Berlin – An diesem Sonntag läuft kein Vorspann von „Tatort“ oder „Polizeiruf“ in der ARD. Dafür sitzen zwei Männer in einer Umkleidekabine und sprechen den Zuschauer an. Bjarne Mädel spielt den Kommissar, der für Gerechtigkeit sorgen und das Böse bestrafen will. Klaus Maria Brandauer als Anwalt dagegen verteidigt den Rechtsstaat – was denn sonst.

Die ARD trommelt seit Wochen für dieses angeblich „einzigartige“ Fernseh-Experiment, das deshalb so „außergewöhnlich“ sei, weil die beiden Perspektiven in zwei separaten Filmen eingenommen werden. Doch so neu ist dieses parallele Erzählen selbst für die ARD nicht. Oliver Hirschbiegel hat schon vor 29 Jahren mal einen solchen Doppel-Krimi inszeniert – und bei „Mörderische Entscheidung – Umschalten erwünscht“ konnte der Zuschauer sogar zwischen den Versionen von ARD und ZDF hin und her wechseln. Bei „Feinde“ muss sich der Zuschauer für eine Variante entscheiden, kann die andere Version dann hinterher sehen.

Die Vorlage von Ferdinand von Schirach basiert auf einem realen, medial bereits zigfach diskutierten und verfilmten Fall. 2002 war der elfjährige Sohn eines Bankiers entführt worden. Die Polizei in Frankfurt am Main hatte den Empfänger des Lösegelds verhaftet und ihm Folter angedroht, um den Jungen zu retten, nicht wissend, dass er bereits ermordet worden war. Der ZDF-Film „Der Fall Jakob von Metzler“, mit Robert Atzorn in der Rolle des Polizeipräsidenten, bereitete das Geschehen 2012 auf und wurde mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.

Der fiktive „Feinde“-Fall spitzt nun das Geschehen zu: Der Täter, der eine Zwölfjährige entführt hat, ist weitaus raffinierter als der reale Entführer von 2002, hinterlässt keinerlei Spuren – und die Folter wird ihm nicht nur angedroht. Die ARD-Version „Gegen die Zeit“ folgt dem Kommissar – und wie zerrissen Bjarne Mädel diesen Familienvater in einem brutalen Dilemma spielt, erst frühmorgens im Waschraum allein mit dem Verdächtigen, später im Gerichtssaal im Kreuzverhör des Verteidigers, das ist tatsächlich ein Fernsehereignis.

Die parallel zuerst in den Dritten laufende Variante „Das Geständnis“ dagegen bringt bei weitem nicht den zusätzlichen Gewinn, den die ARD versprochen hat. Klaus Maria Brandauer gibt hier einen betont selbstgefälligen Verteidiger des Rechtsstaats, der in keinem Dilemma steckt, sondern nur seinen Job macht. Seinen großen, rhetorisch geschliffenen Auftritt vor Gericht hat der Zuschauer aber schon in der anderen Variante erlebt. Die zusätzlich eingestreuten Ausflüge in sein Privatleben sind komplett überflüssig und störend, auch wenn die Mitspieler mit Samuel Finzi (als Arzt) und Ulrike Kriener (als Partnerin des Anwalts) gut besetzt sind.

Am besten ist die Kurzfassung in der Mediathek

Richtig ärgerlich aber ist der dritte Film des Projekts, nämlich die ARD-Doku „Recht oder Gerechtigkeit“. Die Autoren Susanne Laermann und Jan Vogelgesang erklären dem offenbar für begriffsstutzig gehaltenen Laien noch mal lang und breit die juristische Sachlage zum Thema Folter-Verbot und lassen ihren Star-Autor Ferdinand von Schirach ausführlich zu Wort kommen, der so tut, als wäre er der Erste, der sich diesem Thema widmet. Auf die fragwürdigen Zuschauerabstimmungen konnte die ARD auch bei diesem Schirach-Projekt nicht verzichten – auch wenn diesmal nicht das Fernsehpublikum, sondern eigens gecastete Testgruppen aus Polizisten, Eltern und Juristen befragt werden, die, welche Überraschung, unterschiedliche Auffassungen zur verbotenen „Rettungs-Folter“ haben.

Dass man für das Ganze nicht geschlagene dreieinhalb Stunden vor dem Fernseher hocken muss, sondern alles komprimiert in einer Dreiviertelstunde erleben kann, das beweist der Regisseur Nils Willbrandt mit der Kurzversion des „Feinde“-Projekts, die mit geteilten Bildschirmen arbeitet. „Der Prozess“ steht ausschließlich in der ARD-Mediathek.

Viermal „Feinde“ nach Ferdinand von Schirach: „Gegen die Zeit“ – So, 3.1., 20.15 Uhr ARD, 21.45 Uhr RBB; „Das Geständnis“ – 20.15 Uhr RBB, 22.30 Uhr ARD; Doku „Recht oder Gerechtigkeit“ – 21.45 Uhr ARD; Kurzfassung „Der Prozess“ – in der ARD Mediathek