Das vom Senat geförderte Festival Pop-Kultur ist mittlerweile ein fester Termin im Berliner Sommerkalender. Als hippes, politisch bewusstes Festival will es Diversität als eine Selbstverständlichkeit etablieren.

In die öffentliche Wahrnehmung geriet Pop-Kultur aber vorrangig, weil es wie bereits im vergangenen Jahr auch diesmal zu einem Boykottaufruf der propalästinensischen Organisation BDS (Boykott, Divestment and Sanctions) kam. Wir haben die Festivaldirektorin Katja Lucker und die beiden Kuratoren Christian Morin und Martin Hossbach im Kulturquartier Silent Green getroffen. Das Festival findet vom 15.08. bis zum 17.08. statt.

Frau Lucker, Herr Hossbach, Herr Morin, der Titel des Festivals gibt darüber Aufschluss, dass es hier nicht nur um Musik geht. Was bedeutet Popkultur für Sie?

MARTIN HOSSBACH: Popkultur heißt für uns alles. Und Musik. Im Festival spiegeln sich Literatur, Film, Fotografie, bildende Kunst und Comic als Teile der Popkultur.

KATJA LUCKER: Wir wollen den aktuellen Stand popkultureller Themen zeigen. Es geht immer auch um den Diskurs, darum, was in der Popkultur gerade verhandelt wird. Um die queere Szene, den Feminismus oder kulturelle Appropriation.

CHRISTIAN MORIN: Popkulturelle Strömungen wie der Punk zum Beispiel waren immer schon mehr als Musik. Es ging auch um Mode, um Einstellung, um Identität. Um das Verhältnis zu anderen Strömungen.

Letztes Jahr nannten Sie, Frau Lucker, Pop-Kultur ein „Festival gegen den Trend“. Inwiefern unterscheidet es sich von anderen Veranstaltungen ?

Katja Lucker: Wir sind in der glücklichen Situation, Staatsgelder unterschiedlicher Natur für unser Festival zu bekommen, um Dinge machen zu können, die nicht ganz so populär sind. Wir können Themen aufgreifen, die auch mal wehtun. Wir haben uns in den letzten Jahren zum Beispiel oft mit Krankheiten beschäftigt, die aus der Popkultur entstehen: Depressionen zum Beispiel. Ein weiterer Fokus liegt auf Inklusion. Für uns soll es selbstverständlich sein, dass Menschen mit Behinderung jeglicher Natur Teil des Festivals sind.

Dass diese Menschen die Möglichkeit haben, teilzuhaben. Deswegen haben wir dieses Jahr auch eine Gebärdensprachdolmetscherin, die mehrere Programmpunkte, zum Beispiel Kat Frankies Auftragsarbeit „Bad Behaviour: Exploring the Sounds of Protest“, begleiten wird.

Christian Morin: Wir können Künstlern mit unseren Auftragsarbeiten die Möglichkeit geben, etwas Neues auszuprobieren. Einerseits haben wir Mitbegründer von Trends im Programm wie Lydia Lunch oder Irmin Schmidt. Oder die 1968 gegründete Gruppe The Last Poets aus Harlem, ohne die es keinen Rap gäbe. Bei uns spielen aber auch die, die noch ganz am Anfang ihrer Karriere stehen. Acts wie Hayiti oder Anna von Hauswolff zum Beispiel. Bands, die momentan auf dem Höhepunkt ihrer Karriere sind, sind für uns weniger interessant.

Worüber muss man im Popbereich weiter diskutieren?

Martin Hossbach: Es ist immer noch so, dass Frauen benachteiligt werden an vielen Stellen, auch was Labels angeht. Die Labels veröffentlichen meist Musik von Männern. Auf den Bühnen ist es nicht viel anders. Wir sind dran.

Christian Morin: Mich interessiert, was eigentlich in Osteuropa, in Tschechien, in der Slowakei passiert. Und was passiert in der Popkultur zwischen Europa und afrikanischen Ländern, jenseits von einer weltmusikhaften Folklorisierung? Ich finde diese Randbereiche total spannend.

Katja Lucker: Der Raumverlust in der Stadt ist ein Thema. Dass die Leute hier nicht mehr leben können, weil sie es nicht mehr bezahlen können. Es ist nicht mehr 1990, die Zeit ist vorangeschritten und wir verlieren gerade Raum.

Das sind politische Themen. Wie verhält sich die Kultur zur Politik?

