Die beste Nebenrolle in diesem Film gehört einem Mops. Es ist jedenfalls anzunehmen, dass es sich um einen solchen handelt bei dem Tier, das da unsichtbar unter dem Tisch liegt. Mit einiger Mühe zu erkennen ist hingegen, trotz der langen Zeit, die seit ihren großen Rollen vergangen ist, die Schauspielerin Margit Carstensen, die an eben jenem Tisch sitzt und über die Zeiten mit Rainer Werner Fassbinder redet. Es kann nur ein Mops sein.

Niemand kann so störend in ein Interview hineinröcheln wie ein unter dem Tisch liegender Mops, der wegen seiner kurzen Schnauze nun mal zu lauten Atmungsproblemen neigt. Als es zu doll wird, kriegt er einen Stups mit dem Fuß, und siehe da, es hilft.

An Stupse, Stüber und schlimmere Verletzungen seelischer Art musste sich gewöhnen, wer zu Fassbinders engerem Umkreis zählen wollte. Das wird schnell deutlich in dem Dokumentarfilm „Fassbinder“, der pünktlich zum 31. Mai fertig geworden ist, dem Tag, an dem der anhaltend berühmte Filmemacher 70 geworden wäre, hätte sein nach Strich und Faden von ihm selbst traktiertes Leben nicht 1982 im Alter von 37 Jahren ein jähes Ende gefunden.

Gedreht hat ihn die Filmemacherin Annekatrin Hendel nach einer Idee und mit Unterstützung von Juliane Maria Lorenz, Fassbinders Cutterin und letzte Ehefrau. Lorenz, inzwischen Präsidentin und Geschäftsführerin der Rainer Werner Fassbinder Foundation und – nach dem Tod von Fassbinders Mutter – dessen Erbeverwalterin und Rechteinhaberin.

Der Film hat also den höchsten Segen. Er ist ein offizielles Gedenkwerk des Clans und dafür überraschend ehrlich. Andererseits ist das so überraschend auch wieder nicht, wirkt doch das Vorbild des Meisters noch immer nach: selbstentblößend und schonungslos. So weit wie er geht in dieser Disziplin zum Glück allerdings niemand mehr.

Juliane Lorenz kann von seelischen Knüffen natürlich auch berichten, denn dass der offen bisexuell lebende Fassbinder sich nach der Heirat seine neue Familie genau so vorstellte, mit Frau, Kind und muskulösem Mann um sich herum, das hatte sie sich nicht so ausgemalt.

Der Film ist munter montiert aus seltenen Fassbinder-Interviews, ersten künstlerischen Versuchen als Internatsschüler, Szenen seiner Theaterjahre und vielen Interviews. Allen voran seine Stars Hanna Schygulla, Irm Hermann und Margit Carstensen. Schmerzlich zu vermissen ist Ingrid Caven, die ebenfalls mit Fassbinder verheiratet war, und sich mit der Fassbinder Foundation verkracht hat.

Fassbinders Charisma

Laut Caven schließt die Foundation einen wichtigen Teil der ehemaligen Mitstreiter aus der Geschichte aus. Außerdem erkennt sie die Ehe zwischen Fassbinder und Lorenz nicht an, die 1978 in Fort Lauderdale geschlossen, aber wohl nicht ganz beglaubigt wurde.

Die Zentrifugalkräfte, die Fassbinders Charisma in Umkehrung seiner Anziehungskraft auszulösen vermochte, waren beträchtlich, wie auch die Weggefährten Harry Baehr oder Thomas Schühly klar machen. Volker Schlöndorff schüttelt sich geradezu. Er hätte nicht die Kraft gehabt, sagt er, 24 Stunden am Tag mit einer Truppe zu leben und sich um jedes Problem zu kümmern.

Fassbinder waren viele Menschen hörig, sagt Hanna Schygulla, ein Wort, dass es ja heute so gut wie gar nicht mehr gebe. Und sie wiederholt es mit ihrer sanften Stimme: „hörig“. Ein wenig spöttisch klingt es, wehmütig und ergeben zugleich.

Fassbinders Witwen, die echten und die informellen, sind ein Rätsel allesamt. Vor allem seine Stars, Irm Hermann vorneweg mit ihrem Püppchengesicht, das urplötzlich zu beträchtlicher Bosheit und Machtlust fähig ist. Er hatte als einer der ersten in den scheinbar so trutschigen Spießerinnen, die zum Nachkriegsbild der Bundesrepublik gehörten, die starken, schönen Frauen entdeckt, die sich im Krieg ihrer alten Rollen entledigen und sie nach der Rückkehr der Männer als Zerrbild wieder überstülpen mussten.

Für dieses Ineinander aus weiblichen Heimatfront-Managementqualitäten, Ohnmacht, Unterwerfung und Rachsucht im Wesen der deutschen Frau hatte Fassbinders ein genaues Gespür. Es war geschult in der genauen Beobachtung seiner Mutter, der Übersetzerin Liselotte Eder, mit der der Junge als Einzelkind nach einer Scheidung aufwuchs.

Im Film erzählt er, wie vielsagend für ihn allein schon die Art war, wie seine Mutter sich die Strümpfe anzog, und wie diese Geste in der „Ehe der Maria Braun“ bei Hanna Schygulla wieder auftaucht. Fassbinder, dieser saufende, koksende, Tabletten missbrauchende Rohling, der so gern den wüsten Baal gab, dieser sich so hässlich stilisierende grobe Klotz war ein großer Frauenversteher.