Jörg Pose als Jedermann in den Armen von Natali Seelig als Buhlschaft, zu bei Schmalz zugleich als Tod auftritt. 
Foto: Arno Declair

BerlinMan hätte alarmiert sein können, weil Ferdinand Schmalz in den ersten Sätzen so eine Art poetischen Manifests ausrufen lässt. Mit „Jedermann“ ein Stück Hugo von Hofmannsthals überschreibend, das in irrer Traditionsversessenheit seit einhundert Jahren vor dem Salzburger Dom runtergenudelt wird, greift der erfolgreiche österreichische Dramatiker auch auf den berühmten Lord-Chandos-Brief seines Vorgängers zurück. Darin verliert ein aristokratischer Poet die Fähigkeit zu dichten, weil er die konkreten Erscheinungen der Welt durch die Abstraktionen der Begriffe nicht mehr fassen zu können glaubt.

Die Fiktion des Geldes

Die Worte, so schreibt der Lord − seinen Selbstzweifeln zum Trotz ein sehr anschauliches und zutreffendes Bild verwendend − zerfielen ihm wie modrige Pilze im Munde. Bei Schmalz ist es die Zunge selbst, die modert. Auch ein schönes Bild, das die Sprachverdrossenheit in eine Weltverdrossenheit steigert. Zugleich aber feiert sich der Dramatiker mit Wortverliebtheit, die sich gegen das eigene Werk richtet: „die letzten worte, / die allerletzten, / sind noch nicht gesprochen, / vergänglich sind wir, / noch nicht, / noch nicht/ hinfällig verfault / noch nicht, / noch nicht / sind nicht gefallen, / zumindest nicht auf den kopf gefallen, / oder besser / den mund gefallen / es mundet in uns, / wir münden noch nicht.“ Und so weiter mit „modrigen zungen“.

Der Preis solcher Poetik ist, dass die Handlung stillsteht, dass die Sprecher egal sind, dass die Personifizierungen − Werke, Mammon, Glaube −, die bei Hofmannsthal am reichen Jedermann in seiner Todesstunde vorbeidefilieren, in Schmalz’ „jedermann (stirbt)“ den Zuschauern als kontext- und absenderlose Textflächen ins Nichts segeln.

Nicht neu und nicht so ernst gemeint

Wenn der Held bei Hofmannsthal zu einem Jedermann wird, reduziert ihn Schmalz weiter zu einem Niemand. Ist der Zweifel überwindende Gottglaube bei Hofmannsthal ein Trost für den Sterbenden, ersetzt ihn Schmalz durch den Glauben an die Fiktion des Geldes. So klingt besagtem Niemand in der Todesstunde keine Glocke vor dem geistigen Ohr, sondern ein bloßes Ticken. Das Leben ist nur eine Ableitung der Zeit. Mit der Sprache sind die Bedeutungen geschrottet. Der Gegensatz von Kultur und Natur ist aufgelöst. Das In-der-Welt-Sein ist ein Ausharren im Verdauungstrakt des Nichts. So richtig neu und ernst gemeint ist das alles nicht. Auch nicht der Widerspruch, dass man trotz solcher Erkenntnisse ins Theater geht oder gar Zeitung liest, zumal der Berichterstatter sich ganz offenbar in die Sackgasse assoziiert hat.

Immerhin, Assoziationen! Die sprächen zumindest für eine gewisse Inspiration. Ehrlich gesagt, war davon im Theater selbst nichts zu merken. Da wohnte man zunehmend mürrisch, dann geistig erledigt einer anderthalbstündigen anstrengenden, weltabgewandten Kunstübung bei. Schauspielerinnen und Schauspieler akzentuieren ihre Texte silbenweise, laden ihre Blicke mit Wichtigkeit und Staunen auf und schicken sie zumeist ins Publikum, wenn sie nicht mit ansatzlosen Bewegungen beschäftigt sind. Dazu erklingt mit ruhigem dissonantem Atem und mit Posaune, Klarinette und Kontrabass schön löchrig instrumentierte An- und Abschwellmusik.

Ein letzter Schnaufer

Die Wortworte purzeln in die Kunstkunstwelt und zerfallen unter einem schief und kopfüber im Theaterhimmel hängenden klassizistischen Portal. Vier Mikrofonständer, Gummibäume sowie ein mit Split bestreuter Boden bilden den abstrakten Raum. Eigentlich hätte der Seufzer des Überdrusses, mit dem Jörg Pose in der Titelrolle den Mund aufmacht, gereicht. Was folgt, ist die kraftlos-bemühte Ausdeklination eines letzten Schnaufers. Dieses vor zwei Jahren im Burgtheater uraufgeführte, mit dem Nestroy-Preis ausgezeichnete Schmalz-Stück braucht weniger eine texttreu-weihevolle Aufführung, wie sie der georgische Regisseur Data Tavadze eingerichtet hat, dieses Stück bettelt um seine Widerlegung und Zerstörung.

jedermann (stirbt) 7., 28. März; 3., 13. April, Deutsches Theater (Kammerspiele), Karten, Zeiten T.: 28441225 oder: deutschestheater.de