Es hilft nichts, lange darum herum zu reden. Nationale Rücksichtnahmen sind hier fehl am Platz. Also raus damit: Solche wunderbaren Liebesfilme bekommen nur Franzosen hin. Liegt es daran, dass bei ihnen die Romantik stets mit Philosophie und Lebenskunst vermählt ist? Oder daran, dass in Frankreich die Ungezwungenheit gleichsam eine moralische Kategorie ist? Oder vielleicht daran, dass sich im Hexagon die Grenzen zwischen Drama und Komödie so klug und leicht überwinden lassen?

Gleichviel, „Die schönen Tage“ trifft den Zuschauer wie ein Coup de foudre. So nennt man in Frankreich die Verliebtheit, weil sie die Betroffenen wie ein Blitzschlag ereilt. Und dieser Film weiß, dass der nicht aus heiterem Himmel kommt, sondern vielmehr günstigen Konstellationen geschuldet ist. Die Umstände müssen sich zärtlich verschwören. Caroline (Fanny Ardant) und Julien (Laurent Lafitte) lernen sich genau zum richtigen Augenblick kennen. In einem anderen Lebensalter hätten sie einander wahrscheinlich gar nicht beachtet.

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Caroline ist verheiratet, Zahnärztin; sie hat jedoch mit Anfang 60 ihren Ruhestand angetreten und verfügt über viel freie Zeit. Julien ist Ende 30 und versteht es, seine Tage so einzurichten, dass ihm Zeit bleibt. Ihre wohlmeinenden Töchter haben Caroline ein Schnupperangebot für den Seniorenclub „Die schönen Tage“ geschenkt, was sie erst einmal gehörig abschreckt – bis sie in den Computer-Lehrgang kommt, den Julien leitet.

Ihre Anziehung ist stark und gegenseitig; auch wenn er keinen Hehl daraus machen kann, noch weitere Liebschaften zu unterhalten. Beide sind noch jung genug, um sich auf dieses Abenteuer einzulassen, und alt genug, es offenen Auges zu tun. Julien ist sicher, dass Caroline vor ihm wissen wird, wann die Liaison ihr Ende erreicht hat. Beide dürfen hoffen, dass der Abschied mit einem Lächeln vollzogen wird.

Der Zauber des Verliebtseins kann in Marion Vernoux’ Verfilmung eines Romans von Fanny Chesnel auf überflüssige Illusionen verzichten. In dieser Liebesgeschichte, die keine Opfer fordern muss, um den Zuschauer wehmütig zu stimmen, fällt selbst dem betrogenen Ehemann eine dankbare Rolle zu.

Philippe (Patrick Chesnais) ist kein Dummkopf, sondern scharfsinnig und gewitzt. Auf den Ehebruch reagiert er mit einnehmender Verdrossenheit. Seine Ironie bleibt bei aller Wut verbindlich; er muss keine Haltung wahren; er ist zur Einsicht fähig. Caroline und Philippe haben ihre Ehe nicht bloß über die Zeit gerettet – sie ist eine verlässlicher Anker in ihrem Leben. Die Behaglichkeit, die in dieser Lebensgemeinschaft herrscht, ist keinesfalls mit Reizarmut zu verwechseln.

Neugier aufs Leben

Marion Vernoux nimmt der Liebesgeschichte nichts von ihrer Strahlkraft, wenn sie diese in einen vielstimmigen Film einbettet. Die Regisseurin hat ein Faible für die Interaktionen zusammengewürfelter Gruppen. Und ihr Film ist neugierig, wie Caroline auf die Menschen reagiert, die sie im Seniorenclub kennenlernt, welche ungekannten Saiten sie in ihr zum Schwingen bringen werden. Vernoux legt immensen Wert darauf, ihre Heldin nicht nur als Liebende zu definieren. Caroline steht vielmehr mitten im Leben. Dass die Badesaison in der nordfranzösischen Küstenstadt fast vorüber ist, dient nicht als allegorischer Fingerzeig, sondern als atmosphärische Auskleidung.

Der Zuschauer darf sich der Gewissheit anvertrauen, dass die Ereignisse für keinen der Beteiligten die sogenannte letzte Chance darstellen. Für Fanny Ardant ist die Rolle der Caroline Anlass zu einer stolzen Zwischenbilanz. Ins Wechselbad aus Schuldgefühl und Lust an Flirt, Raffinement sowie Verstohlenheit ist sie seit ihren Anfängen beim legendären Regisseur François Truffaut nicht mehr so furchtlos und berückend eingetaucht. Ardants Nonchalance ist hinreißend, wenn sie etwa kurzerhand Juliens Rotweinglas nimmt und in einem Zug austrinkt. Wie schön, dass sich auch Marion Vernoux’ Inszenierung anstecken lässt von so viel rigorosem Leichtsinn.

Die schönen Tage (Les beaux jours), Frankreich 2013. Regie und Drehbuch (nach einem Roman von Fanny Chesnel): Marion Vernoux, Kamera: Nicolas Gaurin, Darsteller: Fanny Ardant, Laurent Lafitte, Patrick Chesnais u.a.; 95 Minuten, Farbe. FSK ohne Altersbeschränkung.

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