Fesign: Wie der Stuhl sich biegt

Draußen vor der Tür harren adrette junge Herren mit Fliege aus, um ein von ihnen besessenes Sofa zu bewerben. Auf dem Parkplatz des Flughafens Tempelhof wachsen Bäume aus den Dächern italienischer Kleinwagen. An den Schultern von denen, die einem entgegen kommen, drehen sich chic bedruckte Stoffbeutel oder edelsteife Papiertüten im Wind. Und aus den Hallen selbst weht allgemein als geschmackssicher befundene Musik von Pantha du Prince bis Neneh Cherry herüber. Ja, ist denn schon wieder Bread & Butter? Von dieser Sportswear-Messe kennt man sie, die nach außen abstrahlenden Effekte, die des Herumreisens überdrüssiger Handelsvertreter wieder für das Produkt begeistern sollen.

Dieses Prinzip, das man – nach dem Begründer der Bread & Butter und dem Hauptmieter im Flughafen Tempelhof – auch das Karl-Heinz-Müller-Prinzip nennen könnte, findet nun auch Anwendung auf eine Möbelmesse. Allerdings in sehr viel unauffälligerer Form, denn es handelt sich um ein Debüt. Noch bis Samstagabend findet die Qubique statt, unter dem ewig langen, winterfest abgeschotteten Flughafenvordach. Es gibt Konzerte am Abend, ein hohes schwarzes Podest für das attraktive Sich-Niederlassen und ein Restaurant in einem alten Spiegelzelt. Vintage sagt man dazu mittlerweile, genauso, wie es keinen Veranstaltungsort mehr gibt – sondern eine Venue. Womit gemeint ist: ein Platz für Inszenierungen. „Next Generation Tradeshow“ ist der pompöse Qubique-Untertitel.

Der Name spielt an auf die Kubikmeter, also im Grunde auf den wahren Luxus des Wohnens: Platz zu haben. Was in Tempelhof das geringste Problem darstellt. Momentan werden um die 20 000 Quadratmeter genutzt, bei der Bread & Butter ist es das Vierfache. Gut hundert Veranstalter sind bei der Qubique dabei, für einen Quadratmeterpreis von 250 Euro. Zu den großen Marken zählt Brühl mit Sitzmöbeln, deren unauffällige Gestaltung gern in magnolienblütengleiche Lehnen mündet; Thonet mit den wunderbar leichten, eleganten Bugholzstühlen, die sogar vor Ort gebogen werden; Vitra mit neu interpretierten Klassikern Jean Prouvés.

Diese Firmen jedoch lassen sich leicht auch auf anderen Messen kennenlernen, insofern dürfte für den Fortbestand der Qubique das Aufspüren von Newcomern wichtiger sein. So möchten es auch die Veranstalter, die Offshow AG, verstanden wissen: Man wolle jenes Segment bedienen, das zwischen Ikea und High-End liegt, in der anspruchsvollen Zielgruppe von Menschen zwischen 28 und 48.

Die Stichwörter für diese Klientel sind allerdings längst international und somit auch in Tempelhof omnipräsent: Holz nach skandinavischer Manier in sparsamer Verarbeitung wie etwa bei den zahnstocherschmalen Kleiderständern von Nomess. Oder als wuchtiger Brocken wie bei e15, die die deutsche Eiche wieder salonfähig gemacht haben. Büro-Sachlichkeit bei Kommoden, in Origami-Kunst gefertigte Lampen, matte weißen Flächen. Und bitte keine Bibliothekswände, sondern mobile Stecksysteme wie SNAP von den Berliner Designstudenten Robert Fehse und Moritz Kassner: für die variable Anzahl von Coffeetable-Books.

Das ist alles recht aufgeräumt im besten skandinavischen Sinn, allerdings gibt es dafür eigentlich zu viele Teppiche: Jan Kaths kunstvoll Verschleiß suggerierende Knüpfteppiche, Hadi Teheranis ineinander greifende Velours-Fliesen für Vorwerk, die riesigen Bodenbilder mit Frauenköpfen von Bolon.

Auch Create Berlin, das 2006 gegründete Design-Netzwerk, ist mit einer kuratierten Schau präsent. Mit Ideen, die einen Produzenten suchen wie David Laudermilchs absonderliche Fötus-Lampe aus Harz und Fiberglas, und mit dem ersten gemeinsamen Projekt: dem Lampenschirm „Crnkl“ (39,90 Euro während der Qubique). Gemacht aus Spinnvlies und 36 eingenähten Magneten, kann er beliebig um Leuchtmittel drapiert werden. Allerdings bitte nicht um heißlaufende Glühbirnen, sondern bevorzugt um Energiesparlampen.

So schlank und modern, so flexixel im Arrangement und so unaufdringlich im Raumgreifen wird hier gedacht, lediglich die italienische Designlegende Alessandro Mendini lässt jeden Reduktionsgedanken weit hinter sich. Mehr als eine Dekade hat Mendini für den italienischen Mosaik-Hersteller Bisazza an einer Serie überdimensionaler Objekte für Männer gearbeitet. Meterhoch thronen Aktentasche, Schuh und Büro-Kaffee auf Podesten, bedeckt mit unzähligen Miniaturfliesen in Gelbgold und fern jeder Ratio.

Flughafen Tempelhof, Haupteingang, noch am Sonnabend, 11–19 Uhr.