Berlin - Ein Hype geht um. Überall im Land, ja, überall in der westlichen Welt misten Menschen seit Beginn des neuen Jahres ihre Kleiderschränke und Wohnungen aus, falten ihre T-Shirts auf eine ganz bestimmte Art und bedanken sich brav bei ausgedienten Kleidungsstücken. Streamingdienst Netflix und seine neue Show rund um die japanische Aufräum-Königin Marie Kondo haben sie eiskalt bei ihren Neujahrsvorsätzen erwischt.

In besagter Sendung besucht die berühmte japanische Ordnungs-Beraterin US-amerikanische Familien und unterstützt sie dabei, mithilfe ihrer KonMari genannten Aufräum-Methode mehr Ordnung und Struktur in ihr Leben zu bringen. Dabei geht es vor allem darum, alles auszusortieren, das dem Besitzer nicht explizit Freude bereitet. Die Regel: „Nimm jedes einzelne Kleidungsstück in die Hand und verabschiede dich von ihm, wenn du es entsorgst.“

Damit sollen die Aufräumenden wieder mehr Kontrolle über ihr Leben gewinnen. Was dabei allerdings auch entsteht: sehr viel Müll. Von Säcken voller Kleidung verabschieden sich die Show-Teilnehmer. Zu erklären, was damit passiert und wie diese Berge unnötiger Kleidung vermieden werden könnten, ist allerdings nicht Teil der KonMari-Methode.

Laut dem Dachverband FairWertung, dem bundesweiten Netzwerk für gemeinnützige Organisationen, welche die Altkleider sammeln, werden in deutschen Haushalten jährlich 1,5 Milliarden Textilien aussortiert. Und in der „Pulse of the Fashion Industry“-Studie geht die Boston Consulting Group davon aus, dass die Menschen bis zum Jahr 2030 17,5 Kilogramm Modemüll pro Jahr und Erdenbürger – 148 Millionen Tonnen insgesamt – produzieren werden.

Wie lassen sich diese Massen an Kleidungsmüll vermeiden?

Die Berlinerinnen Jana Braumüller, Nina Lorenzen und Vreni Jäckle sind die Gründerinnen des Fair-Fashion-Magazins „Fashion Changers“. Dort schreiben sie über nachhaltige und faire Mode, laden zum Beispiel zu einer 30-tägigen Fair-Fashion-Challenge ein oder erklären ihren Lesern, wie diese nachhaltig mit ungewollten Geschenken umgehen.

Der Berliner Zeitung haben Jana Braumüller und Nina Lorenzen erklärt, wie ein Kleiderschrank richtig ausgemistet und auf faire und nachhaltige Mode umgestellt wird.

Richtig ausmisten

„Aussortieren ist ein richtiger Schritt in Richtung eines nachhaltigen Kleiderschranks, da die meisten von uns viel zu viel Kleidung besitzen“, sagt Nina Lorenzen.

Was mit der aussortierten Kleidung allerdings nicht passieren sollte, ist sie wegzuwerfen. Vielmehr sollten die Kleidungsstücke eine möglichst lange Lebensdauer erhalten. „Ich habe auch noch Fast-Fashion-Teile, die ich aber schon seit zehn Jahren trage“, erklärt Nina Lorenzen.

Hinter dem Begriff Fast Fashion verbergen sich meist günstige Kleiderkollektionen großer Ketten, die relativ schnell von der nächsten Kollektion abgelöst werden, um Kunden immer wieder in die Kaufhäuser zu locken. Diese Praktik geht oft mit fragwürdigen Produktionsbedingungen einher.

Um also möglichst nachhaltig mit der aussortierten Kleidung umzugehen, empfehlen Lorenzen und Braumüller, sie zu spenden – an zum Beispiel die Stadtmission, Sozialkaufhäuser oder auch kleine Vereine, wie zum Beispiel „Die Arche“. Wichtig hierbei: „Immer anrufen. Man sollte nie irgendwo einfach seine Kleidung abgeben, sondern vorher die Bedarfslage checken“, so Nina Lorenzen.

Eine weitere Möglichkeit die aussortierte Kleidung loszuwerden: Kleidertauschpartys. Es gibt offizielle Partys in Berlin. Sie lassen sich mit Freunden und Freundinnen aber auch ganz einfach selbst organisieren. Und wer eigentlich nichts Neues mit in seinen Schrank nehmen möchte, kann hier auch einfach nur geben.

