Schokolade kann alles, darf alles und macht einfach nur glücklich.
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Berlin/ZürichWenn’s um seine geliebte Schoggi geht, dann lässt der Schweizer sich nicht lumpen: Mehr als 100 Millionen Franken flossen in das ambitionierte Projekt „Lindt Home of Chocolate“ am historischen Hauptsitz des Herstellers Lindt & Sprüngli in Kilchberg bei Zürich. Am Sonntag (13. September) eröffnet die Schokoladen-Erlebniswelt für die Öffentlichkeit – ein Ausflugsziel mit Ausstellungen, einer Schauproduktion, dem Degustationsraum „Chocolate Heaven“ und einem über neun Meter hohen Schokobrunnen in der Eingangshalle. 

Nun ist dies nicht der erste und sicher auch nicht der letzte Versuch, das beliebte Genussmittel in eine museal notable und sich darüber hinaus süßwarenverkaufstechnisch lohnende Form zu pressen. Man denke an die „Bunte Schokowelt“ von Ritter Sport am Berliner Gendarmenmarkt, an das „Chocoversum by Hachez“ in Hamburg oder das kulturgeschichtliche Spezialmuseum für Schokolade in Köln. Brüssel, Brügge und Paris haben eine „Choco-Story“ als Anlaufstelle für Süßmäuler, als „das größte belgische Schokoladenerlebnis der Welt“ rühmt sich das Antwerpener Haus „Chocolate Nation“

Und auch die Schweizer verstehen sich auf Superlative: Von einem „einzigartigen Schokoladenkompetenzzentrum“ ist da die Rede, und von der „größten Chocolate Boutique der Welt“. Wir sind sicher: Bestimmt kann man auf der neuen Zuckerschock-Tour am Zürichsee noch einiges lernen – aber unsere sechs Kakao-Insider haben die berühmten Maîtres Chocolatiers garantiert nicht auf der Pfanne.

Der Neubau in Kilchberg wurde nach den Plänen der Basler Architekten Christ & Gantenbein in knapp drei Jahren fertiggestellt.
Foto: Lindt & Sprüngli

Retterin der Welt: Eine überragende Rolle hat die Schokolade in der US-Action-Serie „MacGyver“ inne. Gleich in der ersten, 1985 ausgestrahlten Folge wird der Titelheld, der von Richard Dean Anderson gespielte, jungenhafte und superpfiffige Geheimagent Angus MacGyver, zu einem unterirdischen Labor in New Mexico gerufen. Es gab hier Explosionen, aus einem Tank läuft Schwefelsäure aus, es droht eine brandgefährliche Kettenreaktion. MacGyver verschließt das Leck mit diversen Tafeln Schokolade, die er vorher aus einem Automaten gezogen hat: Die Schwefelsäure reagiert mit der in der Süßigkeit enthaltenden Glykose zu einer zähen Pampe aus Kohlenstoff und Wasser. MacGyver kann dann noch zwei in dem Labor gefangene Wissenschaftler befreien, deren Forschung von Kriminellen zur unwiederbringlichen Zerstörung der Ozonschicht missbraucht werden sollte. Ergo: Schokolade ist eine Weltretterin.

Süße und Gewalt: Die Geschichte der Schokolade beginnt flüssig und bitter. Sie reicht 3500 Jahre zurück, in Zentralamerika wurde Kakao schon von den Olmeken genutzt. Auch indianische Hochkulturen wie die Maya fanden Geschmack an der aromatischen Frucht. Der wässrig-schaumige Mix aus Kakao, Vanille oder Chilischoten ergab einen herben Trank, die Azteken nannten ihn Xocolatl – Bitterwasser. Nach Europa kam diese Würzbrühe durch die spanischen Konquistadoren. Honig und Milch machten sie hier genießbar. Ohne Zweifel der Beginn einer Erfolgsgeschichte, aber auch des fortgesetzten Missbrauchs. Giftmörder etwa täuschen ihre Opfer mit Schokolade. Oder: Mit einer als Schokoladentafel getarnten Bombe wollten die Nazis den britischen Premier Winston Churchill ermorden. Dann gibt es den bösen Schoko-Onkel … Die Kriminal- und Gewaltgeschichte der Schokolade muss erst noch geschrieben werden.

