Am heutigen Freitag beginnt die MaerzMusik. Was unter der künstlerischen Leitung von Matthias Osterwold ein „Festival für aktuelle Musik“ war, ist unter seinem Nachfolger Berno Odo Polzer zum „Festival für Zeitfragen“ geworden. Das muss man sich erklären lassen.

Herr Polzer, wann waren Sie das letzte Mal von einem Musikstück so richtig begeistert?

Ich neige in Sachen Musik nicht zu überstürztem Enthusiasmus…

Aber am Anfang Ihres Interesses für Musik wird Enthusiasmus gestanden haben?

Absolut! Bei mir waren Klavier- und Orgelspiel entscheidend. Ich war ein romantischer Jüngling, habe meine Jugend mit Bach und Beethoven verbracht und hatte eine besondere Schwäche für Chopin.

Und welches Stück war es nun zuletzt?

„Situations“ von Georges Aperghis hat mich auf verschiedenen Ebenen begeistert: 70 Minuten intelligente, wache und mitreißende Musik, die heraushebt aus dem bloß kritisch differenzierten Hören. Ich bekenne mich zum subjektiven Kuratieren, daher erklingt das Stück auch in der MaerzMusik. Den letzten großen Eindruck von einer Aufnahme hatte ich von dem Stück „Sgorgo N“ für E-Gitarre von Pierluigi Billone – eine kühne Komposition im gelassenen und doch kraftvollen Umgang mit dem Instrument.

Sie spielen im Programm viel mit Orten und Konzertformen, daher die Frage: Wo haben Sie das gehört?

Nachts mit Kopfhörern in der Küche auf dem Laptop – als Videomitschnitt.

Wenn ich das Programm der MaerzMusik durchblättere, habe ich den Eindruck, die neue Musik ist in der Krise. Sie räumen zum Beispiel dem Diskursformat „Thinking Together“ mindestens so viel Zeit ein wie den musikalischen Aufführungen.

Sie können das so nicht quantifizieren. Die Erlebniszeit von Gesprächen ist eine andere als die von Musik, insofern entsprechen die Zahlen nicht unserer Wahrnehmung. Abgesehen davon wird doch deutlich mehr Musik als Diskurs stattfinden. Alleine das Abschlussprojekt „The Long Now“ dauert 30 Stunden. Und finden Sie nicht, dass wir viel Grund haben, gemeinsam nachzudenken? Einem Gedanken zu folgen, kann genau so berührend sein wie das Hören eines Musikstücks.

Bei „Thinking Together“ geht es um die Zeit im philosophisch-soziologisch-kulturwissenschaftlichen Sinn und nur am Rande um Musik. Braucht neue Musik eine Rechtfertigung durch solch große Themen?

Das ist keine Rechtfertigung, das ist ein Perspektivenwechsel. Diese Musik muss sich nicht rechtfertigen. Ich bin davon überzeugt, dass vieles in dieser vom forschenden und experimentellen Hören getriebenen künstlerischen Praxis wichtig ist als Haltung zur Welt: als Form der Konzentration, als eine Kunstform, die nicht reduzierbar ist auf andere Formen. Schon gar nicht auf Erklärungen: Wissen soll keine Bedingung sein, um ein sinnliches Medium wie Musik zu erleben.

Hört man nicht mehr, wenn man etwas weiß über den Komponisten und seine Arbeit?

Man hört anders. Aber wenn man Wissen als Kriterium für richtiges Hören postuliert, hat man schon ein Urteil gefällt und eine Tür geschlossen. Man verliert ja auch etwas mit dem Wissen; originäre Zugänge, Überraschungen und Entdeckungen gibt es dann weniger.

Wenn Sie über die politische Dimension von Zeit diskutieren und Musik dann als Zeitkunst die Illustration dazu liefert, scheint mir das eine eher äußerliche Aufladung von Musik mit Politik zu sein.

Es geht keineswegs um Illustration. Es geht um Zeiterfahrung und Zeitreflexion als zwei Räume, die sich ergänzen. In der Art, wie sie die Bühne als öffentlichen Raum repräsentiert oder das Zusammenwirken von Musikern organisiert, ist Musik immer auch politisch lesbar – das Orchester als Abbild einer Gesellschaft, die Konzertform als Abhandlung über das Verhältnis von Individuum und Kollektiv. Einen politischen Zeitbegriff jedoch halte ich für besonders wichtig vor dem Hintergrund von Zeitregimen, die auf Beschleunigung, Produktivität und Effizienz basieren; damit wird ja auch Macht ausgeübt. Als Zeitkunst lässt sich Musik nicht beschleunigen oder komprimieren; im Musikhören steckt schon etwas Widerständiges. Davon möchte das Festival etwas hineintragen in die Lebenspraxis und die politische Diskussion.

