Dieser Koffer platzt aus allen Nähten. Kleine Pfötchen suchen den Weg ins Freie, alles rumort, doch die New Yorker Zollbeamten sind leicht zu täuschen. Newt Scamander, der Mann mit dem Koffer, ist ein Zauberer. Vielleicht der Beste, er ging in Hogwarts zur Schule. Dass er hier eine ganze Armee von Fabelwesen einschleppt, bleibt nicht lange verborgen und wird noch viel Ärger stiften. Aber er hat noch viel mehr in seinem Gepäck, nämlich eine ganze Welt.

„Worldbuilding“ heißt das Zauberwort im modernen Kino, für J.K. Rowling allerdings ist es ein alter Hut. Die Welt von Harry Potter, kassenträchtig verfilmt, war ganz allein ihr Werk. Für „Phantastische Tierwesen“ hat die britische Schriftstellerin nun erstmals auch das Drehbuch verfasst, und setzt mühelos eins drauf. Insgesamt fünf Filme sollen nach dem kleinen Büchlein entstehen, das Harry und Hermine seit dem ersten Hogwarts-Jahr als Schullektüre dient. „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ heißt es in Gänze, mehr als ein paar Tierqualifizierungen und Zaubersprüche stehen nicht drin.

Reihe wird neu aufgesetzt

Verfasser: Newt Scamander. In echten Buchhandlungen liegt es natürlich längst aus, neben Harrys Kochbuch und einer kleinen Historie des Quidditch-Spiels. Doch was aus diesem Appendix des Potter-Universums bereits im ersten Teil gemacht wurde, lässt sich kaum als Spin-off bezeichnen. Mit Scamanders Lebensgeschichte wird die Reihe völlig neu aufgesetzt, in noch größerem Maßstab.

Dabei richten sich Besetzung und Story klar an eine älter gewordene Leserschaft. Die wird sich im New York des Jahres 1926 erstmal zurechtfinden müssen. In ähnlichen Figurenkonstellationen treten Scamander, gespielt vom exzentrischen Eddie Redmayne, seine Zaubergefährtin Porpentina (Katherine Waterston) und ein ulkiger Muggel namens Kowalski (Dan Fogler) in Konflikt mit dem Bösen. Doch wo und wer ist das Böse? Rowling und David Yates – schon seit den letzten Harry-Potter-Filmen ihr bevorzugter Regisseur – entwerfen eine gespaltene Gesellschaft, in der Zauberer und Muggel, also zauberunfähige Menschen, einander belauern.

Populismus-Reflexion

Die Muggel heißen hier in den USA No-Majs (gesprochen: no mädsch), doch das nur am Rande. Eine Hexenjägerin (streng puritanisch und dem Wahnsinn nahe: Samantha Morton) ruft zur Vernichtung. Politiker und Medien neigen dazu, ihr zu folgen. Aber auch im „Magischen Kongress der Vereinigten Staaten“ herrscht Unfrieden. Die dunkle Eminenz Percival Graves (Colin Farrell) rüttelt am Gebot der Geheimhaltung. Warum unter den Menschen leiden, wenn wir über sie herrschen könnten?

Nicht unklug hat J.K. Rowling ihr Drehbuch als Populismus-Reflexion bezeichnet. Das fragile Verhältnis von Mehrheit und Minderheit, bei Harry Potter eher unterschwellig behandelt, steht vor dem Bruch. Wahrheiten sollen besser nicht ausgesprochen, die eigenen Kräfte verborgen werden. Was da in aller Düsternis zutage tritt, ist ein so komplexes wie aktuelles Bild von Öffentlichkeit. Mit der Kinderwelt von Hogwarts hat das nichts mehr zu tun.

Tendenz zum audiovisuellen Overkill

Nun sind über die Jahre auch die Spezialeffekte erwachsener geworden, soll heißen: Es ist immer noch ein Fantasyfilm. Und der hat die Tendenz zum audiovisuellen Overkill. Dunkle Kräfte zerlegen New York nach allen Regeln der Kunst, von Anfang bis Ende, und was da aus Scamanders Koffer entfleucht, macht die Sache nicht besser. Noch wilder wird es, wenn er – auch das kann der Magiezoologe – in seinen Koffer hineingeht. Zu den Fabeltieren gehören ganze Fabelwelten. In seinem Kofferkino, denn das ist es natürlich, ist der filmische Raum nicht nur jederzeit erweiterbar, sondern austauschbar.

Das nagt jedoch, so wundersam es immer wieder anzuschauen ist, an der erzählerischen Substanz. Auch würde man die berückend schönen Art-Deco-Sets, von einer hyperagilen Kamera stets in Sekundenschnelle durchmessen, gerne einmal etwas länger sehen. So stellt der Film letztlich die Frage, die auch Newt Scamander umtreibt: Ob nämlich das moderne Blockbusterkino die von ihm selbst entfesselten Kräfte irgendwann wieder einfangen kann.

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind (Fantastic Beasts and Where to Find Them), Großbritannien/USA 2016. Regie: David Yates, Drehbuch: J.K. Rowling, Darsteller: Eddie Redmayne, Katherine Waterston, Dan Fogler u.a.; 133 Min., Farbe. FSK 6