Echte Währung: Dass Schokolade bei den Azteken einen hohen Stellenwert hatte, ist bekannt. Kakao diente aber nicht nur als Genuss-, sondern auch als Zahlungsmittel. Wie viel genau eine Bohne im Aztekenreich wert war, lässt sich heute zwar nicht mehr genau beziffern, aber da man auch unter spanischer Herrschaft noch der Kakaobohnen-Währung frönte, können wir einen Blick auf eine Preisliste aus dem Jahr 1545 werfen: Eine gute Truthenne war demnach 100 dicke oder 120 geschrumpfte Kakaobohnen wert, wohingegen man ein Truthennenei schon für drei Kakaobohnen bekam. Mindestens ebenso wichtig war die Funktion der wertvollen Bohnen als Opfergabe für Könige und Götter. Wie bei jeder Währung gab es aber auch im Schokosegment fiese Fälschungen: Obacht vor aufgequollenen, hohlen oder künstlich eingefärbten Exemplaren!

Polemischer Stoff: Schokolade war stets umstritten, zuerst war sie den Menschen zu bitter, dann zu teuer und schließlich auch noch ein ungesunder Dickmacher. Anderen gilt sie wiederum als nahrhafte Arznei, als Lebenselixier, das deswegen zuerst in Apotheken verkauft wurde. Auch in religiöser Hinsicht gab sie, deren heilige Herkunft bei den Azteken sich im wissenschaftlichen Namen der Kakaopflanze – Theobroma cacao – niedergeschlagen hat, Anlass zu Streit. So wurde im Spanien des 16. Jahrhundert um die Gottgefälligkeit der Trinkschokolade gerungen: War sie in der Fastenzeit nun ein (erlaubtes) Getränk oder ein (verbotenes) flüssiges Nahrungsmittel? Päpstlicherseits wurde die Frage nie durch eine Lehrentscheidung geklärt. Ab der Neuzeit im 17. Jahrhundert überließ man Abstinenzfragen zunehmend Medizinern und Wissenschaftlern. Weniger kontrovers sind sie dadurch nicht geworden.

Pures Gift: Bei Hundebesitzern ist die Theobrominvergiftung gefürchtet, der die Tiere zum Opfer fallen können, wenn sie Schokolade fressen. Im Internet gibt es sogar Schokoladenvergiftungsrechner, bei denen Hundehalter die Größe ihres Tieres sowie Sorte und Menge der aufgenommenen Schokolade eingeben und dann berechnen lassen können, ob für ihren Vierbeiner die Stufe „Wenig Gefahr“, „Vergiftungssymptome“ oder „Lebensgefahr!“ zutrifft. Der menschliche Körper verarbeitet Theobromin sehr einfach, was nun aber im Umkehrschluss nicht heißen soll, dass man endlos futtern darf. Der Wissenschaftsjournalist Brian Clegg schreibt: Um eine gefährliche Dosis zu erwischen, müsste ein Erwachsener etwa fünf Kilo Milchschokolade vertilgen. Börps!

Von wegen Kunstblut: Kurz vor Weihnachten 1959 begann Alfred Hitchcock mit der Arbeit an der berühmtesten Szene seines Schockers „Psycho“, der Ermordung der Sekretärin Marion Crane unter der Dusche in Bates’ Motel. Was am Ende nur zwei Minuten im Film ausmachte, nahm eine ganze Woche Arbeit in Anspruch – und ein Drittel der gesamten Drehzeit von Hauptdarstellerin Janet Leigh. Die Duschszene gilt als eine der furchterregendsten und brutalsten der Filmgeschichte, obwohl sie nur sehr wenig Blut enthält und keine Messerstiche zu sehen sind. Die Gewalttat wird also nur angedeutet – und was heißt hier eigentlich Blut?! Statt des im Farbfilm üblichen Kunstbluts verwendete der  Regisseur Schokoladensirup der Marke Bosco, da dieser auf Schwarz-Weiß-Film am realistischsten wirkte. Das Geräusch der Messerstiche wurde mithilfe einer Wassermelone erzeugt. Lecker!