Berlin - Plötzlich klingelte ein Telefon im Bühnensaal des HAU 1. Der US-Autor und DJ Jace Clayton mischte gerade ein paar Geräusche zum Klang der beiden Flügel von David Friend und Emily Manzo, die seine Bearbeitung von Kompostionen des Postminimalisten Julius Eastman spielten.

Clayton ließ ab vom Elektrokrach und nahm das Skypegespräch an: „Hallo, Herr Clayton“, begrüßte ihn von der Leinwand her eine Dame. Sie besetze im Auftrag einer Zeitarbeitsfirma das „Julius-Eastman-Memorial-Dinner“, und er, Clayton habe sich als Eastman-Darsteller beworben.

Ihre Organisation, leierte sie, besetze unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Hautfarbe, sexueller Orientierung; Clayton wiederum habe sich ja bereit erklärt, für den Job die Wohnung zu verlieren, im Freien zu campieren und wilde Partys zu feiern. Das Bewerbungsgespräch wurde unterbrochen, wieder aufgenommen, am Ende bekam Clayton den Job nicht.

Soundtrack für die Woche

Dafür hatte das Publikum des diesjährigen CTM-Festivals mit dem „Julius-Eastman-Memorial-Dinner“ einen großartigen Auftakt erlebt. Claytons Performance umriss atmosphärisch, was man sich unter dem „Turmoil“, der Unruhe und dem Aufruhr vorstellen kann, der dieser 19. Ausgabe des „Festivals für abenteuerliche Musik und Kunst“ den Namen gab und nach den Veranstaltern unsere Zeit und unsere Gemütslage bezeichnet.

„Unruhige Zeiten rufen nach unruhiger Musik“ hat Jan Rohlf, einer der drei Festivalleiter, seinen Essay im Programmheft genannt. Die Eröffnungsmusik hämmerte dem Publikum gleichsam den Festivalsoundtrack ein. Eastmans Stück „Evil Nigger“, neben „Gay Guerilla“ das zentrale Stück der Aufführung, besteht aus fingerbrechend harten, unruhigen, dramatischen Einton-Ostinati.

In hoher Lage klingen sie wie ein aggressiver Tinnitus und in der Tiefe mulmen sie mit brachialer, dunkler Sturheit. Zwischendrin springt immer wieder eine kleine melodische Figur in Quarten herum, darüber legt Clayton seine Elektronik aus.

Eastman als Inspiration

Den erzählerischen Hintergrund dieser Performance bildet die Wiederentdeckung des 1990 gestorbenen Komponisten in den vergangenen zehn Jahren – auch die Maerz Musik beschäftigte sich mit Eastman.

Dieser hatte Ende der Fünfziger als gefördertes Wunderkind begonnen, spielte als Pianist, sang und lehrte Musiktheorie, fiel jedoch zunehmend aus der Gnade der Avantgarde-Kreise, nicht zuletzt weil sich John Cage darüber empört hatte, dass der schwarze, schwule und wütende Künstler 1975 eine seiner Kompositionen um eine handgreiflich homosexuelle Ebene erweitert hatte. In den Achtzigern wurde Eastman zunehmend unberechenbar, verfiel Alkohol und Crack. Sein Herztod mit nur 49 Jahren blieb fast ein Jahr öffentlich unbemerkt.

Clayton, als DJ/ rupture mit wild globalistischen Mixtapes bekannt geworden, gehörte zu den ersten, die sich Eastmans Musik wieder annahmen. Aber sein „Memorial Dinner“ überzeugt nicht nur als Erinnerung an die fragile, dabei heftig bewegte Musik; Clayton thematisiert auch die unbequeme Dynamik einer solchen Wiederbelebung.

So spricht die Zeitarbeitsagentin auf der Leinwand ungerührt von „Evil Nigger“-Klingeltönen und Getränkeherstellern, die als Sponsoren anstünden – Provokation und Skandal als Marketinganreiz. Der Bewerber, den Clayton in diesem Gespräch gibt, ist ein mittelloser Künstler.

Nicht mehr nur elektronische Musik

Kunst und Künstler jedoch sind auf widersprüchliche Weise selbst verstrickt, auch wo sie utopische Horizonte immerhin zeigen können und Gemeinschaftgefühl und Empathie stiften. „Wir können das positive Potenzial“, schreibt Jan Rohlf, „nicht einfach feiern, ohne uns der Tatsache zu stellen, dass wir Komplizen der gegenwärtigen Unruhe, des Chaos sind, der Ausbeutung durch die Konzerne, der Zerstörung der Umwelt, der sozialen Ungleichheit und der Unterdrückung.“

Jace Claytons Konzert lieferte dazu auch die ästhetischen Leitmotive. Von der ursprünglichen Beschränkung auf elektronische Musik hat sich das CTM längst gelöst. Es entstand ja als musikalischer, als Clubflügel des Medienkunst-Festivals Transmediale, das noch immer verschwistert stattfindet.

So zeigt man im HKW gemeinsam und als Weltpremiere die Performance „Plague“ (Pest) des Klangkünstlers und „kritischen Futuristen“ James Ferraro, der sich mit den psychosozialen Effekten von virtueller Wirklichkeit und künstlicher Intelligenz beschäftigt.

Einen elektronischen Schwerpunkt gibt es noch immer. Ideen zur Schnittstelle von digitaler und humanoider Welt treiben die Elektroproduzenten klassischerweise an. Sie verbreiten im Berghain unter dem Motto „Unease“ das Unbehagen in der Kultur, aber behaupten auch die Notwendigkeit zu beharren und zu nerven: „Persist“.

Waschprogramm für die Sinne

Nach dem Konzert im HAU hörte man auf der Pparty im neuen Club OST in Friedrichshain sowohl düster brummendes Astroseufzen des Kanadiers Antwood, wie auch die afroperkussive, gleichwohl ultrakünstliche Footwork-Euphorie der US-Produzentin Jlin.

Im Lauf der Woche kann man sich noch über zähen Metalschlick beunruhigen, durch Computer gebrochene schwarze Freejazz-Tradition genießen und noisig-blutige Feminismen von Lydia Lunch erleben. Identitäten werden geformt und verflüssigt, Orientierungen gesucht und verloren, Hierarchien über den Haufen geworfen und neu verfugt: Ein feines Wasch- und Schleuderprogramm für die Sinne, das uns ein bisschen alltagsfitter zurück in die Welt schickt.

Nachdem sie im HAU Jace Claytons Bewerbung ungerührt abgelehnt hatte, betete die Leinwanddame noch einmal die Race-class-gender-Stigmen herunter, die ihre Firma nicht berücksichtige. Dabei verrutschte ihr der Ton. Ganz zart, ganz leise – ein wunderbarer Moment – fing sie an zu singen, bis die Stimme in einem melancholischen Nebel vergeblicher Rücksicht verschwunden war.