Brauchen wir einen Reisepass, fragte mein vierzehnjähriger Neffe vor unserer Abfahrt in den Urlaub. Wir wollten nach Bayern, drei Erwachsene, vier Kinder zwischen zwei und vierzehn. Ich hielt die Frage für einen Witz. Aber dann fielen mir Horst Seehofer und Marcus Söder ein, die CSU-Politiker, die gern von Obergrenzen, Grenzkontrollen und Abschiebungen reden, da fand ich die Frage gar nicht mehr so abwegig. Außerdem ist Bayern ja nicht einfach nur ein deutsches Bundesland, sondern ein „Freistaat“. Wenn man aus Berlin oder Brandenburg kommt, dann kann einem Bayern also schon ein wenig wunderlich vorkommen.

Zum Beispiel die Sache mit den Kreuzen. „Wer ist der Mann, der da hängt?“, fragte mein achtjähriger Neffe auf einer Wanderung. Er sprach von Jesus am Kruzifix. Mich hatten meine Eltern als Kind zu DDR-Zeiten in die Christenlehre geschickt. Meine beste Freundin war die Pfarrerstochter.

Google ist Gott

Nach der Wende gab es keine Christenlehre mehr. Mein Neffe kann ausführlich über die Unterschiede zwischen Pottwal und Schweinswal referieren, hatte aber offensichtlich vom Neuen Testament nichts gehört. „Kennst du die Geschichte von Jesus?“, fragte ich. Schulterzucken. „Kannste doch googeln“, sagte sein Bruder, der Vierzehnjährige. Er hat vor kurzem Jugendweihe gehabt, wie die meisten aus seiner Klasse. 

Es hatte eine Rede vom Bürgermeister in der Kreisstadt gegeben, eine Familienfeier, Geldgeschenke. Konfirmiert wurden nur zwei Mitschüler seiner Klasse. Ich zuckte zusammen, aber er hatte ja recht. Warum soll man sich auch selbst was merken, was so abstrakt und fern ist? Sünde? Kreuzigung? Auferstehung? Was soll das sein? Ein Zombiefilm? Heute ist Google Gott.

Früher dachte man, das Internet würde alle schlauer machen. Ich bin mir nicht sicher, ob das stimmt. Wird der Blick nicht eher kleiner, provinzieller? Bei Spiegel Online erläuterte kürzlich eine Autorin, dass sie nicht mehr Fliegen werde: Statt ins British Museum in London, eine der bedeutendsten Sammlungen der Welt quer durch die Geschichte, könne man ins örtliche Heimatmuseum gehen. Tja.

Einmal kamen wir in Bayern auf einem besonders schönen Wanderweg an einer Skulptur im Wald vorbei, die den Kreuzweg Jesu’ nacherzählte. Wahrscheinlich ein Bildungsprojekt für gottlose Touristen.

Religionslehre in Bayern

Während die Jungs sich interessiert die Bilder anschauten, hockte sich meine Tochter in die Mitte, setzte einen gewissen konzentrierten Blick auf. „Go away“, rief sie, wenn man sich ihr näherte. Geht weg. Mein Mann und ich wussten, was das bedeutete. Ich sah mich nach anderen Wanderern um, zum Glück kam niemand. Wahrscheinlich sollte ich das nicht schreiben, denn womöglich werden wir beim nächsten Besuch vom bayerischen Fremdenverkehrsamt abgewiesen, das wäre sehr schade, denn Bayern ist ein idyllisches, lehrreiches Land, aber meine Tochter war gerade dabei, ihre Windel zu füllen. Ich hob sie hoch, trug sie auf die andere Seite des Waldweges und packte die Feuchttücher aus, weg von den religiösen Skulpturen.

Die Wanderung ging ohne weitere Zwischenfälle zu Ende, aber der Urlaub wirkt nach. Die größeren Jungs kennen inzwischen sogar Pontius Pilatus. Die Zweijährige und der Vierjährige singen jedes Mal beim Abendbrot „ein Prosit, ein Prosit, ein Prohohohosit“. Immerhin trinken sie noch Wasser.