Ein altes Fabrikgelände im Hamburger Stadtteil Ottensen. Hier befinden sich, im vierten Stock, die Räume von Bombero, der Produktionsfirma von Fatih Akin. Die Gegend gehört zum Kiez, in dem der Regisseur seit seiner Jugend zuhause ist. Gerade ist der 44-Jährige von einer USA-Reise zurückgekehrt, wo er seinen neuen Film „Aus dem Nichts“ (Kinostart: 23.11.) vorgestellt hat. Denn das Drama um einen Neonazi-Mordanschlag ist für den besten Auslandsfilm ins Oscar-Rennen 2018 geschickt worden. Das Interview führt der Sohn türkischer Gastarbeiter von seinem Schreibtisch aus, auf dem es kreativ chaotisch und nach liegengebliebener Arbeit aussieht. Im Regal hinter ihm steht der Goldene Bär, den er 2004 für seinen Film „Gegen die Wand“ erhielt – umrahmt von Biografien Rainer Werner Fassbinders und Marlon Brandos.

Herr Akin, die Hauptperson in Ihrem neuen Film heißt Katja, ist blond, blauäugig und deutsch...

Das ziemliche Gegenteil von mir, ja. Dennoch steht sie mir sehr nah. Sie ist mein Alter Ego in diesem Film. Zunächst hatte ich tatsächlich einen männlichen Helden erwogen. Aber dann dachte ich: wie langweilig.

Wie nähert man sich so einer Frauenfigur?

Das Drehbuch basiert ganz stark auf meinen Erfahrungen als Familienvater. Und beim Schreiben hatte ich stets meine Ehefrau Monique im Kopf – ihre norddeutsche Herkunft, ihren Lebensstil, ihre Art, wie sie im Alltag auf Dinge reagiert. Und sie ist schließlich – wie Katja im Film – auch mit einem türkischstämmigen Mann verheiratet.

Sie haben die Rolle mit Diane Kruger besetzt. Das erschien recht kühn, denn das Ex-Model spielte vorher nur in englischsprachigen Produktionen. Wie kamen Sie auf sie?

Ich denke im Vorfeld jedes Filmes intensiv darüber nach, nicht mit den üblichen Verdächtigen daherzukommen. Beim Casting mit Diane in Paris habe ich sofort gespürt, das in ihr eine darstellerische Wucht, ja ein immenser Hunger schlummert, den sie bisher noch nicht so zeigen konnte. In ihr steckt immer noch dieses Straßenmädchen aus Norddeutschland. Das Drehen in ihrer Muttersprache war da sicherlich förderlich, und sie hat dann die Figur im intensiven Austausch mit mir noch einmal entscheidend weiterentwickelt.

Bei der Uraufführung von „Aus dem Nichts“ wurde Diane Kruger im Mai mit dem Darstellerpreis der Filmfestspiele von Cannes ausgezeichnet. Sie können offenbar miteinander.

Wir haben uns gesucht und gefunden. Und unsere erste Begegnung geht auch auf eine magische Nacht vor fünf Jahren zurück, ebenfalls in Cannes,. Ich stellte damals meinen Dokumentarfilm „Müll im Garten Eden“ vor. Bei der Party habe ich dann als DJ selbst aufgelegt und mir einen Spaß daraus gemacht, an diesem Abend nur hammerharten Rock und Punk zu spielen. Das bekommt man in Cannes sonst eher selten zu hören. Die Leute sind durchgedreht. Gegen Mitternacht erschien dann Diane im Schlepptau von Ewan McGregor. Sie sah wunderschön aus. Und ich hatte da auch noch dieses Klischee des schauspielernden Ex-Models im Kopf. Doch dann hat sie einfach losgerockt – barfuß am Strand und mit Headbanging. Das war so ein erster Impuls für mich, und ich war erstaunt, wie gut Diane meine Arbeit kannte, als wir uns dann sehr angeregt unterhalten haben.

Diane Kruger spielt eine Frau, die ihren Mann und ihren kleinen Sohn bei einem Terrorakt von Neo-Nazis verliert. Ein Schmerz, für den man kaum Worte findet. Wie zeigt man das im Film?

