Festival Tanz hoch zwei: Das Leben als Probenraum

Berlin - Mette Ingvartsen und Guillem Mont de Palol sind in Urlaub. Die Bühne ist leer, auf der Rückwand sieht man sie in Shirts und kurzen Hosen durch eine verkarstete Hügellandschaft laufen. Das Meer scheint nah. Die Sonne sengt vom klaren Himmel. Die Arme, die Beine, die Gesichter der Beiden werden rot und röter. „All the way out here…“ heißt das neue Stück der dänischen Choreografin, das jetzt zur Eröffnung des Festivals Tanz hoch zwei im Hau 3 zu sehen ist.

Der Spielort ist ein wenig verwirrend, denn das Festival wird von der Tanzfabrik ausgerichtet, einer Uralt-Institution der ehemals West-Berliner Off-Szene, die ein paar hundert Meter Luftlinie weiter in der Möckernstraße Zuhause ist und vor zwei Jahren ihren Hauptsitz in die neuen Uferstudios im Wedding verlegt hat. Aber jetzt hat man sich seit langer Zeit mal wieder mit dem alten Nachbarn Hau zusammengetan. Nicht zuletzt, um für mehr Bewegung zwischen den unterschiedlichen Standorten zu sorgen. Nicht wo etwas stattfindet, ist entscheidend, sondern was: „Tanz hoch zwei“ präsentiert lauter Stücke mit topographischen Themen und findet selbst überall statt. Mit Lectures in der Möckernstraße, einer Uraufführung der Gruppe Rubato und einem Gastspiel von Diego Gil in den Uferstudios, und mit Mette Ingvartsen, der dänischen Choreografin mit entschiedenem Hang zur Konzeptkunst, im Hau.

Immer um sich selbst herum

Ihr Kopulationsstück „to come“ in dem Menschen in blauen Ganzkörperanzügen zunächst ihre Körper entsprechend zucken lassen, danach in Zivil die dazugehörigen Geräusche fabrizieren, hat Ingvartsen vor ein paar Jahren international bekannt gemacht. Schon damals hat man die Begeisterung nicht recht verstanden.

Mette Ingvartsen macht Stücke für Menschen, so scheint es, die nichts erleben und deren größten Abenteuer im Probenraum stattfinden. Aus Probenraum-Material ist jedenfalls auch „All the way out here …“ gestrickt. Ein Weg nach draußen findet sich nicht. Kaum blendet der Film ab, erscheinen Ingvartsen und Mont de Palol in denselben Shirts und Hosen wie im Film, mit ebenso künstlich rot verbrannten Körpern auf der Bühne. „Haaaah“ und „Hoooh“ rufen sie, eine Stunde lang. In unterschiedlichen Haltungen und Lautstärken, mit unterschiedlichen Intentionen, mit Vibrato und ohne. Wie reagiert der Körper? Welche Klänge kann man auf welche Weise erzeugen? Das sind so Fragen, die man sich in der Kunstarbeit ganz ernsthaft stellen muss. Alles begegnet einem dabei. Ängste und Urängste, Grenzen, über die man hinweg schreitet, andere, an denen man scheitert.

Und so ein Probenraumleben, das sich ausdehnt, wo auch immer man hinkommt, hat alle Höhen und Tiefen zu bieten. Man wird zu einem archaischen Wesen, zum Tier, das man ja irgendwie auch ist, zum Urmensch. Am Besten erzählen lässt sich in der Kunst, wenn man im eigenen System verbleibt. Wenn man es als Spiegel benutzt, als Versuch im Versuch. Nur, als Versuch wovon? „All the way out here…“ wirkt, als hätten zwei Superstreber ihre Hausaufgaben etwas übererfüllt. Aber vermutlich läuft es sogar so ab, im freien Tanzgewerbe, das um wenig und eigentlich nur noch eitel um sich selber kreist.

Bei der Gruppe Rubato, die im Rahmen des Festivals in den Uferstudios als nächstes die Uraufführung von „FindeOrte“ zeigen wird, dürfte es entschieden konkreter zugehen. Denn in die Arbeiten der ältesten freien Compagnie Deutschlands um die Tänzer und Choreografen Jutta Hell und Dieter Baumann speisen sich immer auch die eigenen Erfahrungen ein. Reflektionen über die Beziehung des Künstlerpaares etwa oder das älter werden ihrer Körper. In „FindeOrte“ werden sie genau das mit den „utopischen Körpern“ von Michel Foucault kurzschließen.

FindeOrte der Cie Rubato: 13. bis 15. April, Uferstudios, K.: 01805 70 07 33