Martin Hossbach: Die Arbeit ist für mich sehr angenehm, weil der Staat uns zwar fördert, aber uns inhaltlich nicht reinredet. Wir müssen die Bands nicht vor eine Logo-Wand stellen. Wir sind total frei, können Kunst um der Kunst Willen machen, gleichzeitig sind wir politisch, indem wir gewisse Bands einladen, und andere eben nicht.

Letztes Jahr haben acht Acts abgesagt, weil die israelische Botschaft Sponsor des Festivals war. Die Kampagne BDS hatte Druck gemacht. Dieses Jahr haben bisher fünf Künstler aus demselben Grund abgesagt. Sehen Sie die Freiheit der Kunst in Gefahr?

Katja Lucker: Nein. Aber Boykott ist nicht Dialog. Wer uns boykottiert, kommt nicht zu uns und spricht nicht mit uns. Das Ganze wirft aber ein Licht auf die aktuelle Weltlage.

Christian Morin: Letztendlich sind wir ja nur ein Symbol. Die eigentlichen Dinge werden dadurch weder bewegt noch gelöst. Was ich schade finde, ist, dass letztes Jahr die Möglichkeit für die arabischen Künstler, in Dialog zu treten, aus ideologischen Gründen verhindert wurde. Gerade wegen der Einwanderungssituation war es uns wichtig, dass Kunst aus diesem Kulturkreis bei uns stattfindet.

Sie sagen: „Wir lassen uns nicht einschüchtern“. Wie sind Sie zu Ihrer Positionierung gekommen?

Martin Hossbach: Ich finde, es gibt gar keine andere Haltung für jemanden, der einen deutschen Pass hat und hier aufgewachsen ist. Für mich steht außer Frage, dass wir den Staat Israel gleich behandeln wie Frankreich oder Liechtenstein. Es ist gängige kulturelle Praxis, dass man einen Künstler finanziell unterstützt, wenn man ihn aus dem Land A ins Land B einlädt. In diesem Fall haben wir mit der israelischen Botschaft Kontakt aufgenommen, sie haben uns dieses Jahr 1200 Euro gegeben. Wenn das jemandem nicht gefällt, nehmen wir das zur Kenntnis. Wir laden deswegen nicht israelische Künstler aus oder nehmen das Logo der Botschaft von der Website runter.

Christian Morin: Wir haben uns entschieden, uns nicht in den Kreis der Polarisierung reinziehen zu lassen.

Im Mai kam es zu einem Rückmarsch in Gaza, 136 Palästinenser sind dabei getötet worden. Können Sie die Kritik an der Unterstützung der israelischen Botschaft am Festival, wie sie Künstler wie Brian Eno geäußert haben, im Hinblick auf die jüngsten Ereignisse nachvollziehen?

Katja Lucker: Das ist die etwas janusköpfige Herangehensweise dieser BDS-Boykotteure. Denn die ganze Welt ist voll von solchen Taten. Wir nehmen auch Geld von der deutschen Politik, die Waffenhandel betreibt.

Martin Hossbach: Schon interessant, dass Sie die Frage so stellen. Man könnte nämlich auch interessante Sachen über Frankreich fragen. Das ist bezeichnend.

Katja Lucker: Diese sogenannte Israelkritik ist eine Kritik, die nur Israel gegenüber so formuliert wird. Nicht China gegenüber, nicht Russland gegenüber, nicht der Türkei gegenüber, wo die Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Vor dem Hintergrund der Vergangenheit, die Deutschland mit dem Staat Israel verbindet, ist das schon bemerkenswert. Der Nahostkonflikt ist ein sehr alter und komplizierter Konflikt. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass die Leute, die sich diesem Boykott anschließen, meinen, das so lösen zu können.

Kultureller Boykott kommt meist erst infrage, wenn andere Arten des Protestes erschöpft sind. In Ihrem Statement sagten Sie, das Ziel des BDS sei es, den Staat Israel kulturell zu isolieren. Das ist aber nicht das Ziel, sondern das Mittel.

Christian Morin: Wir könnten eine sehr lange Diskussion über Selbstdarstellung und scheinbare Ziele führen, das würde aber zu weit führen. Fakt ist, dass es auf beiden Seiten Menschen gibt, die sich Frieden wünschen. Es ist eine tragische und verfahrene Situation, gar keine Frage. Jedes verlorene Leben ist eines zu viel. Aber der Abbruch von Dialog wird niemals auf der Welt zu irgendetwas führen. Ich glaube, das ist der falsche Weg.