Foto: Weltkino

Ende der 1970er-Jahren trafen in West-Berlin zwei große Randfiguren aufeinander, Thomas Brasch und Rainer Werner Fassbinder, beide im Jahr 1945 geboren. Eine Zusammenarbeit zwischen dem Regisseur und dem Autor kam nicht zustande, aber sie sprachen miteinander, etwa über „public place und private room bei Shakespeare“, wie Brasch lange danach erzählte: „Jemand, der Kunst macht, ob es nun Shakespeare ist oder Fassbinder, der macht immer einen private room zu einem public place.“  

Fassbinder und Brasch: Diese Begegnung kommt nicht vor in Oskar Roehlers Fassbinder-Umkreisung „Enfant Terrible“. Sein Film aber erzählt sehr genau davon, wie Fassbinder die Grenzen zwischen „public und private“, zwischen Öffentlichem und Privatem auflöste, und wie er niemanden dabei schonte, am allerwenigsten sich selbst.  

Am augenscheinlichsten wurde dies in Fassbinders Beitrag zum Episodenfilm „Deutschland im Herbst“, jenem Kaleidoskop von Reflexionen elf deutscher Regisseure auf den Herbst 1977. Mogadischu, die Selbstmorde in Stammheim, Razzien. Fassbinder reagierte darauf mit einem halbstündigen Selbstporträt aus dem dunklen Labyrinth seiner Münchner Wohnung. Gehetzt telefonierend, seinen Lebensgefährten Armin wegen dessen faschistoiden Sprüchen mal verstoßend, mal umklammernd, im Streitgespräch mit seiner Mutter über Demokratie, immer rauchend, einmal koksend, fast immer nackt, die Hand spielt wie ein Kind am Genital.

Oskar Roehler hat die damals von Michael Ballhaus gefilmten Szenen nahezu realistisch nachgestellt, aber verdichtet. Zwar verpasst er seiner Figur namens Rainer eine Unterhose, die Essenz dieses Einblicks in den Zustand eines Künstlers und einer Republik aber hat er mit großer Präzision herausdestilliert. Die analytische Schärfe, die im Gespräch mit der autoritätssehnsüchtigen Mutter hervortritt ebenso wie den Sog der Depression, die Fassbinder mit Drogen und Alkohol zu bekämpfen sucht. Seine Wohnung ist seine Bühne, das Private politisch. Vielleicht gehörte er zu den wenigen, die den Slogan der 68er-Bewegung in aller Konsequenz lebten.

Ohne Fassbinder hätte Roehler vielleicht nicht zum Kino, nicht zum Schreiben gefunden. Dem 1959 geborenen Sohn zweier selbstzerstörerischer Intellektueller, war er Idol, Rettung wohl auch. So wie Fassbinder in die Verlogenheiten der biederen Nachkriegsgesellschaft hineinstach, so wie er Außenseiter zu gebrochenen Helden machte, boten sich seine Filme als Identifikationsstoff an. Zu vergleichen gibt es nichts. Roehler ist der Regisseur einer anderen, materiell reicheren, aber an Freiräumen ärmeren Epoche, auch wenn er wie Fassbinder in seinen Filmen die kaputten Familien der Nachkriegszeit wie einen Gespensterreigen heraufbeschwor. Auch wenn er wie Fassbinder als Außenseiter ohne das Eintrittsbillett und den Zuschnitt einer Filmhochschule in die Branche kam.

Was tun also mit einem so mächtigen Monolithen, der in kaum zwei Jahrzehnten mehr als vierzig Filme gedreht hat und nebenbei auch das Theater revolutionierte? Filmausschnitte in ein geschmeidiges Biopic einzumontieren – das hätten andere gemacht, in braver Heldenverehrung. Roehler aber geht mitten hinein in die Zerrissenheit eines Menschen, in die Widersprüche zwischen Kunst und Leben, den Abgrund, der sich auftut, wenn die Kluft zwischen Traum und Lebenselend immer tiefer wird.

Viele haben vieles gesagt über Fassbinder, den Menschen und Menschenschinder, den Liebenden, den Nichtliebenden, den unermüdlichen Arbeiter, den Perfektionisten, den Zerstörer, den Drogensüchtigen. Roehler hat durch all diese Zuschreibungen hindurch eine Figur gemacht, die über jede Bewertung erhaben ist, die mit kleinlichen Etiketten wie gesund oder krank nicht zu fassen ist, die alles riskiert.  

Oliver Masucci, der sich dem späten Fassbinder fast wie ein Doppelgänger anverwandelt hat, spielt ihn mit größter Intensität, ganz aus dem Körper heraus, ganz Bauch, ganz Haut, ganz Blick. Wer in seine Nähe kommt, den umkreist er wie ein Raubtier, vereinnahmt ihn, speit ihn wieder aus.

Aus Fassbinders Clan wird bei Roehler ein Komödienensemble, das sich in sichtbar aufgemalten Kulissen in der Zeitkapsel eines Studios seine durchaus erheiternden Eifersuchtsscharmützel liefert. Manche, wie die von Eva Mattes gespielte Brigitte Mira, verblüffen in ihrer Wiedererkennbarkeit, andere sind Kunstfiguren. Inmitten dieser ausgestellten, charmanten Künstlichkeit, die auch dem kleinen Budget des Films geschuldet ist, entsteht das Labor eines Künstlers, den Roehler vor allem als unendlich Sehnsüchtigen zeichnet. Darüber hinaus entstehen an den Rändern Umrisse eines Schaffens, das Brasch so umschrieben hat: „Fassbinder machte wirklich den Versuch, aus der Bundesrepublik, das heißt aus einem Stein, Orangensaft zu pressen.“

Enfant Terrible Deutschland 2020, Regie: Oskar Roehler, mit Oliver Masucci, Harry Prinz, Katja Riemann, Eva Mattes, Erdal Yildiz u.a., 134 Min.