Die ersten großen Fake News des Jahrtausends produzierte das Pentagon. Die Bush-Regierung lieferte vor dem UN-Sicherheitsrat fingierte Beweise für den irakischen Besitz von Massenvernichtungswaffen und führte damit die Weltöffentlichkeit hinters Licht. Das waren gewissermaßen Fake News avant la lettre, die damals noch nicht so hießen, aber genau denselben Charakter hatten: falsche Tatsachenbehauptungen, die darauf abzielen, die Öffentlichkeit zu täuschen. Seitdem Bushs Nachnachfolger Donald Trump mit einer auf Lügen und Halbwahrheiten gestützten Kampagne zum US-Präsidenten gewählt wurde, gibt es eine Debatte über Fake-News im Netz.

In Deutschland riefen Unionspolitiker dazu auf, Fake-News strafrechtlich zu sanktionieren, die Bundesregierung plant, ein Abwehrzentrum gegen Falschmeldungen einzurichten, aus Angst, Desinformationskampagnen im Internet könnten den Bundestagswahlkampf beeinflussen. Und in Tschechien hat am 1. Januar eine 20-köpfige Behörde, die gegen Fake-News vorgehen soll, die Arbeit aufgenommen. Doch haben wir es hier wirklich mit einem nachrichtlichen Problem zu tun? Oder sind Fake-News nicht die Folge eines viel tiefer liegenden strukturellen Problems des Informationskapitalismus?

Der Falschmünzer profitiert

Der Internetkritiker Evgeny Morozov hat kürzlich in einem Beitrag für den Guardian geschrieben, dass die Diskussion um Fake-News den eigentlichen Gegner aus dem Blick verliere: die Tech-Giganten. Facebook, Google und Co. würden durch ihr anzeigenbasiertes Geschäftsmodell falsche Anreize setzen, mit denen Klickfarmen in Mazedonien das Netz mit Fake-News fluten und dabei kräftig Kasse machen. Der Falschmünzer profitiert, der Gewährsmann verliert – so lautet brutal zugespitzt die Rechnung im Netz. Das Problem, so Morozov, seien nicht die Fake-News, sondern ein digitaler Kapitalismus, der es profitabel mache, Falschnachrichten zu produzieren. Der Fake-News-Narrativ sei selbst falsch; es sei eine oberflächliche Betrachtung eines tiefgreifenden Problems.

Der Münchener Wettbewerbsrechtler Josef Drexl vom Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb führt in einem Paper („Economic Efficiency versus Democracy: On the Potential Role of Competition Policy in Regulating Digital Markets in Times of Post-Truth Politics“) den Siegeszug von Link-Schleudern auf die laxen Regulierungsvorstellungen der liberalen Chicago School zurück. Für Bürger seien diese „Wonderlands des Populismus“, wie Drexl Plattformen wie Facebook nennt, eine zumeist kostenlose und ohnehin naheliegende Option – die im Unterschied zur mühsamen Informationsbeschaffung oder zur Teilnahme an demokratischen Debatten einen unbeschwerten Konsum verspricht.

Falsches Geschäftsmodell

Fake-News sind eine Art Fast-Food für das Informationsprekariat. Es geht schnell, und man hat ein paar Informationshäppchen verdaut, deren Zutaten zwar zu einem kruden Brei verrührt wurden, aber fürs erste satt machen. Allein, handeln Nutzer wirklich rational, wenn sie Falschmeldungen und Verschwörungstheorien verifizierbaren Fakten vorziehen? Wenn Fake-News eine ökonomische Wurzel haben, müsste man sie freilich auch ökonomisch bekämpfen. Nur wie?

Die Internetkonzerne werden von ihrem anzeigengetriebenen Business, mit dem sie Milliarden Dollar verdienen und worauf ihr gigantische Marktkapitalisierung gründet, wohl kaum abkehren. Falschnachrichten sind – wie Junkfood – ein lukratives Geschäft. Deshalb war Facebook auch anfangs so zögerlich mit der Implementation eines Anti-Fake-News-Tools. Morozov schlug ironisch einen Emissionshandel mit Post-Wahrheiten vor, bei dem der Staat Zertifikate ausgibt, die die Fake News emittierenden Nachrichtenorganisationen untereinander handeln können. Sind Fake-News der Ausstoß einer immer datengetriebenen Wirtschaft? Lässt sich der Ausstoß von Abgasen in der Digitalfabrik namens Internet der Dinge überhaupt vermeiden? Braucht wir vielleicht eine Ökologie der Aufmerksamkeit?

