Szene aus „Gott“. Von links nach rechts: Judith Engel, Josefin Platt, Ingo Hülsmann, Martin Rentzsch und Veit Schubert.
Foto: BE/Matthias Horn

BerlinIrgendetwas muss Ferdinand von Schirach goldrichtig machen. Es ist etwas, das mit dem eigentlichen Gegenstand seines Tuns, dem Schreiben, wenig zu tun haben kann. Jedes seiner Bücher landet quasi blind auf den Bestsellerlisten. Und seine Stücke, die genau genommen keine Stücke sind, sondern fleißig zusammengetragene, multidisziplinäre Expertenverhandlungen mit überschwappendem Belehrungs- und Sendungseifer, schaffen es in Windeseile auf die Spielpläne von einem Dutzend großer Stadttheater, während sie bereits verfilmt werden und schon als Buch im Handel sind. Seit Donnerstagabend nun jedenfalls brummt die Schirach-Maschine wieder. Im Berliner Ensemble und im Düsseldorfer Schauspielhaus kam zeitgleich sein neues Stück „Gott“ zur Uraufführung.

Um Religion geht es nur nebenbei in dieser neuen Gesprächsanordnung, aber um eine ethisch so sensible wie umstrittene Frage schon: „Soll ein Arzt bei einem Suizid helfen? Wäre das ethisch richtig?“, fragt der Vorsitzende des Deutschen Ethikrates gleich zu Beginn von der Bühne hinab ins coronaluftige Parkett und markiert damit auch gleich die Spielanordnung des Abends: Wir alle sind Mitglieder des Ethikrates und hören uns in den kommenden zwei Verhandlungsstunden den Fall einer Frau Gärtner an, der Josefin Platt zwar eine bedenklich labile Verfassung leiht, die aber eisern zum Sterben entschlossen scheint, weil das Leben ohne ihren verstorbenen Mann für sie sinnlos geworden sei. Dafür braucht die 78-Jährige die Hilfe eines Arztes, die jedoch nicht leicht zu finden ist, obwohl die Rechtslage klar zu ihren Gunsten steht. Soll ihr geholfen werden? Wir werden am Ende abstimmen.

Erst im Februar diesen Jahres beschloss das Bundesverfassungsgericht jenen Paragraf 217 zu kippen, nach dem sich Ärzte strafbar machten, wenn sie auf Verlangen ein Suizid-Medikament verschrieben. Erst jetzt also, nachdem diese Hilfe straffrei ist, kann die im Grundgesetz festgelegte „freie Selbstbestimmung“ jedes Menschen in vollem Umfang auch möglich werden. Und die besteht eben auch in der Freiheit, sich selbst zu töten. Immer wieder wird an diesem Abend diese höchst liberale Rechtslage erklärt, zuerst von dem distinguierten Vorsitzenden mit schiefer Fliege (Gerrit Jansen), dann von der scharfsinnigen Rechtssachverständigen Professor Litten, die Judith Engel im hellrosa Hosenanzug und Turnschuhen als die klarste, lichteste Gestalt der sonst düsteren Versammlung gibt.

Trotz dieser Klarheit aber bleibt noch vieles offen. Und das werfen die beiden anderen Sachverständigen in die Arena: ein Vertreter der Ärztekammer und ein katholischer Bischof. Ingo Hülsmann verteidigt seine Ärzte dabei so aalglatt wie ein Dax-Unternehmer seine Dividende, indem er sie „dem Leben“ verpflichtet erklärt, nicht dem Sterben. Und Veit Schubert überantwortet selbstredend alle Entscheidung über Leben und Tod letztinstanzlich Gott.

Auch wenn beide Argumente bekannt sind, lodert hier zumindest der kleine ethische Glutkern auf, der eigentlich das ganze Stück hätte aufmischen sollen. Denn so frei die Suizid-Beihilfe strafrechtlich ist, so frei ist sie eben auch von jeder medizinischen oder ethischen Pflicht. Niemand kann zur Sterbehilfe gezwungen werden, denn die Freiheit des einen grenzt an der Gewissensfreiheit des anderen. Hier könnte eine Diskussion beginnen. Darüber zum Beispiel, ob Selbst- und Fremdbestimmung, die gerade hier so wichtig sind, überhaupt brauchbar voneinander zu trennen sind. Wo fängt die Autonomie an, hört das Gemeinschaftswesen auf? Wie soll ein Sterbehelfer prüfen, ob die Entscheidung eines Sterbewilligen frei getroffen ist oder nur einer fatalen Krisensituation entstammt. Oder müssen nicht individuelle Umstände überhaupt egal sein für eine prinzipielle Entscheidung, die die Autonomie des Sterbewilligen voll respektiert? Wer spielt nun eigentlich Gott: derjenige, der sich einer Sterbehilfe verweigert oder der ihr nachgibt? Aber nichts von alldem.

Wie schon in seinem Erfolgsstück „Terror“ (2015), das um die Frage kreiste, ob der Abschuss einer entführten Passagiermaschine, die auf ein voll besetztes Stadion zurast, gerechtfertigt ist, wird hier in maximaler Zuspitzung ein Dilemma konstruiert, das schließlich nur in permanenter Begriffs- und Ebenenverwischung durch die Disziplinen jagt. In „Terror“ wurde eine rechtliche Frage gefühlsethisch verbrämt, hier nun wird ein ethisches Problem allein mit leeren Rechtsbegriffen und vatikanischen Dogmen versorgt. Oliver Reeses Inszenierung muss man dennoch zugute halten, dass sie den Text schärfer und lebhafter in die helle Treppenkulisse setzt, als er auf dem Papier steht. Das Grundproblem aber bleibt: Die ethische Diskussion, die er ankündigt, findet nicht statt. Abgestimmt wird am Ende trotzdem: Gibt es Zweifel, wie die Entscheidung ausfiel?

„Gott“ – wieder am 12.9., 19.30 Uhr, 13.9., 15 und 19 Uhr, im Berliner Ensemble, Tel.: 030 - 28 408 155