"It began in Berlin“: Das behauptete die Image-Kampagne des vom Senat geförderten Festivals Pop-Kultur, das nach drei ausverkauften Tagen in den frühen Morgenstunden des Sonnabends im Club Berghain zu Ende ging. Es begann in Berlin? Die Kampagne des neuen Festivals, das die Berlin Music Week ersetzt, ironisiert die Angeberpose, von der halb Westberlin über 50 lebt. Der erste Programmpunkt bestand dann aus Andreas Dorau und Sven Regener, die bewiesen, dass leider alles in Hamburg begann.

Selbst hinter diesen Humorsignalen steckt der Wunsch, das Wort Berlin ins Spiel zu bringen. 700000 Euro vom Staat für ein dreitägiges Festival sind eine Menge Geld; der Senat wird es nicht ohne Interesse zugesprochen haben. Es gab denn auch überregionale Kritik am subventionierten Format. Es ist ein gutes Zeichen, wenn kulturopolitische Entscheidungen diskutiert werden.

Weniger gut ist manchmal der Informationsstand der kleinen Popdebatte. Denn das viele Geld wurde nicht aus dem Hut gezaubert, sondern bloß umgeleitet: Bis vor einem Jahr war das Geld vom Wirtschaftssenat an die Kulturprojekte GmbH geflossen, die damit die Berlin Music Week organisiert hatte. Die Mischung aus Messe, Branchentreff und zersplittertem Festival wurde so unbedeutend, dass sie nicht mal laute Kritik hervorrief.

Das Festival Pop-Kultur dagegen wird jetzt von der Berliner Förderbehörde Musicboard unter von Katja Lucker ausgerichtet, die mit Martin Hossbach und Christian Morin zwei Musikkuratoren an der Grenze zwischen Kommerz und Kunst ins Boot geholt hat. Morin hat eine Konzertagentur und verantwortet die Musik an der Volksbühne. Hossbach hat für das Festival Foreign Affairs bei den Berliner Festspielen gearbeitet und im Berghain avantgardistische Pop-Reihen programmiert. Pop-Kultur hat ein Profil: Weniger Businesstalk, mehr Kunstgespräch, Konzentration der Konzerte. Das erhöht die Sichtbarkeit.

Die Stränge der Kritik

Es gibt drei Stränge der Kritik. Der erste Strang: Das Festival sei nur ein Instrument des Stadtmarketings. Berliner Kulturarbeit erhöht jedoch immer die Attraktivität der Hauptstadt und mitunter auch die Mieten – diesen Widerspruch hat das Festival also nicht für sich gepachtet. Und tatsächlich wird einem schwindlig, wenn die Politik über Pop spricht: Björn Böhning (SPD), Chef der Senatskanzlei, versuchte zur Eröffnung sogar die Gewalt gegen Flüchtlinge in seinem Grußwort unterzubringen. Soll Pop für Toleranz stehen oder für Berlin? Eben war Pop noch gut für die Wirtschaft. Jetzt ist er gut fürs Zusammenleben. Doch eigentlich waren die drei Tage voller Konzerte, Gespräche und Workshops als Versuch angetreten, Pop als Kunst zu verstehen.

Der zweite Strang der Kritik: Die 700000 Euro sollten besser der Berliner Pop-Förderung zugute kommen. Nichts gegen mehr Unterstützung, aber das ist ein Ruf nach der kulturpolitischen Gießkanne, die viel Geld auf viele verteilt, die einzeln wenig kriegen. Kluge Kulturförderung macht immer beides, in die Breite fördern und dennoch Schwerpunkte setzen. Das Festival Pop-Kultur tut dies, wenn zum Beispiel eine vom Musicboard geförderte Band wie Isolation Berlin auch auf der großen Bühne des Berghain spielt. So richtig der Ruf nach einer breiteren Förderung sein mag, sollte man das nicht gegen das Festival ausspielen.

Die kritische Idee der Ästhetik

Denn Pop-Kultur kommt nicht nur den jüngeren Musikern zugute, die hier neben etablierten Künstlern wie Matthew Herbert, Neneh Cherry oder Sophie Hunger gespielt haben. Pop-Kultur ist auch für das Publikum gedacht. Das führt zum dritten Strang der Kritik: „Regierungspop“ sei überflüssig und führe elitäre Unterschiede ein. Wie veraltet diese Vorstellungen von widerständigem Pop und regierungstreuer Subventionskunst sind, zeigt die Gegenwart aber zur Genüge.

Denn nichts ist so elitär wie der freie Popmarkt, der zu horrenden Eintrittspreisen führt. Wer in Berlin unterwegs ist, weiß, wie viele jüngere Künstler danach dürsten, ihre Musik jenseits gängiger Konzertformate aufzuführen. Die Praxis ist da weiter als die Kritik.

Allerdings muss das Festival Pop-Kultur deutlicher werden, was diesen Wandel der Aufführungsformen angeht. Da hinkte das Programm dem Anspruch hinterher. Die nun von Künstlern und weniger von Unternehmern geprägte Gesprächsschiene hat Lust auf mehr gemacht, aber sie tendierte auch zur Werbeplattform. Eine interdisziplinäres Festival sollte auch eine kritische Idee seiner Ästhetik formulieren.

Die Vorteile sprangen aber bereits logistisch ins Auge. Keine Nadelöhre, kein Sponsoring-Wahn, keine Gastro-Kirmes mit überwachtem Bezahlungssystem. Man kann sich auf die Musik konzentrieren. Das Geld, das dafür nötig war, beansprucht sonst etwa einmal pro Woche eine große Theaterinszenierung oder eine kleine Opernproduktion.