Twitter und Facebook hinterfragen sich zu selten

Die Medien, deren vornehmstes Geschäft die Wahrheit ist, haben sich mit aller Macht gegen den postfaktischen Tsunami gestemmt. Haben Statistiken geprüft, Faktenchecks erstellt, um Trumps Behauptungen zu widerlegen. Allein, es half nichts. Trumps Botschaft, Amerika wieder groß zu machen, klang bei der Wählerschaft zunehmend „richtiger“. Der Markt für Fakten ist in einer Zeit, in der jeder mit seiner eigenen Wahrheit „handelt“, kaputt.

Kürzlich warf der französische Journalist Frédéric Lordon in einem Blog der Zeitschrift Le Monde Diplomatique den Medien vor, Trumps Agenda kein wirkmächtiges Narrativ entgegensetzt zu haben („Politique post-vérité ou journalisme post-politique?“). Die „Raserei des Faktcheckings“ habe zu einem postpolitischen Journalismus geführt, in dem es außer Fakten nichts mehr zu diskutieren gebe. Die politische Auseinandersetzung werde nicht mehr auf einer inhaltlichen, sondern auf einer rein methodischen Ebene geführt. Die Philosophie des Faktenchecks, so Lordon, suggeriere, dass die Welt nur eine Anhäufung von Fakten ist. Aber wo bleiben die Ideen? Hätte der Journalismus nicht mutiger gegen Trump vorgehen sollen? Vielleicht mit mehr beißender Ironie als kühler Falsifizierung und Anklage? Die Medien haben sich nach der Wahl Trumps kritisch hinterfragt, jedenfalls mehr als dies Plattformen wie Facebook oder Twitter taten, das zum Zentralorgan des Präsidenten geworden ist.

„Ihr seid Fake-News!“

Die Tendenz geht dahin, dass Tech-Konzerne die Deutungshoheit über Fakten und Meinung bekommen und Nachrichten mit einer Art Gütesiegel zertifizieren. Nach dem Motto: Das darf man lesen, das nicht. Wahrheit ist dann keine erkenntnistheoretische Frage mehr, sondern lediglich die Frage einer mathematischen Rechenoperation – durchgeführt von privatwirtschaftlichen Unternehmen und nicht etwa von demokratisch legitimierten Institutionen! Das ist nicht nur postfaktisch, sondern auch postpolitisch. Die allmächtigen und -gegenwärtigen Tech-Konzerne reduzieren die Politik auf eine normenbefreite und Algorhitmus-getriebene Wissenschaft.

Ironischerweise produzieren automatisierte Systeme durch die erratische Blockierung von Satireseiten selbst Falschnachrichten, weil die Prüfung ein Ergebnis suggeriert, das unwahr ist. Fake-News, die das böse Wort „Lüge“ vermeiden, aber dasselbe bedeuten, sind eine soziale Konstruktion, mit der politische Absichten bemäntelt werden. Wer Nachrichten mit dem Attribut „Fake“ versieht, spricht ihnen schon a priori die Gültigkeit ab und immunisiert sich gegen jeden Diskurs.

Auf der peinlichen Pressekonferenz raunzte Donald Trump den CNN-Reporter Jim Acosta vor laufender Kamera an: „Dir gebe ich keine Frage, Ihr seid Fake-News!“ Sagte der Mann, der mit Falschnachrichten Schlagzeilen macht. Fake-News wird zum Totschlagargument. Der Ökonom Will Davies konstatieret nüchtern in der Financial Times, dass wir mitten im Übergang von einer Gesellschaft der Fakten zu einer Gesellschaft der Daten stecken. In dieser tumultuösen Transitionsphase herrsche Verwirrung über den exakten Status von Wissen und Zahlen im öffentlichen Leben, was das Gefühl verstärke, dass die Wahrheit selbst vernachlässigt werde.

Bush, den Trump auf einer unfreiwilligen Metaebene als Lügner diffamierte, schadete sein wahrheitswidriges Handeln. Seinem Amtsnachfolger hat es dagegen zum Wahlsieg verholfen.