Buntes Gedränge, wilde Klänge: Blumenkinder in Dransdorf.  
Foto: BLZ/Nikolaus Bernau

Dransdorf bei BonnEr ist vorbei. Für dieses Jahr. Der Karnevals-„Zoch“ in Dransdorf, einem einstigen Gutsbezirk, der schon vor Jahrzehnten nach Bonn eingemeindet wurde. Die mächtige Kirche überragt die kleinen, sauber gefliesten Häuser an gewundenen Straßen, die einstige Burg ist nun eine Villa mit Graben und Brücke davor. An der Burgkapelle sitzen Kinder, vergleichen die Beute: Süßigkeiten in zahnarztfreundlich großer Menge, dazu Tempotaschentücher, Plastikschweinchen mit Schlitz der Sparkasse, Pralinenpackungen, Qietscheentchen …

Karneval im Rheinland, das sind vor allem die unzählbar vielen Veranstaltungen in den kleinen Städten, den Vororten und Dörfern zwischen 11. November und Aschermittwoch, damit wie am Sonnabend endlich das Dreigestirn aus Prinz Dieter II., Bauer Hans-Robert und Jungfrau Siegfrieda angemessen geehrt werden kann – „Jubelgrundstellung einnehmen“, befahl der bunte Clown, der die 15 Wagen und 61 teilnehmenden Gruppen vor der Kirche begrüßte. Die SPD-Ortgruppe „Roter Stern Dransdorf“ lästerte böse über den chronisch unpünktlichen Nahverkehr im CDU-regierten Bundesland. Die üblichen Garde-Regimenter, Kindergruppen, Hunnen, Indianer, mit viel Grün bewachsene Naturschützer warfen von hohen Wagen oder direkt ihre üblichen Gaben in die jubelnde Menge.

Hits des antifaschistischen Liederbuchs

Im Hof eines einstigen Bauernhauses dampfen nach dem „Zoch“ schon die Würstchen, blubbern die Suppen, die Torte mit vielen kleinen Schnapsflaschen drin ist auch schon geschlachtet. Die ganz Kleinen zischen aufgekratzt herum, verfolgt von den noch nicht so Großen mit geklauten Beilen, Schwertern und anderem martialischem Gerät aus Holz oder Pappe. Plastik sieht man hier selten. Die Großen zischen Kölsch und Schnäpschen, Limo dagegen ist ziemlich gut versteckt unter der Treppe. Wie diese erscheint auch die einstige Scheune am Hofrand nur bedingt standfest, ein Lastwagen rottet als Deko vor sich hin.

Aushang mit klarer Botschaft: Politisch ist man in Dransdorf eher links positioniert.
Foto: BLZ/Nikolaus Bernau

Die Band spielt Hits des antifaschistischen Liederbuchs, später werden im Solo alternative Kampflieder der 1980er-Jahre mit rasendem Ukulele-Klang gegeben. Zwischendurch klirren die Lautsprecher: Schlager, Nena, Rosemarie, Spaniens Nächte und auch Helene Fischer. „Atemlos durch die Nacht“ – das ist ein Song nach rheinischer Karnevals-Lebensart, alles singt und grölt mit, seis Jung oder Alt. Und dann die Karnevals-Klassiker wie „Kölle Du min Stadt am Rhin“ oder seit 2016 ungeheuer populär gewordene „Lev Marie, ich bin kein Mann für aaaaine Nacht …“

Für Auswärtige auffällig: Die weitere Umgebung Kölns übernimmt hemmungslos dessen Lokalpatriotismus, die eigenen Lieder scheinen derzeit fast ausgestorben zu sein. Allerdings, zwinkert einer der Enthusiasten des Dransdorfer Karnevalsvereins – „das kommt wieder.“ Karneval feiern hat viel zu tun mit der Einsicht, dass sich die Zeiten ständig ändern.

