht man das nicht?“, fragt er mit einem Schmunzeln, gespielt gekränkt. Optisch hat er sich seither ein wenig verändert. Die Passion für Fahrräder hingegen, sie ist geblieben. Schließlich sei er „auf einem Sattel groß geworden“, sagt der 56-Jährige.

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Das Bild hängt an der Wand in der kleinen Küche über Csukas Geschäft „Alex Singer“ im Pariser Vorort Levallois-Perret. Es ist Laden und Werkstatt für handgefertigte Räder in einem. Sie gehören für manche Liebhaber zu den stilvollsten der Welt – ob sie nun in klassischem Königsblau, schillerndem Silber oder schlichtem Schwarz gehalten sind. Im hinteren Bereich baumeln Rahmen oder zu reparierende Räder von der Decke. Verschiedenste Schrauben und Einzelteile liegen in Kisten; die Wände sind geschwärzt vom Rauch des Schweißbrenners. Hier werkelt der 29-jährige Hugo Bizouarne, Csukas Mitarbeiter, der nach einem Architektur-Studium lieber in die Rad-Herstellung gehen wollte. „Ich dachte mir, dass Alex Singer der beste Ort dafür sein würde. Ich habe mich nicht getäuscht.“

Know-How des Automechanikers

Im Verkaufsraum reihen sich die schmalen Rad-Exemplare aneinander, während in der Vitrine einige der Pokale stehen, die Csuka einst als Hobby-Rennfahrer gewonnen hat. Der abgenutzte Mosaikboden, eine altmodische Kasse und Schwarz-Weiß-Fotografien an den Wänden vermitteln dem Besucher das Gefühl, zurück in die Vergangenheit zu reisen – bis ins Jahr 1938, als der ungarische Einwanderer Alex Singer hier seine Idee für eine Fahrrad-Manufaktur entwickelte. Er setzte sie mit der Hilfe der Brüder und Cousins seiner elsässischen Frau um, die als Mechaniker bei Renault das technische Know-How mitbrachten. Selbst blieb er mehr Unternehmer als Handwerker, war in einem Radclub aktiv und organisierte regelmäßig eine „Rallye Alex Singer“, während sich seine Frau Maria um den Verkauf und die Verwaltung kümmerte.

Ein Familiengeschäft ist „Alex Singer“ geblieben. Im November 1944, Singer verkaufte damals 80 bis 110 Räder pro Jahr, stellte er zwei seiner Neffen an, Roland und Ernest Csuka – Olivier Csukas Vater, selbst ein begeisterter Radfahrer. Mit seiner Frau Léone übernahm er ab 1964 das Geschäft, da Alex Singer sich aus gesundheitlichen Gründen zurückziehen musste.

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Foto: BLZ/Alex Singer

Maßanfertigung von Rädern

Ernest Csuka war Mechaniker, Designer und Unternehmer in einem und blieb aktiv, bis er 2009 den Laden an einen seiner beiden Söhne, Olivier, abgab. „In 82 Jahren gab es bei Alex Singer nur drei Geschäftsführer“, sagt dieser, und diesmal schwingt Stolz in seiner Stimme mit. Arbeitete er früher noch hauptberuflich für eine Versicherung, so widmet er sich heute ganz dem Geschäft, das für ihn mehr ist als nur ein simpler Arbeitsplatz: Hier spielte sich der Großteil seines Lebens, seiner Geschichte und jener seiner Familie ab.

In all den Jahren habe sich viel verändert, so Olivier Csuka. Industrielle Anfertigung von Rädern und ihrem Zubehör gibt es in Frankreich kaum mehr und mangels fehlenden qualitativen Materials stellt „Alex Singer“ längst keine Tandems mehr her. Der Betrieb bleibt spezialisiert auf die Maßanfertigung von Rädern, ob für Wettkämpfe, Ausflüge oder längere Touren. Der handgemachte Gepäckträger ist optisch auf den Rahmen abgestimmt, auch andere Details wie die Halterung für die Pumpe und die Befestigung der Rücklichter sind Handarbeit und passen ins Gesamtbild. Nur ein paar Dutzend werden pro Jahr hergestellt.

Anfragen aus aller Welt

In Frankreich, dem Land der Tour de France, habe sich erst mit der Zeit eine Rad-Kultur herausgebildet, die in nördlichen Ländern wie Deutschland, Holland oder Dänemark seit jeher stärker verbreitet war, sagt Csuka. Nach dem Krieg handelte es sich noch jahrzehntelang um ein schwieriges Geschäft, denn mit dem Aufkommen motorisierter Fahrzeuge galten Räder als altmodisch und Arme-Leute-Transportmittel: „Es hieß, nur jene benutzten es, die sich kein Auto leisten konnten.“

Die zunehmende öffentliche Aufmerksamkeit für die Tour de France und damit das Radfahren als Sport und Hobby, aber auch die Streiks im Jahr 1968 schoben die Entwicklung dann an. Auch exportierte „Alex Singer“ viel in die USA, die über eine wenig ausgeprägte Rad-Industrie verfügten. Heute zeige der Fitness-Trend seine Wirkung, sagt Csuka, und dank Internet kommen viele Kunden mit sehr präzisen Vorstellungen von der Maßanfertigung ihrer Träume: „Ein Fahrrad ist komplex und einfach zugleich. Ich erfinde es nicht neu, aber ich versuche, es zu perfektionieren.“

Traditionstour Paris-Brest-Paris

Bevor er mit dem Bau anfängt, braucht er Antworten auf die wichtigsten Fragen: Wo, wie oft und wie lange möchte der Kunde das Rad benutzen, wie sind sein Körperbau und seine Kondition? Besonders gefragt sind Randonneure, Rennräder mit Gepäckträgern für lange Touren und Rad-Reisen, schnell, leicht und zugleich zuverlässig. Aus der ganzen Welt, aus Australien, Japan und natürlich Europa kommen die Kunden zu ihm, weil sie auf dem Markt nicht finden, was sie suchen, sagt der Fachmann. Einige wollen die 1200 Kilometer lange Traditionstour Paris-Brest-Paris zurücklegen. Und manchmal sind auch Prominente unter ihnen, wie der sportbegeisterte Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, der seine beiden Räder von „Alex Singer“ sogar in einem Buch erwähnte.

Befragt zu den Kosten eines handgefertigten Exemplars gibt Csuka zunächst keine klare Antwort: Er zähle all die Stunden, die er für die Fabrikation und die ästhetische wie auch technische Perfektion aufwende, ohnehin nicht. Abhängig vom Preis der Einzelteile, die der Kunde selbst aussuchen kann, landet man durchschnittlich bei 7800 bis 8200 Euro, sagt er dann. „Aber damit haben Sie Ihr Rad ein ganzes Leben – nein, mehrere Leben lang!“