Mut zum Zweifel.
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In einem seit einer kleinen Ewigkeit im Fernsehen ausgestrahlten Werbespot verkündet ein etwas streberhafter Jungmensch, er habe sich eine neue Matratze gekauft. „Hat mich ein Vermögen gekostet“, tut er einem Gleichaltrigen kund. „Aber Qualität hat halt ihren Preis.“

Wir ahnen, dass er am Ende dieser kleinen Unterredung der Verlierer sein wird. In der Welt der Werbung ist dies fast immer einer, der mehr bezahlen muss als andere. In der Konsumgesellschaft ist der Preis nun einmal das Maß der Dinge und die Schnäppchenjäger halten sich zugute, die Cleveren zu sein. In einem anderen Clip etwa geht es um den sogenannten Provisionsschmerz, der entsteht, wenn man für sich die falschen Haushaltsentscheidungen trifft. In dem Clip fasst eine Männerhand auf einen heißen Grill und eine Frauenhand greift in einen stacheligen Kaktus. Und das alles nur, weil sie sich die Gelegenheit entgehen ließen, eine zum Verkauf stehende Immobilie kostenlos über ein Internetportal bewerten zu lassen. Konsum schmerzt. Die kleinen Niederlagen beim Einkaufen werden auf diese Weise zu existenziellen Dramen stilisiert.

Das Gegenüber des etwas verkniffen wirkenden Matratzenkäufers ist ein junger Hipster. Dem Coolen fliegt alles zu, für guten und gesunden Schlaf glaubt er, nicht allzu viel ausgeben zu müssen.

Als älterer Mensch weiß man es natürlich besser. Man kann gar nicht früh genug damit beginnen, sich Gedanken über eine angemessene Unterlage zu machen. „Denn wie man sich bettet, so liegt man“, hat Bertolt Brecht gedichtet, „es deckt einen da keiner zu/ und wenn er tritt, dann bin ich es/ wird einer getreten, dann bist’s du“.

Berühmt geworden ist der Song von Brecht/Weill aus der Oper „Aufstieg und Fall Stadt Mahagonny“ in der Version von Lotte Lenya, es gibt auch eine Fassung von Hildegard Knef, eine weitere von Ute Lemper. Das Lied ist ein Divenklassiker und handelt vom Gebot der Selbstbehauptung im alltäglichen Überlebenskampf. Im Brecht’schen Kosmos dürfte die Frage, ob einer mehr oder weniger bezahlen muss, trotz der auffälligen Lust am und Begabung fürs Geldausgeben des Autors allenfalls eine untergeordnete Rolle gespielt haben. Und gewiss ging es ihm auch nicht um die längst gesinnungsethisch aufgeladene Wahl zwischen Natur- und Kunstfaser. Künstelei und Dünkel waren des Dichters Sache nicht. „Da muss man seine kurze Zeit benützen/ Ein Mensch ist kein Tier.“ Es fasziniert noch immer, wie zeitlos aktuell Brechts Lyrik anmutet, für die Kurt Weill so herrlich passende Töne gefunden hat.

In der Matratzenwerbung wird der Coole als Held der Geschichte dargestellt. Er weiß, wo der Hase lang läuft, und glaubt, einfach nur abwarten zu müssen. In einer Welt, in der es darauf ankommt, seine Gelegenheiten zu nutzen, gibt es keine Rückenschmerzen.

Es sieht so aus, als fände der Spot Widerhall beim Publikum. Früher wäre der Bettenkauf als Vertrauenssache inszeniert worden, inzwischen reichen ein paar Klicks für die Bestellung einer temporär zu nutzenden Unterlage – wie im Schlaf.

Mir ist der Hipster, der anscheinend die richtige Entscheidung getroffen hat, zutiefst unsympathisch. Er blickt herablassend auf seinen Kumpel, der einen viel zu hohen Preis entrichtet hat. Seine triumphale Selbstgerechtigkeit wirkt auf mich abstoßend, aber womöglich befinde ich mich mit meiner Reaktion in einer Minderheit. Selbstgerechtigkeit ist weit verbreitet, Skepsis und Selbstzweifel hingegen sind verpönt. Beruflich bringen sie nicht weiter, privat möchte man von derlei Haltungen nicht umgeben sein.

Aber was ist es, das die Haltung der Selbstgerechten so attraktiv macht? In der Wirtschaft erzielen deren Akteure hohe Umsätze, in der Politik gewinnen sie Wahlen. Die sozialen Kanäle des Internets sind voll vom Gedröhne, mit dem irgendwelche Schlaumeier die Welt erklären, und man nimmt staunend zur Kenntnis, wie viel erregte Anschlusskommunikation die frei flottierende Kakophonie des Halbwissens auszulösen vermag. Die Selbstgerechten sind stolz auf ihre Wut, immer häufiger drängt ihr allenfalls diffus artikulierter Unmut sie auf die Straße.

Den Zweiflern indes traut man nicht über den Weg. Selten ein Hinweis, dass jemand sich geirrt oder seine vorangehenden Überlegungen noch einmal überdacht habe. Wenn eine Korrektur eingestanden werden muss, erscheint sie als lästiges Übel. Von einer durch Selbstbewusstsein geprägten Fehlerkultur keine Spur.

Dabei wäre es Zeit für eine neue Demut und die Wiederbelebung der Kulturtechnik des Zweifelns. In der Krise, für die die akute Pandemie vermutlich nur ein Vorläufer ist, könnte einiges davon abhängen, neue Perspektiven aus dem Umgang mit Ungewissheiten zu gewinnen. Die einfache Marktorientierung des Neoliberalismus, in dem die Richtigmacher mit den schnellen Entscheidungen am Drücker waren, ist an ihr Ende gelangt. Jetzt, wo viel von einer zweiten Welle die Rede ist, könnte es sein, dass die Zeit des zweiten Gedankens erst noch bevorsteht.