Jonas Dassler hält einen furiosen Halbstundenmonolog und ist wie alle fünf Schauspieler ein toller Musiker. 
Foto: Imago / Markus Müller

BerlinNehmen wir mal an, es stimmt, die Väter sind an allem schuld, weil sie nie konnten, wie sie eigentlich wollten und heute tot oder zu alt sind, um noch etwas zu ändern − dann ist diese neue Falk-Richter-Uraufführung, die emphatisch die Leben von sechs Vätern nacherzählt, die alle am bösen Blick des bundesdeutschen Konsenszwangs abprallten, wirklich gelungen: als ein einfühlsamer Nachruf auf all die Väter, die zurückgesteckt haben und für die am Ende Dutzende Kerzen auf der Bühne brennen. 

Nehmen wir aber mal an, die Väter hätten doch immer auch anders gekonnt, weil die Zwänge gar nicht so eindeutig waren, auch vielschichtiger verschiebbar − dann ist dieser neue Gorki-Theaterabend, mit dem Richter die „Krise der Männlichkeit“ untersuchen wollte, eine ziemlich laue, nur individualfamiliäre Söhne-Bekenntnis-Session. Ein privates Väter-Barometer an der geschützten Wohnungstür sozusagen, das beständig Stürme ankündigt, die nie kommen − parameteorologisch gesprochen. Mehr als paraperformativ ist jedenfalls nicht, was Richter aus seinen fünf eigentlich großartig divergierenden Schauspielern für diesen „autofiktionalen Selbstversuch“ namens „In My Room“ fordert.

Das Väter-Barometer schlägt aus

Was das heißt: paraperformativ? Etwas, das weder performativ vorgeht, also souverän mit eigenen und fiktiven Identitäten jongliert, noch solche Identitäten schauspielerisch darstellt, sondern ziellos zwischen beiden schlingert. Schlimm ist das in Zeiten unbekümmerten Hybridtheaters allüberall keineswegs. In diesem Fall aber indiziert die formale Unentschlossenheit auch, dass der Autor und seine fünf spielenden Co-Autoren nie wirklich an den Punkt kommen, wo sie wissen, wem oder was genau sie „In My Room“ eigentlich auf der Spur sind: ihren eigenen Vätern mit all den persönlichen Ängsten und Sprachlosigkeiten oder den strukturellen Zwängen, die sie zu den gefühlsarmen Autoritäten werden ließen, die sie wohl sind.

Verzweiflung, Schweiß und Tränen schwingen durch alle sechs Biografien. Besonders, wenn Taner Sahintürk den Leidensweg seines Vaters als türkischer Gastarbeiter der ersten Stunde ins Mikro seufzt. Richter selbst lässt für sich den geschmeidigen Jonas Dassler sprechen, der in einem furiosen Halbstundenmonolog gleich zu Beginn die Kriegstraumata und Nachkriegszwänge des greisen Autoren-Vaters in einen atemlos vielstimmigen Sprechsprint zwingt. 30 Minuten lang ist Richters „Selbstversuch“ da wieder ganz altes Stellvertreterspiel, und Dassler beweist, dass die Berlinale ihn zu recht zum „Shooting Star“ erkoren hat.

Sprachlose Gefühligkeit

Ob Spiel (Dassler) oder Nichtspiel (Benny Claessens), unverkennbar schlägt sich das Väter-Projekt blitzschnell weg von jeder Reflexion auf die Seite des Gefühls. Was deshalb nicht das Schlechteste ist, weil Richters Text gerade dann am schwächsten, weil nur polemisch wird, wenn er ins Gesellschaftliche abzuheben versucht. Vom Hitler-Soldat zur AfD führt dann nur der direkteste Weg.

Verständlich wird die Gefühligkeit des Abends aber auch, weil gerade diese Seite der Väter den Söhnen immer am verborgensten blieb, sich eine Sprache der Zuneigung nie entwickelte und deshalb nun in den Söhnen ausbricht: „Mein Vater war im Krieg“, „Mein Vater hat noch Hunger gekannt“, „John Wayne war sein Held“.

Leben ist anderswo

Und auch wenn das momenthaft rührend ist – wenn Knut Berger zum Beispiel erzählt, wie sein Vater in jungen Jahren schwul war, sich ein schwules Leben aber versagte, das nun er, der Sohn verwirklichen kann − bleiben die Erzählungen alle in einer nur klagenden Rückwärtsgewandtheit gefangen. Nichts folgt aus ihnen, keiner, weder Jonas Dassler, noch Taner Sahintürk, Emre Aksizoglu oder Knut Berger, nicht mal der so wunderbar eigensinnige Performer Benny Claessens stellen sich hin und entwickelten einmal etwas gedanklich Packendes − ein Plädoyer für heute. Stattdessen mündet jeder Vortrag noch in eine Extrabonuspackung Gefühle, die als Rockeinlage serviert wird. Ausgezeichnete Musiker sind sie alle fünf.

Nein, durch die analytische Mangel wird die Väterproblematik, geschweige denn die Männlichkeit nicht gedreht. Das wäre möglicherweise auch anmaßend, aber interessanter. Zumindest die sich drehende Bühne liefert assoziativ Schillerndes, in dem sich langsam die schwarze Sockelstatue eines nackten griechischen Helden zu erkennen gibt, drum herum Kinderfiguren, die wie verkohlte Schaufensterpuppen zwischen halb geordneten, halb chaotischen Stühlehaufen stehen: Leben ist anderswo. Ab nächster Spielzeit wird Richter Hausregisseur an den Münchner Kammerspielen, vielleicht findet er’s dort.

In My Room 18., 23.1.: 19.30 Uhr; 19.1.: 18 Uhr, Gorki-Theater, Karten unter Tel: 20221115 oder: www.gorki.de