Es ist vielleicht eines der größten Projekte der Menschheit: Ein Portal, das das gesammelte Wissen unserer Zeit aggregiert und allen zur Verfügung stellt – Wikipedia. Schüler und Lehrer informieren sich dort ebenso wie Professoren; Studenten recherchieren Referate; Journalisten schreiben davon ab. Wer in den Urlaub fährt, konsultiert Wikipedia anstatt des Reiseführers, wer etwas über Quantenmechanik oder die US-Wahl wissen möchte, erfährt es ebenfalls dort. Wikipedia belegt Platz sechs der meistbesuchten Seiten der Welt.

Doch das Online-Lexikon ist alles andere als perfekt. PR-Agenturen schreiben im Auftrag von Politikern oder Unternehmen geschönte Artikel, zwischen einzelnen Autoren tobt ein erbitterter „edit war“ um die Deutungshoheit über Fakten. Zudem steht die Enzyklopädie im Verruf, eine sexistische Männerveranstaltung zu sein. Trotz dieser Fliehkräfte, die die offene Struktur der Wikipedia mit sich bringt, liefert die Online-Enzyklopädie mit über 18.000 aktiven Editoren eine Version der Wirklichkeit, die der Wahrheit erstaunlich nahe kommt.

In die Mitte gedriftet

Eine neue Studie der im amerikanischen Boston beheimateten Harvard Business School („Do Experts or Collective Intelligence Write with More Bias? Evidence from Encyclopædia Britannica and Wikipedia“) kommt zu dem Ergebnis, dass die Wikipedia in ihrer 15-jährigen Geschichte noch nie so ausgewogen war wie heute. Die Analyse von Shane Greenstein und Feng Zhu zeigt, dass Artikel anfangs eine linke Schlagseite hatten, im Lauf der Zeit aber in die Mitte drifteten.

Für ihre Untersuchung verglichen die Wissenschaftler Einträge der amerikanischen Wikipedia mit Artikeln der „Encyclopaedia Britannica“, dem größten englischsprachigen Lexikon, anhand bestimmter Codewörter und Sprachmuster. Das Ergebnis: Wikipedia-Artikel sind zwar häufiger verzerrt, können es aber durchaus mit dem Standardwerk aufnehmen. Im Gegensatz zum „Encyclopaedia Britannica“ wird Neutralität in der Online-Enzyklopädie eher durch Hinzufügen weiterer Aspekte als durch Kürzungen erreicht, was die Länge mancher Artikel erklärt.

Einen qualitativen Unterschied markiert das aber nicht. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass im Vergleich zu Experten-basiertem Wissen kollektive Intelligenz den Bias von Digitalinhalten nicht verschlimmert, wenn Artikel substanziell editiert werden“, konstatieren die Autoren. Noch überraschender ist der Befund, dass Wikipedia einen mäßigenden Einfluss auf die Autoren ausübt. Wo soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter den Hass tendenziell befeuern (hate speech), scheint Wikipedia eher zu deradikalisieren.

Wie ausgewogen der Revisionsprozess ist, belegt die Versionsgeschichte der Artikel von Donald Trump und Hillary Clinton. Im Wahlkampf wurden ihre Seiten über 12.000 Mal von über 4000 Nutzern modifiziert. Das Online-Lexikon ist ein offenes Buch, an dem jeder mitschreiben kann – mit kleinen Einschränkungen. Die beiden Seiten sind halbgeschützt, das heißt, jeder Editor muss bestätigt oder autobestätigt werden, was wiederum heißt, dass sie einen registrierten Account für mindestens vier Tage mit mindestens zehn Edits benötigen.

Diese Hürde ist zugegeben recht niedrigschwellig. Ein Nutzer änderte Clintons Namen in „Hillary Clinton raucht Cannabis“, ein anderer schrieb, Trump sei der Sohn eines Orang-Utans, ein Dritter löschte Trumps Seite gleich ganz. Laut einer Studie von US-Forschern sind die meisten Edits jedoch konstruktiv. Vandalismus trete in nur sieben Prozent der Fälle auf. Vandalismus-Bots, eine Art automatisierte Polizei, die unermüdlich in den Tiefen des Online-Lexikons patrouilliert und jede Änderung registriert, melden Verstöße an Editoren, die umgehend die vorherige Version wiederherstellen.

Die Crowd macht Manipulationen schwer. Die meisten ehrenamtlichen Editoren, die mehr aus Idealismus denn aus kommerziellen Motiven an dem Projekt partizipieren, achten streng auf Objektivität. Das beginnt beim Porträtfoto. Mal ist der Ausdruck von Trump zu stark, mal stört das Mikro oder sieht Clintons Foto wie ein Werbeplakat aus. Die Wikipedianer wägen bei der Auswahl der Bilder ab; es ist ein äußerst transparenter Prozess, der durch Kommentare dokumentiert wird.

„Jeder Editor hat eine Watchlist“, sagt Stephen Philbrick von der Wikimedia-Stiftung, der gemeinnützigen Trägerin. „Es gibt über 1000 Editoren, die die Artikel über Trump und Clinton zu ihrer Watchlist hinzugefügt haben. Ich sage nicht, dass wir die perfekte Lösung haben, um sicherzustellen, dass es keine Verzerrung gibt oder dass wir ein Editieren von Leuten mit einem Interessenkonflikt verhindern, aber ich kann versichern, dass beide Artikel eine große Aufmerksamkeit von vielen erfahrenen Editoren genießen.“

Jeder kann Fakten checken

Lane Rasperry von der Wikimedia-Sektion New York ergänzt auf Anfrage: „Wenn man sich um Manipulation und Propaganda sorgt, sollte Wikipedia nicht an der Spitze der Bedenken stehen. Das Online-Lexikon ist das einzige gemeinnützige Medium, das jedem einen Faktencheck erlaubt.“ Ein Problem, das der Wikipedia jedoch innewohne, sei, dass es ein Spiegel der renommiertesten Publikationen ist. Weil Wikipedia daraus zitiere und seine Informationen beziehe, könne die Qualität der Online-Enzyklopädie nur so gut sein wie die Publikationen selbst.

In einer Zeit aber, wo Menschen Lügenpresse rufen und in sozialen Netzwerken Falschnachrichten verbreitet werden, könnte Wikipedia zu einem Glaubwürdigkeitsanker der Informationswelt werden. Die Enzyklopädie tritt den Beweis an, dass Deliberation auch im Netz funktionieren kann.