Ein Freund hatte mich gefragt, ob ich mitkommen wolle. Er hatte Karten für das „Fehlfarben“-Konzert am Freitag in der Volksbühne. Seiner Frau fehlte die Lust. Und ein anderer Freund hatte wahrheitsgemäß berichtet, dass ich früher viel „Fehlfarben“ gehört hatte. So sagte ich ohne Zögern zu. Denn tatsächlich: „Monarchie und Alltag“, 1980 veröffentlicht, bleibt eine der geilsten Platten, die ich je besaß. Das war nicht dieser „Ideal“-Quatsch. Das war ernst. Es schien zumindest so.

Ich hatte – zugegebenermaßen – ein wenig Angst davor, in einen emotionalen Strudel zurück gerissen zu werden, weil mir die Platte seinerzeit so viel bedeutet hat. „Paul ist tot, kein Freispiel drin“ – das entsprach Anfang der 80er nicht selten meiner düsteren Perspektive. Mehr noch der Refrain von „Gott sei Dank nicht in England“, dem Stück mit dem unglaublichen Drive: „Und wenn die Wirklichkeit dich überholt, hast du keine Freunde, nicht mal Alkohol. Du stehst in der Fremde, deine Welt stürzt ein. Das ist das Ende, du bleibst allein.“

Verzweifelte Liebe macht am meisten Spaß

Zig mal habe ich die Scheibe aufgelegt vor 35 Jahren, die Lautstärke-Regler stets bis zum Anschlag, im Zimmer oder im Auto mit den selbst gebauten Boxen hinten drin, dazu eine halbschwarze Van Nelle, beim Fahren am Lenkrad eigenhändig gedreht. Schule war egal damals. Und die Liebe machte am meisten Spaß, wenn sie einen verzweifelten Verlauf nahm.

Dann aber merkte ich rasch, dass meine Angst unbegründet war. Die Band wirkte routiniert. Der Gitarrist trug einen Anzug. Und der Keyboarder könnte ebenso gut bei der Sparkasse arbeiten. Die Musiker waren so wie ich. Sänger Peter Hein sagte, „Fehlfarben“ seien zwar „ewig gestrig, aber nicht von gestern“. Und so spielten sie noch ein paar neue Stücke. Das Publikum, überwiegend schwarz gekleidet, kam ebenfalls bloß bedingt in Stimmung.

Kein Exzess

Nach einer – wenn auch langen Zugabe – war Schluss. Es gab keinen Exzess, weder auf noch vor der Bühne. Hein öffnete eine Flasche Bier, nahm jedoch bloß zwei Schluck und stellte sie ab. Nach der Pause kam er mit einer neuen Flasche. Er schien die erste vergessen zu haben. Es tanzten in der ersten Reihe lediglich zwei zwanzigjährige Groupies auf eine Art und Weise, die bewies: Sie haben das alles nicht verstanden.

Niemand hatte etwas falsch gemacht. Es war allein so, dass sich zwar eine Musik reproduzieren lässt, doch nicht die Emotion, die sie einst auslöste. Niemand steigt zweimal in denselben Fluss. Die Band wusste das aus Erfahrung besser als wir.

Schön und erhebend war die Gewissheit, mit lauter Menschen in einem großen Raum versammelt zu sein, die einst ein ähnliches Lebensgefühl gehabt haben müssen wie ich. Wir waren viele und sind es noch. Die Gewissheit ist so geil wie die Platte, die unserer Existenz Ausdruck verlieh.