Berlin - Das Berliner Festival für Medienkunst und digitale Kultur, die Transmediale, beschäftigt sich dieses Jahr mit – allem. Woraus das besteht? Nun, zunächst aus einer blanken Selbstverständlichkeit, denn gerade weil wir alles, was wir wissen, nur aus den Medien wissen, beschäftigen wir uns, wenn wir uns mit den Medien beschäftigen, immer auch mit allem. Allerdings ist das noch viel zu eng gedacht. Die Transmediale 2013 steht nämlich unter einem fremden Stern, dem Pluto, und hat damit ihre Dimension ins Extraterrestrische erweitert. Im Haus der Kulturen der Welt, dem Hauptveranstaltungsort, wird die Zeit umgestellt, ein Pluto-Tag misst schließlich 6 Tage und 9 Stunden.

Sie können noch folgen? Gut, die Sache mit dem Pluto verweist auf ein weiteres Thema: Die Internationale Astronomische Union sprach im Jahre 2006 Pluto den Status als Planet ab und ließ ihn fortan nur noch als Zwergplanet mit der Nummer 134340 um die Sonne torkeln. Damit wären wir auch schon beim Motto der Transmediale: Back When Pluto Was A Planet – BWPWAP. Im Netzjargon wird dieses Akronym benutzt, erläutert der künstlerische Leiter Kristoffer Gansing, wenn von Dingen die Rede ist, die sich vor Kurzem verändert haben.

Ja, mediengeschichtlich ist das allemal so, waren die Mobiltelefone gestern noch ziegelsteingroß, so sind sie heute handschmeichelnd klein. Gansing möchte allerdings dazu anstiften, sich wieder mit den alten Medien zu beschäftigen, nicht aus nostalgischen Gründen, sondern als Entdeckung ungenutzter Möglichkeiten. Zwischenfrage: Hat es zu diesem honorigen Zweck wirklich des ganzen Pluto-Gedöns bedurft?

Immerhin, BWPWAP hat in der Popkultur einige Spuren hinterlassen, Rap-Songs wie „Bring Back Pluto“ zum Beispiel, oder T-Shirts, Autoaufkleber und sogar Demonstrationen gegen die Internationale Astronomischen Union. Und hey, wurde nicht Walt Disneys berühmter Hund nach dem 1930 entdeckten Planeten benannt, und ist es nicht ohnehin ergreifend, wenn etwas kleines und damit ja auch niedliches, ob nun Hund oder Planet, einfach so getötet oder, wir wollen ja nicht übertreiben, in die Bedeutungslosigkeit entlassen wird?

In die Niederungen der Kulturwissenschaft

Offenbar möchte sich die Transmediale weit in die kulturwissenschaftlichen Niederungen begeben. Sie locken immer dort, wo der naturwissenschaftliche Fortschritt den Alltagsverstand überfordert und Brachen des Unverständnisses hinterlässt. Aber beschwor der Pluto-Fall tatsächlich eine globale Sinnkrise herauf? Der amerikanische Astronom Michael Brown, er ist der Mann, der Pluto zur Strecke brachte, riet bei der Festival-Eröffnungsfeier am Dienstag zur Gelassenheit und erinnerte an die kopernikanische Wende, wonach sich die Sonne nicht länger um die Erde dreht – das sei nun wirklich von epochaler Bedeutung gewesen.

Der Pluto als kuratorisches Hirngespinst? Gansing muss das nicht stören, denn er darf mit dem künstlerischen Ertrag seines von der Bundeskulturstiftung geförderten Festivals rechnen. So haben das Kollektiv Telekommunisten und die Architektengruppe raumlabor berlin mit dem „OCTO-P7C-1“ im Haus der Kulturen der Welt ein imposantes Rohrpostsystem installiert, durch deren gelbe Schläuche die Besucher ihre Botschaften jagen können; die luftbetriebene Anlage zischt, dass es eine Freude ist. Die Neuentdeckung dieses guten alten physischen und nicht etwa virtuellen Netzwerks ist ästhetisch in jedem Fall als Wiederkehr der sozialen Plastik zu begrüßen.

Eine wirkliche Entdeckung ist die amerikanische Künstlerin Sonia Landy Sheridan in einer weiteren Ausstellung. Sie experimentiert seit den 1960ern mit elektronischen Kommunikations- und Reproduktionstechnologien, etwa dem Thermo-Fax oder dem Farb-Kopierer, und legt ihre Aufmerksamkeit vor allem auf die Bugs, die von den Maschinen produzierten Fehler. Auf diese Weise fördert sie einen erstaunlichen Formenreichtum zutage, bedrucktes Papier zumeist, dem seine maschinelle Herkunft durchaus anzumerken ist. „Generative Art“ nennt sie ihre Arbeit, deren grafische Qualität dennoch „künstlerisch“ wirkt.

Die menschliche Zutat im Maschinenpark reflektieren auch die medienkritischen „Tools of Distorted Creativity“ in einer dritten Ausstellung: 13 Künstler stören sich am Personal Computer, der seinen Nutzern einst zur Erweiterung des kreativen Potenzials dienen sollte und sie doch nur zu Dienstleistern versklavte. Deshalb haben sich die wahren Künstler/Kreativen einigen subversiven Schabernack einfallen lassen und strafen das uniforme Kreativitätsversprechen mit krasser Dysfunktionalität. Ziel dieser Übung ist, sich wieder von „experimenteller Sensibilität und Intelligenz leiten“ zu lassen wie „Jimi Hendrix beim Spielen seiner E-Gitarre“. Ach ja. Nun gut.

Bis es Nacht wird auf dem Pluto

Unschwer sind bei den genannten drei Ausstellungen auch schon die Leitbegriffe zu entdecken, mit denen das reiche Angebot der Transmediale seine Ordnung finden soll: Netzwerke, Papier, Benutzer. Es kommt noch ein vierter hinzu: das Begehren in Netzwerken, auf Papier und beim Benutzer, das sich, so entnehmen wir dem Programm, auch in der Pornografie ein Ziel sucht. Wir möchten an dieser Stelle auf das ausgedehnte Workshop- und Konferenzwesen in den nächsten Tagen verweisen, das sich mit diesem wie den anderen Leitbegriffen erschöpfend beschäftigen wird. Bis auf dem Pluto die Nacht angebrochen ist. Bis zum Sonntag also.

Apropos Extraterrestrik: Nicht verpassen sollte das geneigte Publikum den Auftritt des Schriftstellers und Filmemachers Alejandro Jodorowsky am Sonnabend. Im Haus der Kulturen der Welt wird der Chilene per Videokonferenz über seine Zusammenarbeit mit dem großartigen, im Januar vergangenen Jahres gestorbenen französischen Comic-Zeichner Moebius sprechen; gerade ist der letzte Band ihres Projekts „Der Incal“ auf Deutsch erschienen, eine Art retro-futuristische esoterische Weltraum-Seifenoper. Großartig. Und ja, toll ist auch, dass die Transmediale jetzt den Comic als Medium für sich entdeckt.

Und nein, niemand braucht zu befürchten, das Berliner Pluto-Festival verfolgte in seiner Sternenseligkeit esoterische Ziele. „Der Incal“ und Jodorovsky sollen die Aufmerksamkeit auf den „Comic als kulturelles Imaginäres“ lenken. Das ist auch schon alles. Alles etwas retro, so als befände sich die künstlerisch wie wissenschaftlich angeleitete Befassung mit den Medien in einer angestrengten Phase des Nachdenkens.

Mehr Infos zur Transmediale finden Sie hier.