Ich bin Vater von zwei Kindern. Es ist mir deshalb nicht schwer gefallen, Bilder für den Schmerz zu entwickeln. Und dann wollte ich diese Emotionen so präzise wie möglich zeigen. Mit einem geradezu dokumentarischen Blick und nicht mit der Motivation, Mitleid oder Empathie beim Zuschauer erzeugen zu wollen. Denn ein Film ist kein Gottesdienst. Natürlich besítze ich einen moralischen Kompass und vermittle meinen Kindern bestimmte Werte. Aber die Zuschauer sind nicht meine Kinder, und die meisten von ihnen sind ohnehin viel schlauer als ich. Man sollte sie auf keinen Fall unterfordern. Ein Film muss auch nicht alle Fragen beantworten oder ein Thema ethisch umfassend behandeln. Ganz und gar nicht. Ich finde es viel wichtiger, dass ein Film etwas auslöst und man beispielsweise mit Freunden nach dem Kinobesuch weiter darüber diskutiert, streitet, was auch immer.

Ihr Film greift Versatzstücke aus den Taten der rechten NSU-Terroristen auf. Haben Sie zur Vorbereitung mit realen Opfern gesprochen?

Nein. Ich habe sehr viel recherchiert und zusammen mit Hark Bohm, meinem Co-Autor, auch drei Mal den NSU-Prozess in München besucht. Hark Bohm ist ja nicht nur ein seit langem verehrter Filmemacher von mir, sondern auch Jurist. Das war sehr hilfreich. Wir benutzen dann auch einiges aus den Prozessakten, aber generell ist so eine zähe Gerichtsverhandlung für eine Kinoumsetzung nicht sehr ergiebig. Ich wollte eine spannende Geschichte inszenieren, mich zudem mit dieser Passivität von den Angehörigen der NSU-Opfer nicht abfinden. Die Perspektive der Mörder hat mich nicht interessiert. Also: der Wahrhaftigkeit nahe kommen und trotzdem frei und erzählerisch sein.

Als Sie Ihren Film drehten, war der Ausgang des NSU-Prozesses noch nicht klar. Das Urteil wird demnächst erwartet. Hat das eine Rolle gespielt?

Hark Bohm hat die realen Bezüge sehr ernst genommen. Er hat argumentiert: Wenn mit dem Wissen um den NSU-Prozess heute ein derartiger Anschlag in Deutschland passieren würde, dann fiele der Verdacht sehr schnell auf Neo-Nazis. Deshalb habe ich das ursprüngliche Drehbuch noch einmal verändert: Katjas Mann ist ein vorbestrafter Drogendealer, und die Polizei fahndet deshalb zunächst im kriminellen Milieu, was bei den Hinterbliebenen natürlich Irritationen und Entsetzen auslösen muss. Filmisch war das sogar ein Gewinn. Es erzählt viel über das Paar und wie stark deren Liebe ist. Und dass Katja mit dieser Beziehung auch gegen ihr Elternhaus rebelliert.

Es gab bereits drei Fernsehfilme zum Komplex NSU-Prozess. Was war Ihr Impuls, das Thema aufzugreifen?

Ich war zugegebenermaßen ein bisschen beleidigt, dass ich bei diesen Projekten als Regisseur gar nicht gefragt wurde. Denn man hätte schon auf mich kommen können. Die Themen Rassimus und Neo-Nazis haben mich schon immer stark beschäftigt. Aber es hat wohl auch seine Gründe, dass ich mir selbst eine Umsetzung erst jetzt mit meinem neunten Film zutraue.

Wie deutsch ist das Thema?

Seit Cannes hat es noch mal eine andere Relevanz bekommen. Das spüre ich auch in den USA, wo ich meinen Film in den vergangenen Wochen im Vorfeld der Oscar-Nominierung viel gezeigt habe. Rassismus, Terror, Rache, Selbstmordanschläge – die Themen sind erschreckenderweise sehr global.

"Sie wünschen einem den Tod, weil man so aussieht, wie man aussieht" 

Haben Sie als Kind sogenannter Gastarbeiter Rassismus gespürt?

Ja. Da gab es Lehrer, die ein bestimmtes Bild von einem hatten. Und offenen Hass: Menschen, die einem den Tod wünschten, weil man so aussah, wie man aussah. Auch wenn in Hamburg-Altona das Zusammenleben zwischen Ausländern und Deutschen selbstverständlicher als anderswo verlief, gab es auch zu Beginn der 90er-Jahre Morde von Neo-Nazis, wenn man sich beispielsweise an die Brandanschläge von Mölln oder Solingen erinnert. Das alles hat mich damals sehr aufgewühlt.

