Die neue Platte von Bob Dylan ist in mancher Hinsicht eine alte Platte von Bob Dylan. Und das nicht nur, weil die zwölf Songs für „Fallen Angels“ in genau jenen Sessions eingespielt wurden, die vor reichlich einem Jahr bereits zu dem Album „Shadows in the Night“ geführt hatten, mit dem Dylan bei etlichen Begleitern für, sagen wir mal, Irritationen sorgen musste.

Nicht jedem wollte diese Sammlung von Sinatra-Couplets gefallen. Der eine oder andere mag in seiner Enttäuschung gar „Judas“ gemurmelt haben. Der Vorwurf des Verrats besitzt im Dylan’schen Kontext ja eine schöne Tradition. Vor fünfzig Jahren war es der Verrat an Folksong und Protest. Diesmal konnte man ihm den Verrat an der Rockmusik schlechthin anlasten. Schließlich rehabilitiert er mit den neuen, alten Liedern gleich einige jener Unterhaltungsgenres, die zu zerstören, seine Generation einst angetreten war.

Rumba, Slowfox, Countrywaltz, Music Hall und Filmschlager – war das Vorgängeralbum von Verlust und Resignation verschattet, so huldigt Dylan auf „Fallen Angels“ mit der Musik seiner Erinnerung nun jener Lebensphase, die eine Brücke zwischen Alleinsein und Einsamkeit schlägt.

Es geht um das Verliebtsein

Es geht um das Verliebtsein. Im günstigsten Fall fängt ja nach jeder Enttäuschung wieder alles von vorn an. So folgt im Jahreskreis der Gefühle auf den trostlosen Winter naturgemäß der gefühlte Frühling. „Fairy tales can come true/It can happen to you if you’re young at heart“, singt der Mann, der in ein paar Tagen 75 Jahre alt wird, im Eröffnungsstück und denkt dabei vielleicht auch an sich selbst. Märchen werden wahr, wenn du im Herzen jung bleibst. Frank Sinatra hatte mit dieser Nummer 1953 einen Hit.

Wenn Bob Dylan das Lied jetzt vollkommen unironisch vorträgt, klingt da nicht nur seine eigene Vergänglichkeit mit, das wäre zu einfach gedacht, es ist so etwas wie Lebensweisheit. Der Mensch in seinem Sehnen und Hoffen hat sich in den letzten 3000 Jahren ja nicht groß verändert, es sind die Zeiten, die sich ändern, wie Dylan es ja selbst einmal gesungen hat, es sind die Moden. Nur weil die Lieder der großen Songschreiber außer Mode sind, heißt das ja nicht, dass sie ihre tiefere Wahrheit verloren haben. Und so ist das ganze Sinatra-Projekt nicht so sehr ein Sinatra-Projekt, sondern eine Hommage an die Autoren jener Lieder, die Dylan tatsächlich nicht covert, sondern uncovert, wie er es auf seiner Website beschrieben hat. Bei seinen Ausgrabungen geht er achtsam wie ein Archäologe vor, mit Spatel und Pinsel befreit er die Songs von Geigen und Bläsern und Orchestern, er räumt Schicht um Schicht die Geschmäcker der Vergangenheit beiseite, bis das Skelett aus Melodie und Text bloßliegt.

Und aus diesen alten Knochen modelliert er im Zusammenspiel mit seiner hundertfach erprobten Tourband sehr eigene Versionen des tradierten Materials. Dicht am Original – sofern man bei Liedern, die in Interpretationen von John Coltrane bis Céline Dion bekannt sind, überhaupt von Originalen sprechen kann –, aber in einem speziellen Sound, den er in den Capitol Studios von Los Angeles kreieren konnte, in denen bereits Frank Sinatra gearbeitet hat.

Die Musiker spielen bei den Sessions live, die Dynamik entsteht durch die Positionierung der Mikrofone im Raum, sehr gut zu hören, wenn zum Beispiel im Intro zu „Maybe You’ll Be There“ Donnie Herrons Bratsche von ganz rechts auftritt oder in dem schlurfenden „Polka Dots and Moonbeams“ die gezupften und getupften Gitarren nach der Eröffnung des Tanzes in die zweite Reihe treten. Für das Countryflair nicht nur dieser Aufnahme sorgt die überaus präsente Pedal-Steel-Gitarre, die im Arrangement ganze Bläsersätze ersetzt.

Das alles wäre natürlich nichts ohne Dylans Gesang. Man spürt förmlich, mit welchem Spaß sich dieser langjährige Nichtsänger um jede Phrasierung bemüht, wie er die gesungenen Zeilen geradezu inbrünstig umspielt. Da barmt er „But please don’t bring your lips so cloooooose to my cheek“. Schön, dass der Verfasser philosophischer Tongedichte wie „Desolation Row“ über all die Jahre den Blick fürs Wesentliche nicht verloren hat: „That old black magic called love“, wie er es in einem herrlichen Stück abschließend formuliert. Diese der Minne gewidmete Platte des großen Schwarzsehers ist definitiv eine Herzensangelegenheit.