Am Samstagabend, kurz vor 19 Uhr, herrscht vor der ausverkauften Columbia-Halle trügerische Ruhe. Nur ein paar Handvoll Enthusiasten warten draußen auf Freunde oder leeren ihr Weg-Bier oder Club-Mate. Natürlich ist kaum wer vor der Tür, wenn das Farin Urlaub Racing Team (FURT) zur Record-Release-Party des neuen Albums „Faszination Weltraum“ und zum Konzert lädt – die Fan-Gemeinde steht da längst dicht an dicht im Saal und auf dem Rang.

Das ist nicht ganz selbstverständlich: Angekündigt ist zunächst ein Vorspiel der gut einstündigen, am Freitag veröffentlichten Platte, doch die FURT-Anhänger wollen an diesem Abend nix verpassen. Und so warten Mittvierziger wie Teenager, Stubenhocker mit Bauch-Ansatz und einige coole Kids, dass es losgeht. Als zehn vor acht die Musik vom Band kommt und dazu riesige Ballons mit FURT-Aufdruck über die Menge schweben, ist die Freude groß. Viele haben die maximal 36 Stunden seit dem Platten-Kauf zum Auswendiglernen der Texte genutzt; es wird ab Start mitgesungen und -getanzt. Soviel Enthusiasmus ist in Berlin selten.

Aber Farin Urlaub ist eben auch nicht irgendwer. Seit der Frontmann der Ärzte 2001 eine parallele Solo-Karriere gestartet hat, eilt der bald 51-Jährige von Erfolg zu Erfolg; seine bisherigen drei Platten wurden alle Gold, auch „Faszination Weltraum“ verkauft sich bestens. Das Farin Urlaub Racing Team ist dabei weniger Ergänzung als Gegenentwurf zu den den Ärzten: Dem Spaß-Anarchie-Trio stellt Urlaub hier eine propere, fast altmodische Show-Band gegenüber.

Mit drei Sängerinnen, drei Bläsern, einer Schlagzeugerin, einer Bassistin und einer Gitarristin ist die musikalische Spannweite von FURT deutlich größer. Es ist nicht so, dass Urlaub nicht auch leise Töne anschlagen würde; im Kern geht es oft um Liebeskummer, Trennungsschmerz und andere emotionale Schieflagen. Doch mit dem Racing Team macht Urlaub eben auch große Party-Musik. Und es gibt keine Schwermut, die er nicht doch auch gekonnt weglächeln könnte mit dem breitesten Filmpremierenscheinwerfer-Grinsen im deutschen Pop.

Konzert beginnt mit Herumspring-Nummer „Zehn“

Um 20.40 Uhr ist der letzte Luftballon geplatzt und die Platte nach dem großartigen, traurig-mehrdeutigen Song „Immer dabei“ vorbei. Show-Time: Der Vorhang öffnet sich, das Farin Urlaub Racing Team – die Sängerin Annette kommt später dazu – beginnt den Konzert-Teil des Abends mit der beliebten Herumspring-Nummer „Zehn“, ganz so als müsste das Publikum wirklich noch weiter aufgeheizt werden.

Das Konzert ist quasi Abschluss der FURT-Tour, bei der die Band seit Anfang Oktober in – jawohl – Frankfurt/Oder, Frankfurt am Main, Erfurt, Schweinfurt und Klagenfurt auftrat. Vor der Bühne übt sich der jüngere Teil des Publikums bald in Pogo-ähnlichem Gehopse, die Stimmung ist gut. Dass an diesem Abend nur die erste Single-Auskopplung „Herz? Verloren“ vom neuen Album kommt, tut der Begeisterung ebenso wenig Abbruch wie der berüchtigte Columbia-Hallen-Klang, der bei den dickeren Nummern oft ins etwas Matschige kippt.

Gut zwei Stunden arbeitet sich das Farin Urlaub Racing Team durch das Programm; trotz eines kurzen Melancholie-Song-Trios spielt man eher Party-kompatible Stücke. Aber auch das wunderbare, hoch politische „Die perfekte Diktatur“, das es seltsamerweise nur auf die B-Seite der „Herz? Verloren“-Single geschafft hat. Der Saal geht mit und macht mit.

Kurz vor Schluss fragt Farin Urlaub etwas scheinheilig, ob es denn gefallen habe und man im nächsten Jahr auch wiederkomme, dann in die Wuhlheide. Mehr bestätigendes Gröhlen geht kaum. Nach dem abschließenden „Abschiedslied“ verschwindet das Publikum erschöpft, verschwitzt und glücklich in eine kalte Berliner Herbstnacht.