Wie haben Sie reagiert?

Auf jeden Fall wollte ich keine Opferrolle einnehmen. Und da war es hilfreich, dass ich früh damit begonnen habe, zu schauspielern und Filme zu machen.

Wie in Ihren Erstlingswerken haben Sie nun auch wieder vor Ihrer Haustür, in Hamburg-Altona, gedreht. Haben Sie das Vertraute gesucht?

Es war vor allem pragmatisch. Wir drehen dort, wo ich nah bei meiner Familie bin und mich nichts unnötig ablenkt. Ich wollte mich diesmal ganz aufs Innenleben der Figuren konzentrieren.

Kennen Sie die Angst vor dem Scheitern?

Diese Angst habe ich noch immer vor jedem Film. Daraus ergibt sich aber auch Vorsicht, die für mich elementar ist, die innere Spannung aufrecht zu erhalten. Sonst ist die Gefahr groß, dass man nachlässig wird oder Dinge übersieht.

Wie verliefen die Dreharbeiten?

Wir haben den Film sehr schnell gemacht, mit einer ungeheuren kollektiven Präzision, von der Kamera, von der Maske, vom Licht, von allen Beteiligten. Jede Szene hat sich aus der anderen ergeben. Und wenn es gut läuft, macht ein Film, was er will, und entwickelt eine produktive Eigendynamik. Und dass ich in diesem Tempo arbeiten kann, weiß ich seit meinem letzten Film „Tschick“, als ich kurzfristig für einen anderen Regisseur eingesprungen war. Vorher habe ich eher so Jahre an Projekten gearbeitet.

„The Cut“ war 2014 Ihr bis dahin aufwändigster Film, über den Völkermord der Türken an den Armeniern – und dann wurde es der größte Misserfolg Ihrer Karriere. Wie haben Sie das verarbeitet?

Ich habe gelernt, dass Misserfolge zur Karriere gehören. Dass sie aber auch nicht das Ende der Karriere bedeuten müssen. Bei „The Cut“ habe ich mich mit Fragen beschäftigt wie: Wie ist das Holz im Havanna in den 20er-Jahren beschaffen? Und wie muss ich das ausleuchten? Wie haben die Esel in Jordanien auszusehen? Sind die vielleicht zu dick? Und ich verdanke dem Film einen unvergesslichen Moment: Um den Mond in der jordanischen Wüste zu kreieren, mussten wir Mega-Scheinwerfer aufstellen. Von diesem Licht wurden dann weiße giftige Spinnen angelockt. Hunderte – der ganze Set war plötzlich voll. Und dazu diese unglaubliche Stille – unvergesslich.

Sie sollen durch den Film auch viel Geld verloren haben.

Das stimmt, aber dennoch empfinde ich derartige Erfahrungen als elementar. Wasser muss fließen. Die fünf Jahre Filmzeit, die ich in „The Cut“ investiert habe, versuche ich jetzt eben wieder aufzuholen, was mir mit „Tschick“ und noch mehr mit „Aus dem Nichts“ auch zu gelingen scheint.

Was sind Sie für ein Regisseur?

Auf jeden Fall nicht dieser perfekte Michael-Haneke-Typus. Der weiß ja scheinbar alles haarklein im Detail und dreht es dann genau so wie in seinem Drehbuch. Und schneidet es auch so. Bei mir ist es genau andersherum. Ich lasse viel zu, moderiere auch ganz stark. Eine Idee von mir, ein anderer ergänzt das, es entwickelt sich ein fruchtbarer Prozess.

Diane Kruger zeigt wahre schauspielerische Größe 

Nennen Sie uns ein Beispiel?

Die Szenen vor Gericht. Ich hatte die Grundidee, eine Atmosphäre wie bei einem Elfmeterschießen aufzubauen. Denn als ich das Drehbuch im Sommer 2016 schrieb, lief gerade die Fußball-EM mit diesem dramatischen Elfmeterschießen Deutschland gegen Italien: Mit jedem Schuss schien die eine Seite vorne zu liegen. Dann wieder die andere, hin und her, kaum auszuhalten die Anspannung. Die Verteidiger streiten, doch meine Hauptfigur sitzt als Zeugin der Anklage die meiste Zeit stumm da. Das bewältigt Diane mit einer ungeheuren Intensität. Natürlich ist sie auch in ihren Gefühlsausbrüchen eindringlich. Aber innere Gedanken und Empfindungen ohne Worte nach außen zu tragen, das zeigt schauspielerische Größe. Diane verfügt über einen untrüglichen Instinkt, und ich war gut beraten, auf sie zu hören, wenn ein Moment noch nicht stimmte.

