Als blinde Passagierin zum Putzen verdonnert: Lisa (Heike Makatsch).
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BerlinEs wäre schade, wenn allein das Genre des neuen Films von Philipp Stölzl potenzielle Zuschauer vom Kino fernhielte. Es ist ein Musical. Bitte, lesen Sie weiter. „Ich war noch niemals in New York“ hat Charme, obwohl der Film aus Deutschland kommt. Mit Regina Ziegler und Nico Hofmann waren hier jene Produzenten am Werk, die es schaffen, Geld und Aufmerksamkeit zu organisieren. An die zehn Jahre dauerten die Vorbereitungen, das Budget umfasste 12,5 Millionen Euro.

Kino-Trailer zu "Ich war noch niemals in New York"

Quelle: Youtube

„Ich war noch niemals in New York“: Prima Pointen

Die Musik stammt von Udo Jürgens (1934–2014), dessen Schlager nicht in Banalität verhungerten, weil er sie mit dem französischen Chanson und amerikanischen Swing gefüttert hat. Doch die große Zeit des Musikfilms, der eine Revue auf die Leinwand übersetzte, ist lange vorbei. Das Kino funktioniert heute anders. „A Star Is Born“ zum Beispiel oder „Rocketman“ sind Filme, die Musik zum Thema haben. Die Zahl geglückter Musicalfilme der Gegenwart, in denen die Figuren harmonisch vom Sprechen ins Singen und Tanzen wechseln, ist klein. Da gibt es „Mamma Mia!“, „La La Land“ und in diesem Jahr „Blinded by the Light“.

Der letzte deutschsprachige Erfolg stammt aus dem Jahr 1988 mit der Grips-Adaption „Linie 1“. Wie bei diesem hatten die Filmemacher den Stoff jetzt schon als Bühnenfassung vor Augen. Stage Entertainment brachte „Ich war noch niemals in New York“ vor zwölf Jahren zunächst in Hamburg zur Uraufführung und ließ es auch in anderen Städten wie Berlin spielen. Zwar erzählt die Produzentin Regina Ziegler, die auch Udo Jürgens’ Lebensgeschichte „Der Mann mit dem Fagott“ umgesetzt hat, sie habe das Potenzial des Stücks erkannt, als die Zuschauer in Hamburg auf den Sitzen tanzten, doch gelten beim Film andere Gesetze als bei einer Live-Show.

Der Handlungsbogen im Drehbuch von Philipp Stölzl, Alexander Dydyna und Jan Berger reicht weiter, viel mehr Figuren agieren, es gibt mehr Episoden und unzählige sorgfältig gesetzte Pointen. Es kommen auch etwas weniger Udo-Jürgens-Songs zum Einsatz, oft im Text variiert und nie von Anfang bis Ende durchgesungen.

Vielleicht konnte sich Philipp Stölzl, der in den 90er-Jahren mit Musikvideos für Rammstein angefangen hatte, sich so gut in das Genre Musical hineindenken, weil er sowohl mit großen Kino- als auch Bühnenstoffen, vertraut ist – er drehte „Goethe!“ mit Alexander Fehling und verfilmte den Bestseller „Der Medicus“, er inszeniert Opern in Berlin, Wien und München.

Klischees werdenderart überreizt

Stölzl macht es insofern spannend, als dass der Anfang zwar schon die bunten Farben des Films vorgibt, allerdings dumme Karrierefrau-Klischees so überreizt, dass man zu fürchten beginnt, welche Scherze noch aus der Klamottenkiste gezogen werden. Lisa, eine Fernsehmoderatorin mit Star-Allüren (Heike Makatsch) erfährt, dass ihre von ihr vernachlässigte Mutter (Katharina Thalbach) nach einem Sturz aus dem Krankenhaus geflohen ist und sich auf ein Luxusschiff mit Ziel New York hat bringen lassen.

An Bord endlich, in dieser abgegrenzten Unterhaltungswelt – „aber bitte mit Sahne“ –, findet der Regisseur sein Thema, den richtigen, in Massenszenen synchron inszenierten Schwung und das perfekte Komödien-Timing. Lisa entdeckt zwar die Mutter, kommt aber nicht mehr vom Schiff herunter, wo sie als blinde Passagierin zum Putzen verdonnert wird, wobei sie nun auch den schüchternen Witwer Alex (Moritz Bleibtreu) trifft. Makatsch und Bleibtreu präsentieren sich als Musical-Traumpaar, in witzigen und emotionalen Momenten.

„Ich war noch niemals in New York“: Witziges Wasserballett

Lisas Mutter empfindet derweilen Zuneigung zu einem Eintänzer an Bord (Uwe Ochsenknecht). Katharina Thalbach spricht mehr als sie singt, doch ihre Entwicklung vom tüdeligen Altchen über die Kämpferin ohne Gedächtnis zur jungbrunnengetauchten Frau spielt sie mit großer Ausstrahlung. Und Uwe Ochsenknecht erweist sich als verführerischer Sänger, seine Figur entdeckt unter der schmierigen Gigolofassade ihr altes junges Herz.

Pasquale Aleardi (Mitte) als Costa in einer Szene des Films "Ich war noch niemals in New York" (undatierte Filmszene).
Foto: Universal Pictures/dpa
Zum Film

Ich war noch niemals in New York Dtl./Österr. 2019.
Regie: Philipp Stölzl,
Drehbuch: Philipp Stölzl, Alexander Dydyna und Jan Berger,
Kamera: Thomas Kiennast. Darsteller: Heike Makatsch, Moritz Bleibtreu, Katharina Thalbach, Uwe Ochsenknecht u.a.
129 Minuten, Farbe, FSK 0

Nun passt alles zusammen, der harmonische Übergang vom Sprechen zum Singen und die Tanzeinlagen vom Wasserballett bis zum Fred-Astaire-Step. Es gibt Verwechslungen und verpasste Chancen, Optimismus, Melancholie und die Angst vor der Wahrheit. Die Szenen sind manchmal spiegelbildlich gegeneinander geschnitten oder ziehen sich in Etappen über die Ebenen des Schiffs, vom Sonnendeck in den Saal zum Mannschaftsquartier. Und immer gibt es einen sprechenden Song von „Ich weiß, was ich will“, „Gib mir deine Angst“ bis zu „Griechischer Wein“ oder „Siebzehn Jahr, blondes Haar“. Das titelgebende „Ich war noch niemals in New York“ ist nicht nur der Auslöser für die verwirrte Rentnerin, auf Reisen zu gehen, es begleitet auch ein chaotisches Happy End, in dem erstaunlicherweise alle losen Erzählenden gewitzt verknäult werden. Kaum vorstellbar, dass jemand aus diesem Film nicht beschwingt hinausgeht.