Berlin - Die Wahrheit kommt oft überraschend. In diesem Fall konnte man sie allerdings fast erahnen: Die Reality-Show „Newtopia“, die seit Februar wochentags um 19 Uhr auf Sat. 1 läuft, ist offenbar gescripted. Echte Menschen, echtes Geschehen? Das Versprechen klang aber auch zu schön.

Immer wieder hatten die Macher im Vorfeld beteuert, kaum Einfluss auf den Verlauf zu haben. 15 „Pioniere“ sollten in der auf ein Jahr angelegten Show nach niederländischem Vorbild eine – ihre – ideale Gesellschaft schaffen. Ohne vorgegebenen Anführer, ohne vorgegebene Regeln. „Diese Pioniere haben alle Ideen, Ideale und Träume. »Newtopia« ist die purste Form von Reality, die es bisher gegeben hat“, sagte Show-Erfinder John de Mol vor Sendebeginn dieser Zeitung. Jetzt wird deutlich: Die Bewohner mögen ihre eigenen Ideale haben – die Ideen hingegen hat offenbar die Produktionsfirma Talpa Germany.

In der Nacht zu Montag wurde den Machern ihr eigenes Konzept zum Verhängnis. 105 Kameras und 57 Mikrofone begleiten das Geschehen in „Newtopia“. Die Zuschauer sollen keinen Streit und keinen Flirt verpassen. Gegen 2 Uhr konnten sie im Live-Stream mitverfolgen, wie die Verantwortlichen – unwissentlich – ihr eigenes Format entlarvten.

Was war passiert? Talpa-Mitarbeiterin und Executive Producerin Jacqueline Boßdorf schlug, eigenen Angaben zufolge betrunken, im Lager auf, um etwas dringendes zu besprechen. Auf dem Gelände herrschte zu diesem Zeitpunkt dicke Luft. Die Produktionsfirma hatte wohl zuvor vier Kandidaten hinter verschlossenen Türen aufgetragen, für mehr Spannung zu sorgen. Sie sollten sich dafür einsetzen, die hofeigenen Kühe zu verkaufen und ein Restaurant zu eröffnen – letzteres hatte sich John de Mol anscheinend ausdrücklich gewünscht. Die anderen Kandidaten hatten heimlich gelauscht und fühlten sich übergangen. Dafür wollte sich Boßdorf, im Gepäck ein Kasten Bier, nun entschuldigen. Gemeinsam mit einem weiteren Produktionsmitarbeiter beklagte sie sich über den harten Job und den Druck seitens der Zuschauer. Pech, dass die in dem Moment live mithörten. Denn offenbar hatte die Produktion übersehen, dass die 360-Grad-Kamera in der Scheune das geheime Gespräch ungewollt weiter übertrug.

Nutzer fordern Ende der Sendung

In den sozialen Netzwerken hagelte es hämische Kommentare. Viele Nutzer forderten die Absetzung der Show. Auf Facebook distanzierte sich Sat. 1 am Montagvormittag vom nächtlichen Ereignis. „Diese Aktion war nicht mit dem Sender abgesprochen.“ Kein Wort zum eigentlichen Skandal. Erst am Nachmittag kommentierte Sat. 1 unter dem ursprünglichen Eintrag: „Newtopia ist definitv kein Betrug.“ Auch Talpa Germany beteuerte, das Geschehen sei echt. „In jeder Reality-Show werden die Teilnehmer von den Producern der Show beraten und betreut. Dies geschieht in Newtopia sehr zurückhaltend“, so Talpa weiter. Auf der Facebook-Seite der Show erklärten die Macher: „Eine Absetzung der Sendung wird es nicht geben.“

Wie es tatsächlich weitergeht und ob sich das Format noch wie geplant in weitere Länder verkaufen lässt, bleibt abzuwarten. Wie viel Einfluss die Produktionsfirma tatsächlich auf das Geschehen in „Newtopia“ nimmt, ist derzeit ebenfalls unklar. Eines ist indes sicher: Unter dem Aspekt der Authentizität darf das Sat. 1 zufolge „größte TV-Experiment aller Zeiten“ als gescheitert erklärt werden.