Nach „Tschick“ haben Sie nun schon zum zweiten Mal mit Hark Bohm zusammengearbeitet, einem Veteranen des deutschen Autorenfilms. Was verbindet Sie?

Er gehörte ja in den 70er-Jahren, in der großen Zeit des Autorenfilms, eher zu den Außenseitern. Er war fast ein bisschen verpönt, weil er im Grunde ein konventioneller Geschichtenerzähler war. Interessanterweise wurde ich nach meinem Berlinale-Erfolg mit „Gegen die Wand“ oft mit Rainer Werner Fassbinder verglichen. Da war ich natürlich geschmeichelt, und klar steckt jede Menge Rauheit und Wut in dem Film. Aber ich selbst habe diese Parallelle nie gezogen. Hark Bohm hat mich da viel nachhaltiger beeinflusst. „Nordsee ist Mordsee“ war für mich ein enorm wichtiger Film, und ich denke, das sieht man auch in „Tschick“.

Wie in in Ihren früheren Hamburg-Filmen „Gegen die Wand“ oder „Auf der anderen Seite“ gibt es wieder viele Nachtszenen. Was stellt die Nacht mit Ihnen an?

Sie ist stets eine gute, geheimnisvolle Freundin für mich. Und ich habe ja früh angefangen, das Nachtleben zu erkunden. Mit 15, 16 Jahren war ich in der Hamburger Partyszene unterwegs. Ich hing mit DJs und Rappern ab, bis ich dann selber in Clubs aufgelegt habe. Dabei kam ich aus einem recht behüteten Elternhaus. Und da wurde es überhaupt nicht gerne gesehen, dass ich immer so lange wegblieb. Meine Eltern haben sich auch ernsthaft Sorgen um mich gemacht. Für mich bedeutete das damals jedoch eine Freiheit, die ich unbedingt auskosten wollte. Dabei kam ich auch mit illegalen und gefährlichen Dingen in Berührung. Die möchte ich meinen Kindern nun sicher ersparen. Aber mich haben sie entscheidend geprägt.

Wer war der Held Ihrer Kindheit?

Bruce Lee! Ich war fünf oder sechs, wir hatten zuhause noch keinen Videorekorder. Aber auf dem Super-8-Projektor meines Cousins habe ich mir immer wieder zusammengeschnipselte Kampfszenen aus seinen Filmen angeschaut. Von da an gehörte er zu meinem Leben. Bruce Lee war der Orientale in Hollywood, ein Außenseiter wie ich in Hamburg-Altona. Ich habe dann alle Kampfsportarten gemacht: Karate, Kickboxen, Taekwondo, Kung-Fu, schließlich Boxen. Im Ringen schaffte ich es sogar zum Hamburger Meister.

War er auch ein filmisches Vorbild?

Diese elegante Visualisierung einer Schlägerei – was heute Kino-Standard ist – geht auf ihn zurück. Weil ich Bruce Lee so bewundert habe, baute ich schon bei meinem allerersten Film „Kurz und schmerzlos“ Martial-Arts-Szenen ein. Aber Bruce Lee war nicht nur Kampfsport-Pionier und Schauspieler, er hat mich auch mit seiner Lebensphilosophie inspiriert. Seine Botschaft war: „Jeder Mensch kann wie Wasser sein. Wasser, das sich einem Gefäß immer wieder neu anpassen kann.“ Wenn ich das auf meine Filmarbeit übertrage, sehe ich jede Geschichte wie ein neues Gefäß. Es verlangt jedes Mal eine andere Ausdrucksform.

Erinnern Sie sich noch an den ersten Film, der einen bleibenden Eindruck auf Sie gemacht hat?