Man trifft auf Neue Musik-Festivals kaum Hörer, die nicht als Komponisten, Musiker, Verleger oder Publizisten Teil des Systems sind. Kann eine Kunstform, die kaum noch Öffentlichkeit hat, überhaupt „politisch“ genannt werden?

Diese Musik hat sehr wohl eine Öffentlichkeit, sogar eine wachsende, und das nicht nur in meiner Wahrnehmung. Sie ignorieren auch, welcher Beitrag zur Entwicklung der Kunst und der Gesellschaft hier geleistet wird. Dieser Beitrag mag elitär in dem Sinne sein, dass diese Musik nicht besonders populär ist, er ist deswegen aber noch nicht minoritär in der Wirkung. Es geht mir aber auch nicht um eine Generalverteidigung. Sich der Kritik zu stellen ist eine Grundbedingung für zeitgenössische Kunst.

Kann man sich bei der MaerzMusik, wie es früher hieß, über „den Stand der neuen Musik“ unterrichten?

Selbstverständlich. Mich interessieren jüngere Figuren, die ein neues Verständnis von Musik, aber auch einen neuen Typ von Künstler repräsentieren, so der Performer und Komponist Cédric Dambrain oder die Gambistin Eva Reiter, die nicht nur eine großartige Interpretin alter Musik ist, sondern auch mit elektronischen Klängen komponiert. Außerdem interessieren mich Arbeiten wie das Projekt „Ökonomien des Handelns“ von Hannes Seidl und Daniel Kötter, die zeigen, wie man Musiktheater durch dokumentarische Stoffe und Video neu denken kann. Aber es gibt auch ein Porträt von Georges Aperghis, der unabhängig vom französischen Kultur-Establishment denkt und zeigt, dass sich zeitgenössische Musik nicht abschotten muss.

Wir sprachen schon von Ihrer Küche als Ort des Musikerlebens. Warum gibt es in der MaerzMusik kaum noch Konzerte?

Sprechen wir vom selben Festival? MaerzMusik arbeitet doch vor allem mit dem Konzert als Format! Ich persönlich ertrage es aber kaum mehr, wenn Einzelstücke lieblos aneinander gereiht werden, weil sie zufällig ähnlich besetzt sind und zusammen einen Zeitraum von zwei Stunden mit Pause ergeben. Das ist nicht das Konzert, das mich interessiert. Ich arbeite mit Rhythmuswechseln zwischen kurzen Formen, die sich in 30 bis 60 Minuten nur einem Stück widmen, und langen wie dem vierstündigen Eröffnungskonzert „Liquid Room“, bei dem der Hörer zwischen mehreren Aufführungen hin und her gehen kann.

Am Ende des Festivals steht ein 30-stündiges Konzert im Kraftwerk Mitte mit dem Titel „The Long Now“. Setzen Sie das als Antithese zu unserer Beschleunigungsgesellschaft?

Ich hatte die Idee einer Zeitblase, die sich von der Taktung der Außenwelt lossagt, in der sich Zeit selbst entfalten kann, in der die Zeitwahrnehmung sich verlieren kann – mit dabei Phill Niblock, Eric Holm, Thomas Köner und Mix Mup & Kassem Mosse und viele andere. Morton Feldmans fünfstündiges Streichquartett etwa ist ein Affront gegen alle Gewohnheiten des Musikbetriebs, aber auch eine Feier der musikalischen Eigenzeit. Außerdem gibt es Leif Inges auf 24 Stunden gedehnte Version der Neunten von Beethoven – eine ungeheure Erfahrung, wenn man die bekannten harmonischen Verläufe wie gedehnt wahrnimmt.

Dabei steht Beethoven zugleich für verdichtetes Komponieren, wie Bach mit der polyphonen Gleichzeitigkeit mehrerer Stimmen. Widmet sich die nächste MaerzMusik der zusammengeballten Zeit?

Mal sehen, wohin uns die Zeitreise führt. Das Thema Zeit ist unerschöpfbar. Es gibt viele Pläne. Kann sein, dass das nächste Festival nur drei Minuten dauert.

Das Gespräch führte Peter Uehling.

MaerzMusik vom 20. bis 29. März 2015 u.a. im Haus der Berliner Festspiele, HAU, Kraftwerk Mitte, Karten-Telefon: 2548-9100