Alexander Sokurow, 1951 als Sohn eines sowjetischen Offiziers geboren, studierte er zunächst Geschichte und erst dann Filmographie. Sokurow ist ein Schüler von Andrej Tarkowski. Er hat mehr als 20 Dokumentarfilme gedreht, ist aber vor allem wegen seiner nicht selten formal avantgardistischen Spielfilme berühmt. Sein Meisterwerk „Russian Ark“ (2002) besteht aus nur einer einzigen, 92 Minuten langen Einstellung. Sokurows neuer Film „Faust“ bildet den Abschluss einer Tetralogie über die Macht und wurde im September 2011 beim Filmfestival Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Sokurow lebt in Sankt Petersburg. Der Film kommt am Donnerstag in die Kinos.

Herr Sokurow, warum haben Sie sich für Goethes „Faust“ als Filmstoff entschieden, die größte Tragödie der Deutschen, und nicht für einen russischen Stoff wie etwa Puschkins Versepos „Eugen Onegin“?

Weil Goethes „Faust“ das Allergrößte überhaupt ist. Ein Werk, das von überall her zu sehen ist, in dem sich alles spiegelt.

Unter anderem Macht. Ihr „Faust“ schließt eine Tetralogie ab zum Thema Macht. Die ersten drei Filme zeigten Herrscher der Weltgeschichte, Diktatoren, nicht als Monster, sondern Menschen: „Moloch“ galt Hitler, „Taurus“ Lenin und „Sonne“ dem japanischen Kaiser Hirohito. Warum endet nun alles mit dieser literarischen Figur?

Wir haben aus der mythischen, literarischen Figur Faust eine lebendige gemacht. Auf diese Weise haben wir alle vier Filmfiguren gewissermaßen gleichgestellt. (In diesem Moment kommt Johannes Zeller, Darsteller des Faust, vorbei.) Sehen Sie: Faust ist ein realer Mensch aus Fleisch und Blut! Mit unserem Film wollten wir erkunden, wie eine so mythische, literarische Figur – der man als solche ja ein gewisses Grundvertrauen entgegenbringt, weil man glaubt, sie zu kennen – eigentlich als Mensch sein könnte. Und da haben wir festgestellt, dass Faust an allen möglichen Gebrechen leidet. Er hungert, ist krank, arm. Da mag er noch ein so genialer Geist sein – dass er ein Mensch ist, bleibt seine Achillesferse.