Ohne post-post-postkoloniale Aufregungen

Auch auf dem Dorf und im Vororten verschmelzen die Grenzen zwischen den Generationen, sozialen Klassen, Ost und West, Hetero- und Homonormativität, Post-Migranten, Migranten und schon ganz lange nicht mehr Migrierten zu einem großen „Wir sind einfach toll“. Post-post-postkoloniale Aufregungen verdunsten da im gemeinsamen Rausch.

Man mag in karnevalslosen, also freudlosen Gegenden fordern, nach all dem Unglück, das Europa in den vergangenen Jahrhunderten über die Welt gebracht hat, könne ein „weißer“ Mensch nicht wie ein „Indianer“ aus den Büchern Karl Mays herumzulaufen, mit Federn und Lederhemd. Auch Mützchen und Zopf eines chinesischen Richters aus dem Völkerkundehandbuch des 19. Jahrhunderts ginge nicht, Hunnin in Fell und Lederrüstung oder gar Pakistanerin mit leuchtendem Kopfschmuck schon gar nicht, der irgendwie auch ägyptisch anmutet. Das alles verletzte „die Identität“ von Anderen.

Wem im Karneval, in dem der Wandel des Selbstbewusstseins Pflicht ist, nicht auffällt, wie nah sich die Beschwörer einer einseitigen Identität von ganz Links und die von ganz Rechts letztlich oft stehen, dem fällt das wohl nie auf. Hier geht nämlich alles. Da wird nicht gefragt, ob man Kindern Kostüme antun könne, weil diese die Unterschiede zwischen Sein und Schein doch noch nicht erkennen könnten. Eine Dame mit Bienchen-Wippern auf dem Kopf fragt mich im Gespräch: Das meinen die nicht ernst – oder? Und so wandelt der Kardinal in Purpur und die Band trägt Sombrero mit „originalem“ Poncho. Nur Blackfacing, das geht wirklich nicht mehr – dafür zieht der sehr dunkelhäutige Nachbar keck die krause Mohrenperücke (sicher aus China …) über die Ohren.

Feiern nach Hanau: Wie soll das gehen?

Aber kann man denn lustig feiern so kurz nach dem Anschlag in Hanau? Ist das nicht pietätlos? Müssten nicht wenigstens so wie gerade in Mainz irgendwelche Kommentare im Zoch gemacht werden? Die Frage alleine, mit ganz unkarnevalistisch strengem Blick mitgeteilt, zeige, dass man noch sehr integrationsbedürftig ins Rheinland sei. Es sei egal, „egal ob Rosenmontagszug, Fronleichnam oder Gay Priiide, im Rheinland gilt: Hauptsache dä Zoch kütt.“, habe eine neue Prinzessin kürzlich verkündet.

Dass man 1991 vor anlässlich des Zweiten Golfkriegs alle Karnevalsveranstaltungen abgesagt habe, das sei einfach absurd gewesen. Rheinländer ließen sich den Karneval nicht verbieten, diese mythisch bis in die römische Zeit zurück gehrte Institution: 2001 fand eben der „Geisterzoch“ statt, in Trauerschwarz und mit dumpfem Getrommel. Es ginge nicht um Gefühlslagen, sondern um Gemeinschaft. Das verstünden die vielen Nicht-Kenner des rheinischen Karnevals, seiner schwäbischen oder brandenburgischen, thüringischen oder bayrischen Schwestern einfach nicht.

Hauptsache, der Zug rollt: Mit Traktorkraft und wackligem Pappmaschee.
Fotos: BLZ/Nikolaus Bernau

Der Clown vor der Kirche ruft ein letztes „Alaaf Bonn Orange“, die Straßenreinigung wird bejubelt, dann: „Bis zum nächsten Jahr“. Und alles hofft, dass der Sturm wieder einmal den Karneval in Düsseldorf und in Mainz verhagelt, die Kölner und Bonner aber wetterfest bleiben. Unvergessene Siege im lokalpatriotischen Konkurrenzkampf.