Berlin - Die Kombination von Krach mit schwer verständlichem Stimmvortrag hat eine lange Tradition in der Rockmusik; über einen großen Teil dieser Zeit existiert bereits die Berliner Band Mutter, die sich nicht ausschließlich, aber doch ausgiebig mit dem Erzeugen besonders erhabenen Krachs zu oft besonders unverständlichem Stimmvortrag befasst. Anders als bei anderen Wort-mit-Krach-Bedeckern jedoch erlaubt Mutter-Sänger Max Müller immer wieder genügend Worten, durch die Feedback-Suppe nach oben hin aufzutauchen, so dass man aufhorcht, sich gar an ihnen festhält.

Verzweiflung, Paranoia und Nihilismus

Denn es handelt sich meistens um alltäglich formulierte Fragen und Phrasen („Was erwartest du denn?“), denen es an Eindeutigkeit mangelt, die jedoch, umgeben von Mutters schwer entschleunigtem Tumultgeschepper, eindeutig von existenzieller Verzweiflung, von Paranoia und Nihilismus, aber auch von Zärtlichkeit erzählen und jedem Hörer das Gefühl geben, genau so auch schon gedacht oder gefühlt zu haben.

Dem Gefühl des Denkens nachempfunden werden Mutters bzw. Müllers Worte auch in ruhigeren, gar melodischen Stücken oft krude geloopt und übereinandergelegt. Sie werden also durch Gleichzeitigkeit schwerer zu fassen – klassische Avantgardetechnik des 20. Jahrhunderts! In einer Zeit, in der Avantgarde in Kunst, Wort und Musik ihrerseits kaum mehr eindeutig zu fassen ist, in der also das ehemals eindeutig Uneindeutige zum uneindeutig Uneindeutigen geworden ist, kann man sich natürlich fragen, wie sehr es Mutter noch braucht.

„Der Traum vom Anderssein“

Doch leben wir ja heute wieder in zunehmend bedrohlichen Zeiten, fühlen uns weltweit von vielleicht ähnlich existenzieller Düsternis getrieben wie Mutter im West-Berlin der Achtzigerjahre, und so kann die Band abermals zeitgemäß erscheinen – nicht, dass sie sich je ums Zeitgemäße geschert hätte. Allerdings schienen Mutter im Konzert, mit dem sie am Sonnabend im Festsaal Kreuzberg ihr neues Album „Der Traum vom Anderssein“ vorstellten, nicht mehr die existenzielle Verzweiflung selbst, sondern eben diese nachzuempfinden. Jedenfalls schien das Konzert etwas weniger druckvoll als sonst von ihren Auftritten und Aufnahmen gewohnt, insbesondere Max Müller nahm sich zurück und schmiss sich etwas seltener zu Boden!

Was aber nicht bedeutet, dass es ein emotionsloses Konzert war; im Gegenteil, auf der Bühne kam besonders schön zur Geltung, wie gut auch bei Mutter die Zurückhaltung funktionieren kann; im neuen Stück „Glauben nicht Wissen“ etwa vergingen viele wackelig krautrockige Krachminuten, bis Schlagzeuger Florian Koerner von Gustorf aufs Becken zu dreschen und den kompletten Beat zu spielen begann – eine ähnlich gekonnte Konditionierung der Rezipienten wie bei gutem Techno: Wenn sich nicht viel verändert, nimmt man jede endlich eintretende kleine Veränderung als soghaft physisches Ereignis wahr.

West-Berlin-Post-Punk-Ding

Psychomusikalisches Timing! Die besondere Gabe jedes guten Krachmachers!
Ähnlich verhielt es sich im Stück „So bist du“ mit einem nach Minuten leicht veränderten Basslauf. Dazu fanden Gitarrist Olaf Boqwist und Keyboarderin Juliane Miess, ebenfalls nach Minuten herumirrenden Krachmachens, in Gänsehaut verursachenden Brutzel- und Kreischklangschichten zueinander. Geradezu poppig aufgebaut, inklusive Klavier-Jingle und eierndem Synthie-Solo, war das Stück „Glorie“.

Oft verebbte und kollabierte das psychomusikalisch gut aufgebaute mit erstaunlicher Beliebigkeit, auch so eine klassische Avantgarde-Sache, die den verunsichert gellenden, impulsiv jammernden, sich selbst verwirrend loopenden und verwirrt unterbrechenden Max Müller und sein tradiertes West-Berlin-Post-Punk-Ding aufs Effektivste trug bzw. ins Leere laufen ließ. Natürlich rief dies eine andere Applausdynamik hervor als eine solide Stadionrockaufführung. Doch wie so oft brachte Müller es simpel und diffus auf den Punkt: Nachdem er viele Male die Worte „Der Traum vom Anderssein“ gesungen hatte, hängte er ein kurzes „Jetzt alle“ dran: Wir alle wollen anders sein, sind hier, ums Anderssein zu feiern und gleichen uns darin komplett. Alles paradox, wie bei Mutter, zum Verzweifeln, dennoch schön.