Und nicht einmal irreparabel kaputte Kleidung muss direkt in den Müll, sondern kann für einen neuen Zweck verwendet werden – zum Beispiel als Putzlappen

Den Konsumdrang hinterfragen

„Ich war ein Mensch, der regelmäßig shoppen war, aber ich habe schon nach wenigen Wochen eines selbst auferlegten Shopping-Verbots gemerkt, dass ich viel glücklicher bin, wenn ich das Gefühl von ‚Ich brauche etwas Neues‘ überwinde“, erklärt Jana Braumüller. Statt also dem scheinbaren Bedürfnis nach neuer Kleidung nachzugeben, sollten wir uns fragen, ob der Kauf neuer Kleider wirklich glücklicher macht oder welches Bedürfnis eigentlich dahinter steckt.

Faire und nachhaltige Mode kaufen

Braucht man wirklich etwas Neues, ist es zunächst einmal wichtig, sich davon so genaue Vorstellungen wie möglich zu machen. Und je nachdem, was gesucht wird und wie groß das Budget ist, gibt es verschiedene Anlaufstellen:

Basic-Kleidungsstücke wie Jeans, Shirts, Socken oder schlichtes Elegantes findet man in den Läden der verschiedenen Fair Fashion Label in Berlin oder Online-Shops wie dem Avocadostore. Eine Liste verschiedener Label, die fair produzierte oder auch fair und ökologisch nachhaltige Mode anbieten, ist hier zu finden.

Für eher festliche Mode oder Trendteile lohnt sich ein Besuch im Second-Hand-Laden: „Ich schaue dann zum Beispiel bei Humana in der Vintage-Abteilung, denn jeder Trend, der heute aufkommt, ist eigentlich schon einmal dagewesen“, so Jana Braumüller. Gerade in Berlin ist das Angebot so groß, dass das ein passendes Kleidungsstück auch für wenig Geld zu finden ist.

Auch große Kaufhäuser bieten mittlerweile faire und nachhaltige Mode an. Dort können sich Kunden an offiziellen Siegeln wie dem "Made in Green"-Siegel von Oeko-Tex oder auch dem GOTS-Siegel orientieren. Herstellereigene Kennzeichnung als faire Mode sollten allerdings mit Vorsicht gesehen werden, da sie zum Teil nicht offiziell geprüft sind.

Sich einen Fashion-Buddy schnappen

Alte Gewohnheiten ablegen und neue entwickeln bedarf ein bisschen Zeit und Motivation. Dafür empfehlen Braumüller und Lorenzen, sich einen Buddy zu suchen. Ob Eltern, Freunde oder andere Verwandte, den Kleiderschankwandel gemeinsam angehen und sich gegenseitig motivieren, macht die Angelegenheit einfacher.

Ja, Fair Fashion ist etwas teurer, aber…

Wer verinnerlicht hat, dass er kauft, wenn er braucht und nicht immer wieder kleine Beträge hier und da lässt, der kann sich am Ende auch das etwas teurere Teil des Fair-Fashion-Labels leisten.

„Wir haben verlernt, was ein Kleidungsstück überhaupt wert ist“, erklärt Jana Braumüller. Um ein Gefühl für den realen Wert bei fairen Produktionsbedingungen zu gewinnen, empfiehlt sie den Dokumentarfilm „The True Cost“.

Transparenz ist ohnehin ein wichtiges Thema in der Fair-Fashion-Branche. Viele der Label geben deshalb auf ihren Websites Beschreibungen ab, wie sich die Kosten für ihre Kleidungsstücke ergeben oder reagieren auf entsprechende Nachfragen.

Geduld beweisen

Wer einen fairen und nachhaltigen Kleiderschrank will, muss etwas mehr Geduld bei der Suche nach dem richtigen Kleidungsstück beweisen. Denn im vergleichsweise kleinen Fair-Fashion-Markt wird viel weniger und in nicht so hoher Frequenz neu produziert wie im Fast-Fashion-Bereich.

Und auch ein Second-Hand-Kauf bedarf etwas Suche. Wer aber weniger konsumiert, werde auch mehr Klarheit darüber entwickeln, was genau er will, so Lorenzen und Braumüller: „Man nimmt sich als Konsument ein gewisses Maß an Bestimmungsrecht zurück und lässt sich nicht mehr von der Werbung manipulieren und einlullen.“