Schwer zu sagen, wann die Situation in Saal 5 des Kinos in der Kulturbrauerei am Mittwochabend eskalierte. War es, als Klaus Lederer das erste Mal das Mikrofon ergriff und eine Frau aus dem Publikum auf Englisch brüllte: „Israel ist ein Apartheid-Staat, schämen Sie sich“? Oder war es, als der Kultursenator die israelkritische Boykottkampagne BDS („Boycott, Divestment and Sanctions“, also „Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen“) strukturell antisemitisch nannte. Da rastete dann der israelische Regisseur Udi Aloni („Junction 48“) aus, der den BDS unterstützt. „Meine ganze Familie ist im Holocaust gestorben und er nennt mich antisemitisch,“ schrie er. „Entschuldigen Sie sich, ich zittere am ganzen Körper.“ Von da an wurde nur noch gebrüllt und vor allem Lederer wüst beschimpft.

Sechs Bands sagten Teilnahme bei Pop-Kultur ab

Organisiert hatte dieses Podiumsgespräch mit dem Titel „Boycott“ das Festival Pop-Kultur, nachdem sechs Bands ihre Teilnahme abgesagt hatten, weil sich die israelische Botschaft an den Reisekosten für jüdische Künstler, die beim Festival auftreten, beteiligt hatte. Der BDS hatte Druck gemacht. Nun sollte an diesem Abend das Thema Boykott indirekt, sozusagen über Bande angegangen werden.

Gescheiterte Strategie im Umgang mit der Boykottkampagne BDS

Die israelische Schriftstellerin Lizzie Doron, die mit Lederer auf dem Podium saß, sollte erzählen, wie ihre Mutter, eine Shoah-Überlebende, nicht nur deutsche Produkte, sondern auch die eigene deutsche Sprache boykottierte. Klaus Lederer sollte darüber sprechen, ob der Boykott als Mittel der politischen Auseinandersetzung Sinn haben kann. „Es ist nicht geeignet, wenn es dazu benutzt wird, jeden Dialog abzutöten, wie wir das eben erlebt haben“, konnte er gerade noch sagen, bevor er erneut niedergebrüllt wurde und dann für lange Zeit verstummte.

Kein Palästinenser auf dem Podium

Die Strategie des Umwegs scheiterte jedenfalls, so wie die Moderatorin Shelly Kupferberg mit ihren Appellen, man möge einander doch zuhören und ausreden lassen. Man muss sich fragen, ob nicht der Einwand, der aus dem Publikum nicht nur von BDS-Unterstützern immer wieder erhoben wurde, dass nämlich kein Vertreter des BDS auf dem Podium sitze, nicht berechtigt war. „Würde dort ein Palästinenser sitzen, würde niemand brüllen“, rief Udi Aloni. Es wäre einen Versuch wert gewesen. Auch wenn der Auftritt eines monologisierenden Palästinensers aus dem Publikum, dem Lizzie Doron gegen Ende hin ihr Mikrofon reichte, nicht geeignet war, einen von der Dialogkultur des BDS zu überzeugen.

Nur Verlierer

Die interessante Frage, ob Boykott im kulturellen Bereich Sinn haben könnte, konnte jedenfalls nicht besprochen werden. Immerhin gelang es Lizzie Doron noch, zu berichten, dass keines ihrer beiden letzten Bücher, „Who the fuck is Kafka“ und „Sweet Occupation“, ins Hebräische übersetzt worden ist, aber auch nicht ins Arabische oder Englische, denn in England hat die BDS-Kampagne viel größeren Einfluss. Das ist absurd, denn Doron schreibt über Mitglieder der israelisch-palästinensischen Organsiation „Combatants for Peace“, die eine Perspektive für das Zusammenleben suchen. „Das ist eine Lose-Lose-Situation“, sagte sie, eine Situation, in der es nur Verlierer gibt. Und dies ist auch die Überschrift für den ganzen Abend. Wie man sich daraus befreien kann, ist unklar.

Das Thema Boykott bleibt auch in Deutschland 

Doch die Frage wird bleiben. Denn auch wenn es die BDS-Kampagne in Deutschland schwerer hat als etwa in England, weil die Mehrheit hier historisch bedingt vor deren gegen den Staat Israel gerichteten Boykottforderungen zurückschreckt, hat sie doch auch hierzulande Fuß gefasst. Nicht nur beim Pop-Kultur-Festival haben Künstler abgesagt, sondern auch bei der Ruhr-Triennale. Und dann gibt es ja auch noch Künstler, die die BDS-Kampagne unterstützen und nach Meinung mancher Juden boykottiert gehören.