Das deutsche Kino tut sich notorisch schwer bei internationalen Filmfestivals. Cannes und Venedig sind in diesem Jahr wieder die besten Beispiele dafür: Ohne deutsche Beiträge im Wettbewerb oder auch nur den wichtigen Nebenreihen. Nur in Locarno, wo seit dem vergangenem Mittwoch das 68.Festival del Film stattfindet, sieht es regelmäßig anders aus. Das mag zum einen an der Nachbarschaft der Schweiz zu Deutschland liegen, wenngleich man sich im Tessin am Lago Maggiore eher in Italien wähnt. Zum anderen trägt hier auch die ehrwürdige Piazza Grande zum Erfolg deutscher Filme bei: Unter freiem Himmel werden allabendlich Werke auf riesiger Leinwand gezeigt, die sich – anders als im Wettbewerb – weniger den künstlerischen Anspruch als vielmehr einen publikumsfreundlichen Unterhaltungswert auf die Fahne schreiben.

Hier in Locarno feierte am 7. August nun „Der Staat gegen Fritz Bauer“ vor rund 6?500 Zuschauern seine Weltpremiere. Anders als Jonathan Demmes Eröffnungsfilm „Ricki“ mit Meryl Streep oder Jake Gyllenhaals Boxerdrama „Southpaw“ wurde Lars Kraumes Film weniger des Glamour-Faktors wegen eingeladen, auch wenn der Regisseur von seinen durchaus prominenten Hauptdarstellern Burghart Klaußner und Ronald Zehrfeld zum Festival begleitet wurde. Aber auch deutsche Filme mit gewichtigen Themen und positiven Botschaften sind auf der Piazza gern gesehen.

Dass es bereits 2014 mit „Im Labyrinth des Schweigens“ einen Film über das Wirken von Generalstaatsanwalt Fritz Bauer im Nachkriegsdeutschland gab, wird für „Der Staat gegen Fritz Bauer“ nicht zum Problem. Ging es damals um die Vorbereitung der Auschwitz-Prozesse durch einen von Bauers Mitarbeitern, so stehen nun er selbst (verkörpert von Klaußner) und seine Rolle bei der Entdeckung und Ergreifung von Adolf Eichmann in Argentinien im Vordergrund. Darüber, dass der „Tatort“-erfahrene Regisseur Kraume seinen von diversen TV-Sendern mitfinanzierten Film oft aussehen lässt wie einen Fernsehfilm, kann man ebenfalls hinwegsehen – so spannend ist die Figur Bauer.

Kämpfe und Kreaturen

Umso bedauerlicher ist allerdings, dass „Der Staat gegen Fritz Bauer“ eben diesen Charakter immer wieder aus den Augen verliert und statt dessen Bauers Mitarbeiter Angermann (Zehrfeld) erheblichen Platz einräumt. Dramaturgisch nötig wäre diese fiktive Figur nicht, um von der BRD der späten 1950er zu erzählen, in der man sich noch mit Händen und Füßen gegen eine Aufarbeitung der NS-Zeit sträubte. Gern hätte man mehr über Bauers Kämpfe innerhalb der eigenen Behörde, aber auch mit sich selbst und seiner Homosexualität erfahren.

Mit „Der Nachtmahr“ kam in Locarno noch ein zweiter deutscher Film zur Aufführung und zwar in der Nebenreihe Cineasti del Presente für Erst- und Zweitlingswerke. Der Regisseur AKIZ, der 2007 unter seinem bürgerlichen Namen Achim Bornhak das gefloppte Uschi-Obermaier-Biopic „Das wilde Leben“ inszenierte, erzählt nun vom Drogen- und Psychotrip einer 17-Jährigen, in dem ihr eine furchterregende Kreatur begegnet, die sie zusehends als Teil ihrer Realität akzeptiert. Genre-Kino ist in Deutschland noch seltener als auf renommierten Festivals; allein deswegen ist der Film – auch visuell und stilistisch – durchaus wagemutig. Man wünschte sich nur, AKIZ hätte manche seiner Einfälle und Ambitionen noch weiter getrieben und so vielleicht verhindert, dass seiner Geschichte über das Akzeptieren der eigenen Andersartigkeit irgendwann die Puste ausgeht.

Starke Konkurrenz von Josh Mond und Alex van Warmerdam

Ebenso wie an „Der Nachtmahr“ ist der Berliner Produzent Amir Hamz (siehe Berliner Zeitung vom 7. August) auch an „Paradise“ beteiligt, einem Wettbewerbsbeitrag des iranischen Regisseurs Sina Ataeian Dena. Sein Drama über eine Lehrerin in Teheran, die darum kämpft, an eine andere Schule versetzt zu werden, leidet ein wenig darunter, dass seine Protagonistin bewusst schwer zugänglich bleibt. Die Eindrücke indes, die der ohne staatliche Genehmigung gedrehte und mit Jafar Panahis Bruder Yousef produzierte Film von der alltäglichen, institutionalisierten Unterdrückung von Frauen und Kindern gibt, sind erschütternd. Szenen wie jene, in denen Mädchen mit Kopftuch im Schulbus ausgelassen zu lauter Popmusik tanzen, hat man aus dem Iran bislang wohl noch nie gesehen.

Starke Konkurrenz im Rennen um den Goldenen Leoparden bekam das Regiedebüt „Paradise“ in der ersten Festivalhälfte vor allem von zwei Filmen: „James White“ vom Amerikaner Josh Mond (ebenfalls ein Debüt) sowie Alex van Warmerdams „Schneider vs. Bax“. „James White“ ist das schonungslos intime Porträt eines ziellosen jungen Manns, der fast an der Trauer um seinen Vater und der Krankheit seiner Mutter zerbricht. „Schneider vs. Bax“ beeindruckte als von böser Komik und Western-Elementen durchzogene Killer-Geschichte, die bisweilen wirkt, als hätten die Gebrüder Coen ihren Thriller „Fargo“ statt im Schnee von Minnesota in einem holländischen Naturschutzgebiet gedreht.

Junge und alte Meister

Mit seinem vorherigen Film „Borgman“ war van Warmerdam noch im Wettbewerb von Cannes vertreten gewesen – was auch ein Zeichen dafür ist, wie gut es dem Festival Locarno gelingt, einerseits ein Alleinstellungsmerkmal zu festigen mit dem Fokus auf junges, eigenwilliges Kino und andererseits auch Prestige-trächtig genug zu sein für Cineasten und Altmeister. Selten war das offensichtlicher als in diesem Jahr, wo in den kommenden Tagen im Wettbewerb noch neue Filme von etablierten Arthouse-Regisseuren wie Hong Sang-soo, Chantal Akerman, Athina Rachel Tsangari oder Otar Iosseliani zu sehen sein werden. Nur die Deutschen sind – abgesehen vom Jury-Mitglied Udo Kier – mit ihrem Locarno-Pensum bereits zum Wochenbeginn durch.