Young Euro Classic "Paris: Drehbühne der Welt"
Foto: Kai Bienert | MUTESOUVENIR

BerlinIn Zeiten, da sich kaum ohne schlechtes Gewissen eine Reise ins Ausland unternehmen lässt, will das coronabedingt umgestaltete Festival Young Euro Classic doch wenigstens das Fernweh stillen. Verschiedene Musikmetropolen hat man in den Mittelpunkt der Abende gestellt, neben Wien und St. Petersburg nun also Paris.

Am Mittwochabend wurde die Stadt im Konzerthaus als „Drehbühne der Welt“ gewürdigt, mit Blick auf das frühe 20. Jahrhundert, als Paris Mittelpunkt des kulturellen Lebens in Europa war. Fernweh stillen – oder doch erst wecken? So leicht lässt sich das nicht beantworten, wenn man nun Maurice Ravels „Une barque sur l’océan“ aus den „Miroirs“ hört, einfühlsam wiedergegeben von der Pianistin Yundi Xu. Wie hier das Wasser an der Bordwand gluckst, das Sonnenlicht auf den Wellen spielt und sanfte Windstöße auffahren: Man kann es Ravels miskroskopisch detaillierter Musik entnehmen – und wünscht sich bald das Erlebnis in natura.

Der Zwiespalt des Hierseins und Fortwollens begleitet durch diesen Abend, den Studierende der Hanns-Eisler-Hochschule, der Universität der Künste und der Barenboim-Said Akademie gestalten. Zumal es die Sehnsucht nach der Ferne hier kaum ohne die Sehnsucht nach alten Zeiten gibt. „Le tombeau de Couperin“, ebenfalls von Ravel und hier in einer Bearbeitung für Bläserquintett aufgeführt vom gediegen aufspielenden Pacific Quintet, beschwört in sanfter Melancholie die Zeit Jean-Philippe Rameaus und François Couperins; die erste „Gnossienne“ des Komponistenkauzes Erik Satie, dargeboten ebenfalls von Yundi Xu, träumt sich noch weiter zurück, zu den alten Griechen, und auch Claude Debussy wendet sich in seinem Trio für Flöte, Viola und Harfe, eine späte Kostbarkeit des Komponisten, zurück zur Barockzeit. Ohne dabei allzu explizit zu werden: Der mittlere Satz, ein „Interlude“, soll zwar im Tempo eines Menuettes gespielt werden, nach Menuett in seiner typisch täppischen Eleganz klingt hier aber kaum etwas. Barock scheint vielmehr Debussys Spiel mit den Elementen Freiheit und Gebundenheit: Wie improvisiert mutet die Musik dieses Werkes fast durchgehend an, die formale Strenge verhindert indessen, dass das Stück vor dem Ohr des Hörers in Einzelteile zerfällt. Ronja Macholdt (Flöte), Anna-Maria Wünsch (Viola) und Marion Ravot (Harfe) werden diesem Gegensatz mit fein ausgewogenem Spiel gerecht.

Fühlt man sich von Sehnsucht und Nostalgie belästigt, so bietet Pierre Boulez’ „Anthèmes 1“ für Violine solo Erholung. Triller, Glissandi und ausgedehnte Pausen prägen dieses Stück, Geiger Bilal Alnemr stellt sich der Herausforderung wacker und führt dabei ein feines Zwiegespräch mit der Belüftungsanlage des Konzerthauses, die in Corona-Zeiten ihr besonders gutes Werk verrichtet.

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