Fantastic Negrito bei einem Fotoshooting.
Foto: Lyle Owerko

Der Anlauf war lang, doch der Sprung saß: Fantastic Negrito ging schon auf die 50 zu, als sein erstes Album erschien. Aber dafür bekam er für „The Last Days of Oakland“, so der Titel des 2016 erschienenen Debüts, umgehend einen Grammy – und für „Please Don’t Be Dead“, den Nachfolger zwei Jahre später, gleich noch einen. Gewonnen hat er beide Male in der Disziplin zeitgenössischer Blues, wobei sich auch mit seinem nun erscheinenden dritten Album „Have You Lost Your Mind Yet?“ nicht ganz erschließt, was damit gemeint sein soll: Er stürzt sich in die verschiedensten Traditionen und Varianten schwarzer Musik von Spiritual zu HipHop wie Onkel Dagobert in seinen Geldspeicher und wühlt darin herum wie ein Maulwurf. „Ich nenne meine Musik sowieso nur Black Roots Music“, strahlt er in einem lauten gelben Hemd aus dem Facetime-Fenster. „Als Afroamerikaner komme ich mir vor wie Rockefeller, meine Leute haben mir – und dir und der Welt – eine so reiche und fruchtbare musikalische Erde hinterlassen, dass ich nur ernten muss, was in diesem Garten wächst.“

Was seine Gewächse gemeinsam haben, ist der Groove – egal ob er Field Hollers oder Hard Rock einsetzt. Diesmal, sagt er, habe er den Funk stärker betont, von James Brown zu HipHop, von Soul zu Queen-Bombast, von singenden Bluessoli zu Glamrock. Im ersten Stück, „Chocolate Samurai“, treibt die schmurgelnde Hammondorgel einen Stevie-Wonder-Groove voran, während Negrito die Titelfrage des Albums stellt: „Auch schon verrückt geworden?“

Fantastic Negrito versteht die gewaltbereite Wut der Jugend

Als wir das Gespräch führen, toben in den USA die Proteste gegen systemischen Rassismus, die Covid-19-Leugner marschieren, der US-Präsident will Desinfektionsmittel spritzen. Negrito hat sich mit den Schiefständen in seiner Heimat Oakland und den USA im Ganzen seit den ersten Songs 2014 beschäftigt. Hier erzählt er von Crack-Müttern und Gewalt, er verhandelt toxische Männlichkeit und den nihilistischen Konsumwahn bis in die Kreise erfolgreicher Musiker. Es seien, sagt er, Geschichten von Verwandten, Freunden, Bekannten – aber wie die Verhältnisse sie an den Rand des Zusammenbruchs oder darüber hinaus bringen, führt das natürlich mitten in die Gesellschaft. „Das ist die Idee hinter Fantastic Negrito: „Niemand hat auf einen mittelalten Musiker wie mich gewartet, da kann ich auch von den Dingen sprechen, die mir wichtig sind. Die Welt“, sagt er, „mag von der aktuellen Situation überrascht sein, aber für uns Schwarze ist sie bis zur Gefahr des Abstumpfens vertraut. Ich war 16, als mich ein Polizist das erste Mal mit einer Waffe bedroht hat –  wir sitzen mit der Zeitung beim Tee: ‚Oh, wieder ein Schwarzer erschossen – reichst du mir die Butter?‘“

Er verstehe daher auch die gewaltbereite Wut der Jugend, „obwohl wir aufpassen müssen, nicht selbst das Böse zu werden, das wir bekämpfen. Wir wollen doch alle nur über den Tag kommen und die tägliche Herausforderung, ein Mensch zu sein, ist ein Motherfucker“.

In der kalifornischen Punkszene trieb sich Fantastic Negrito rum

Negritos Biografie liest sich dabei wie ein Kondensat aus der jahrhundertealten Blues-Erzählung in Musik und Literatur. Xavier Amin Dphrepaulezz – Negritos bürgerlicher Name – ist das achte von 15 Kindern, 1968 geboren, Sohn eines strenggläubigen Moslems mit somalisch-karibischen Wurzeln. Mit zwölf reißt er von zu Hause aus, verkauft Marihuana, erlebt, wie um ihn her Freunde, ein Bruder, ein Cousin erschossen werden. Aus der Straßen-Karriere schleicht er sich in die Uni, schaut sich die Übungen der Berkeley-Studenten ab. 1993 landet er einen Major-Deal, 1996 floppt ein erstes Album, als Xavier, mit zeitgenössischem Rhythm and Blues. 1999 kommt er beinahe bei einem Autounfall ums Leben, eine Hand bleibt beschädigt. Ohne Vertrag treibt er sich eine Weile in der kalifornischen Punkszene herum, bevor er 2007 die Musik offiziell aufgibt und Gras pflanzt – „bis ich eines Tages mal wieder alten Blues gehört habe, Charlie Patton, Skip James, und buchstäblich in Tränen ausgebrochen bin. Ich dachte: Ich mache Musik, und wenn ich mich mit der Gitarre auf die Straße stellen muss.“

Der Alltag seiner Texte sieht indes nicht viel anders aus als der, den man von den Straßen des HipHop kennt, und im Grunde, sagt er, „arbeite ich auch musikalisch, wie ich die Saxofone, Gitarren, Drums zusammenschnipsle, schon nah am HipHop“. Negrito taucht seine Kunst nur offensiver und sehr lustvoll in die Geschichte der Kultur. Seine Musik ist bis zur Manieriertheit geplant, zitiert, gebastelt, und die Erfahrung, aus der er schöpft, ist ebenso kollektiv überliefert wie selbst erlebt – im Schrecken wie im Glanz. Eine fantastische Geschichte, aber ganz wahr: „Mein Erfolg zeigt auch, dass es sich lohnt, nicht aufzugeben und sich treu zu bleiben. Aber“, sagt er nach einer kleinen Pause, „sie beweist auch die Größe unseres musikalischen Erbes und die Kraft, die darin liegt: Wenn wir diesem Erbe und den Vorfahren Respekt zollen, dann wird uns das ernähren, es gibt uns Hoffnung und ein tiefes Gefühl von Stolz.“

Fantastic Negrito – „Have You Lost Your Mind Yet?“ (Cooking Vinyl /Sony Music)