Mit meinem Bruder habe ich mal den ganzen Nachmittag bei Verwandten verbracht. Da war ich acht, und wir durften uns in deren Videothek einen Film anschauen. Ich wollte einen Kinderfilm, aber Cem, drei Jahre älter als ich, suchte „Zombie“ von George Romero aus. Das hat mich total verstört. Ich wollte mir deshalb eine Distanz schaffen. Und so habe ich versucht, dahinter zu blicken, mir zu beweisen: Das ist ja nur ein Film. Diese Auseinandersetzung war wohl so etwas wie ein erster Schritt, mich intensiver mit dem Filmemachen zu beschäftigen.

Haben Sie früh in Bildern gedacht?

Ich habe mir eher Stimmungen ausgemalt. Passt das Licht? Welche Musik würde die Handlung unterstreichen. Heute kann ich natürlich gezielt in Bildern denken.

Jüngst wurden Sie in die Oscar-Academy berufen, wo Sie künftig über die Vergabe des wichtigsten Filmpreises der Welt mitentscheiden – als deutscher Filmemacher. Sehen Sie sich auch uneingeschränkt so, als Deutscher?

Die Staatsbürgerschaft habe ich schon seit 1994, aber innerlich angenommen habe ich sie erst seit in der Zeit, in der ich auch mit dem Filmen begann. Vorher sagten die Eltern: „Du bist Türke!“ Auf der Straße hieß es : „Du bist Türke!“ Und auch Helmut Kohl hielt daran fest, bis 1998 die rot-grüne Bundesregierung die doppelte Staatsbürgerschaft voranbrachte. Da änderte sich auf einmal die öffentliche Wahrnehmung. Und ich habe mir gesagt: Du kannst nicht darauf warten, dass dich jemand zum Deutschen macht. Da gibt es keinen Ritterschlag oder ähnliches. Das muss aus dir heraus kommen. Ich habe dann losgelassen und mich nicht mehr wie meine Eltern an mein Herkunftsland geklammert. Ich liebe das Land meiner Eltern, aber ich bin Deutscher. Nicht als politisches Ideal, sondern als eine Selbstverständlichkeit.

Wie empfinden Sie die derzeitige Situation in der Türkei?

Das Land bedeutet mir sehr viel. Ich habe schließlich nicht nur Familie dort, sondern auch Freunde, darunter viele Künstler und Freigeister. Deren Situation bedrückt mich sehr. Etliche sind aus Angst auch schon nach Deutschland gekommen.

Und Sie? Trauen Sie sich derzeit, in die Türkei zu reisen?

Nein. Im Interesse meiner Kinder ist mir im Moment das Risiko einfach zu groß. Und ich weiß auch, dass mich mein Prominenten-Status nicht schützen würde, eher im Gegenteil. Ich möchte nicht ins Gefängnis gehen und zur Trophäe des Regimes werden.

Gibt es irgendwas, das Sie hoffen lässt?

Mit der Abkehr vom Westen ist eine sehr reaktionäre Entwicklung im Gang. Die jetzt angerichteten Schäden werden sehr lange zu spüren sein. Deshalb ist es um so wichtiger, dass Oppositionelle im Land bleiben – für die Zeit danach. Aber natürlich muss das jeder für sich entscheiden.

Was schauen Ihre Kinder für Filme?

Mein Sohn ist jetzt 12, und wir haben jetzt begonnen, gemeinsam Filme wie „Die Brücke“ von Bernhard Wicki oder es „Es geschah am hellichten Tag“ mit Heinz Rühmann zu schauen. Ich finde es sehr spannend, was ihm gefällt. Ich fordere ihn auch auf, Noten zu vergeben.

Deutsche Klassiker in Schwarz-Weiß?

Sicher. Irgendwann muss mal Schluss sein mit Pixar , Marvel-Comics und Disney.

Cannes, Oscar-Nominierung – was kommt als nächstes? Reizt Sie Hollywood?

Meinen nächsten Film drehe ich auch wieder in Hamburg – das Leben des Frauenmörders Fritz Honka nach dem Buch „Der goldene Handschuh“ von Heinz Strunk. Natürlich kann ich mir auch internationale Produktionen vorstellen. Aber da müssen Stoff und Produktionsumstände stimmen. Ich würde mir sehr gut überlegen, ob ich nach Los Angeles zum Drehen gehe und dann für 15, 18 Monate weg wäre. Da sind mir die Kinder einfach wichtiger. Selbst wenn ich zuhause am Schreibtisch arbeite und keine Zeit für sie habe, bin ich wenigstens physisch da. Das gibt mir ein besseres Gefühl.